Konzertbericht: Dear Reader im Konzerthaus III&70, Hamburg, am 22. Januar

24.01.2012 von  

Dear Reader (City Slang)Dear Reader (City Slang)

“He climed into the belly of a great white bear.” Diese Zeile stammt aus Dear Readers „Great White Bear“ und momentan fĂŒhle ich mich wie im Bauch dieses großen weißen BĂ€res. Es ist eng und ein bisschen stickig. Nur nach Fisch riecht es nicht.

Ich bin im Kulturhaus III&70 im Hamburger Schanzenviertel und bin noch ganz ĂŒberrumpelt von den vielen, vielen Menschen, die sich in die kleine, aber sehr feine Location gezwĂ€ngt haben. Dear Reader spielen heute auf und mit solch großem Publikum habe ich nicht gerechnet. Ein Abend mit toller Musik in heimeliger AtmosphĂ€re und mit wunderbaren KlĂ€ngen, das war eher die Vorstellung. Nun sind es also mehr Menschlein und damit wird es umso kuscheliger. Der Bauch des großen BĂ€res ist eben doch begrenzt. Umso besser!

Beim Reinkommen spielt bereits die Vorband The Good Morning Diary. (Ich gebe zu, ich kam fĂŒnf Minuten zu spĂ€t. Aber welches Konzert fĂ€ngt schon pĂŒnktlich an? Na, ganz offensichtlich dieses.) Die Hamburger machen poppigen Pop, bestehend aus Schlagzeug, Cello, Gitarre und Gesang. Auf den ersten Blick ist das ganz nett, auf den zweiten irgendwie ein bisschen zu viel Sunrise Avenue. Die Töne sind groß und schwer, die Texte leicht schmalzig anklingend. Aber gut, die Vorband erfĂŒllt ihre Funktion: Sie stimmt das Publikum ein. Leider sorgt sie aber nicht fĂŒr Stimmung. Das ist bei diesem Publikum vielleicht auch nicht so einfach. Es ist eine bunte Mischung von allem: viele Frauen, erstaunlich viele MĂ€nner (die nicht Teil eines PĂ€rchens sind), so einige Allein-Konzert-GĂ€nger, die Quoten-PĂ€rchen und die typischen Schanzen-Vertreter. Kein einfaches Publikum fĂŒr The Good Morning Diary. Nach 30 Minuten werfen sich die erstaunlich wenigen KnutschepĂ€rchen ihr KĂŒsschen zu, der Rest applaudiert höflich und die Band geht von der BĂŒhne.

Der BĂ€renbauch wird immer voller und enger. Ein kurzes Entspannen in der Umbaupause und dann geht alles ganz unvermittelt los. Ohne dass man es mitbekommen hĂ€tte, stehen Dear Reader auf der BĂŒhne und spielt den ersten Song. Mir ploppt sofort ein “bezaubernd“ in den Kopf. Allein die Besetzung der Band: Da stehen zwei Damen an der Mikrofonfront, so entzĂŒckend anzuschauen und voll und ganz in ihre Musik vertieft. Sie machen die Augen fast nie auf beim Singen, sind sofort im Musik-Spiel-Modus und ganz hinreißend. Hinter ihnen steht eine bunte Kelle “Alles“. Der Schlagzeuger sieht aus wie ein verkappter Heavy Metaller, der Bassist wie ein Mathematiker und der Akkordeonist/Gitarrist könnte BWLer sein. Eine ganz wunderbare Band, die ein ganz wunderbares Konzert spielt. Die Songs klingen perfekt,die klare Stimme von SĂ€ngerin Cherilyn MacNeil ist unbeschreiblich schön. Das Quintett spielt mit kleinen experimentellen Einlagen, setzt mal hier einen Akzent, mal dort und schafft eine gute Mischung aus alten und neuen Liedern. Ich höre mich selbst immer wieder “wie bezaubernd“ seufzen. Die Ansagen zwischen den StĂŒcken sind, wie sollte es anders sein, entzĂŒckend. Die Band hat Spaß, freut sich ĂŒber die „warm crowd“ und ĂŒbertrĂ€gt diese Stimmung mit viel Charme auf das Publikum. Kleine Pannen und Patzer machen das Ganze irgendwie rund und nur noch hinreißender.

Der Bauch des weißen BĂ€res fĂŒhlt sich so sympathisch und warm an, dass die knappen 90 Minuten ganz schnell rum sind. Nach zweimaliger Zugabe sind auch die letzten im Publikum ganz offiziell in Cherilyn MacNeil verliebt. Als sie endgĂŒltig von der BĂŒhne geht, ist ein leichtes Seufzen zu vernehmen. Ach, wĂ€r es doch nie vorbei. So ein BĂ€renbauch, der ist schon etwas Schönes …