A Friday Night – on the Lower East Side

15.09.2010 von  

LES, die Lower East Side in Manhattan, angrenzend an China Town mit seinen ├╝berf├╝llten Stra├čen, auf denen zu jeder Tageszeit Rush-Hour herrscht, den East River im S├╝den und der East Village, die noch bis Anfang der 60er Jahre als Teil der LES galt.
Hier im East Village und der Lower East Side waren von den 1950er bis in die sp├Ąte 1980er Jahre erst die Beat-Poeten, dann Hippies, Punks und Post-Punks zu Hause. Ateliers, Gallerien, Performance-Theater und Musik-Clubs s├Ąumten die Stra├čen. In der East Third Street 48, wo Jack Kerouac auf einer Leiter vor dem Atelier stehend aus “On The Road” vorlas, w├Ąhrend Allen Ginsberg im Publikum sa├č, gibt es heute nicht mehr viel zu sehen. St. Marks Place, die Stra├če, auf der in den 60ern Abbie Hoffmann und Jerry Rubin die Yippies in einem Keller gr├╝ndeten , Andy Warhol in der Polish Hall, auch bekannt als Dom, eine gewisse Band namens Velvet Underground pr├Ąsentierte und Anfang der 80er Keith Haring und Basquiat gemeinsam in St Marks Place 51 ausstellten, besteht heute aus teuren Apartment-Komplexen und vielen kleinen Shops.

Den unumg├Ąnglichen Weg der Aufwertung und allgegenw├Ąrtigen Gentrifizierung solcher Viertel wie der LES gingen noch viele weitere, vormals als n├Ąchtliche No-Go-Area oder Drogenumschlagsplatz bekannte, Stra├čenz├╝ge dieses zum schicken und trendigen Nightlife-Bezirks gewordenen Stadtteils. So auch die Stra├če Bowery, mit ihrer wohl bekanntesten Hausnummer 315, von 1973 bis 2006 Heimat des Clubs CBGB, in dem Bands wie Television, Blondie und die Ramones, inklusive des Terminus “Punk”, gro├č wurden und an dessen Stelle heute ein High Fashion Designerladen f├╝r Herren steht.

Doch inmitten all der hippen Bars und Nachtclubs finden sich immer noch individuelle Schlupfl├Âcher, in denen Neues entsteht und vor allem k├╝nstlerischen und musikalischen Neuheiten ein Raum geboten wird. Sei es die Mercury Lounge oder Luna Lounge, die um 2000 herum die ersten Auftritte der Strokes und Interpol beherbergten, das ABC No Rio, ein 30 Jahre altes soziales Zentrum, das jeden Sonntag mit Punk- und Hardcore-Matinee-Konzerten aufwartet oder der Cake Shop in der Ludlow Street, in dessen Keller an fast jedem Wochentag mindestens drei bis f├╝nf Bands aus allen erdenklichen Musikrichtungen zu Gast sind, w├Ąhrend es sich in der Cafe/Bar im Erdgeschoss bei (ausschlie├člich veganem) Kuchen, Torte, Geb├Ąck, Kaffee oder Bier und zu Musik von Metal bis Reggae wunderbar abh├Ąngen l├Ąsst.
Diese originelle Mischung aus Sinneseindr├╝cken brachte auch mich an diesem Freitagabend per Fahrrad aus Brooklyn in den Cake Shop.

Den unumstrittetenen Hauptact dieses Konzertabends stellte die Brooklyner Band Forgetters. Erst seit einem knappen Jahr existierend, besteht die Band aus in der US-amerikanischen Indie-Landschaft sehr umtriebigen und bekannten Pers├Ânlichkeiten. S├Ąnger und Gitarrist Blake Schwarzenbach d├╝rfte einigen als Kopf der haupts├Ąchlich in den 90ern aktiven Band Jawbreaker bekannt sein, wohingegen Schlagzeuger Kevin Mahon als Gr├╝ndungsmitglied der Band Against Me!, der seine vorherige Kapelle lange vor deren Auf-und Durchbruch in Major-Gefilde verlie├č, und Bassistin Caroline Paquitas k├╝nstlerisches Bet├Ątigungsfeld, wie auch ihre ehemalige Band BitchinÔÇś, eher in Brooklyns DIY-Punk Szene zu verorten ist.
Diese Referenzen und ein, auch die drei Vorbands betreffendes, stimmiges Line-Up lassen sowohl den Cake Shop Keller an diesem Abend zu fr├╝her Stunde voll, wie auch die Schlange vor der Kuchentheke lang werden.

Das Publikum ist bunt gemischt. Begegnen kann man hier solch unterschiedlichen Menschen wie dem augenscheinlichen Stammtisch bzw. -tresen des Cake Shop, deutschen Touristen, einer tourenden kanadischen Metalband an ihrem freien Tag (ÔÇ×Off-DayÔÇť) oder auch Models, die sich nach Feierabend bei der derzeitig stattfindenden New York Fashion Week Ablenkung verschaffen.
Bevor gegen 0 Uhr die Forgetters (die am 21.9. eine Doppel-7inch Platte ver├Âffentlichen) den schlauchf├Ârmigen Keller mit ihrem mal treibenden, mal nachdenklichen Indie Rock der alten Schule fast aus seinen N├Ąhten platzen lassen, er├Âffnen These Days, Pregnant und Bells den Abend.

These Days, das sind drei M├Ądels aus Brooklyn, die mit ihrem eindringlichen, d├╝steren Post-Punk nicht den Eindruck erwecken, da├č es sie als Band erst seit einem halben Jahr gibt. Ein Umstand, der leider auch zur (noch) nicht vorhandenen Pr├Ąsenz der Band im Internet beitr├Ągt. Den rock’n’rolligen, Garage-schwangeren Punk der zweiten Band Pregnant, ebenfalls aus Brooklyn, kann man hingegen in Form einer kompletten LP auf ihrem labeleigenen Blog erwerben oder auch kostenlos herunterladen: http://wannaseemygun.com/.
Ganz andere, post-rockige und instrumentale T├Âne schlagen hingegen die vier Herren von Bells an. Zwei sich ineinander verwebende Gitarren, akkurates Schlagzeug, ein treibender Bass und das Wissen um die Vorgeschichte zweier Mitglieder von Bands wie Jawbox und den 2009 aufgel├Âsten, zuletzt auf SubPop beheimateten Oxford Collapse, sorgen f├╝r ein gebannt lauschendes und begeistertes Publikum. Bells unterhalten einen sehenswerten eigenen Blog, auf dem sich auch weitere sch├Âne Fotos dieses Auftritts finden lassen.

Den kr├Ânenden Abschluss dieses Freitagabends voller neuer Eindr├╝cke und Bekanntschaften im Cake Shop verschaffte ich mir mit einem veganen XXL-Haferflocken-Rosinen Keks (siehe unten).
The kids are still alright ÔÇô on the Lower East Side.