Beth Gibbons – „Lives Outgrown“ (Album der Woche)

Von ByteFM Redaktion, 20. Mai 2024

Cover des Albums „Lives Outgrown“ von Beth Gibbons, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Beth Gibbons – „Lives Outgrown“ (Domino)

Beth Gibbons klang schon immer so, als würde das Gewicht der ganzen Welt auf ihr lasten. Das war von Anfang an eine der vielen Eigenschaften, die ihre Stimme so besonders machte. Von den rauchigen Klageliedern des ersten Portishead-Albums „Dummy“ bis zur ultimativen Schmerz-Musik, die die Britin auf ihrer letzten Veröffentlichung in Album-Länge performte – Henryk Góreckis berühmte 3. Sinfonie. Ein Konzeptwerk über Mütter, die durch Krieg und Gewalt von ihren Kindern getrennt wurden. Bei all dem transzendentalen Leid, das sich in ihrer Musik finden lässt, wird Gibbons nie richtig laut. Darin liegt ihre Kraft. Das leise Zittern ihrer Stimme zieht aus ihrer Lunge durch das Mikrofon aus den Boxen direkt in Dein Knochenmark. Und lässt Dein Innerstes erbeben.

Das Gewicht der Welt

Dieses Gewicht ist auch auf ihrem ersten offiziellen Soloalbum wieder spürbar. Vielleicht sogar stärker als zuvor. Denn „Lives Outgrown“ ist in vielerlei Hinsicht ein Werk über Machtlosigkeit. Über den eigenen Körper, der, egal was man tut, immer älter und immer schwächer werden wird. „Wenn man gegen seinen Körper ankämpft, kann man ihn nicht zu etwas zwingen, was er nicht will“, sagte Gibbons über dieses Album. Machtlosigkeit auch über die Menschen, die einen umgeben. Und natürlich das Leben an sich, das einem bei allen schwierigen Fragen nie die richtigen Antworten gibt. „No answers are there“, singt diese sanfte und markerschütternde Stimme. „No answers of why / This burden of life / Just won’t leave us alone.“

Die Vergangenheit ist schon zu tief versickert und lässt sich nicht mehr ändern, wie Gibbons in „Rewind“ lamentiert. Und was ist mit der Zukunft? Auf die bereitet sie sich in der Single „Floating On A Moment“ vor. „Without control / I’m heading toward a boundary / That divides us.“ Dass diese Grenze, die uns teilt, das Ende des Lebens darstellt, sollte klar sein. Der Tod wiegt schwer auf diesem Album – die LP ist das Resultat „vieler Abschiede“, wie sie selbst sagt.

Doch in „Floating On A Moment“ gibt es eine auch eine Zeile, die einen anderen wichtigen Aspekt dieser Platte aufzeigt: „On the path / With my restless curiosity / Beyond life / Before me.“ Gibbons begegnet dieser großen Machtlosigkeiten nicht nur mit Schmerz, sondern auch mit einer ruhelosen Neugier. Und die zeigt sich ganz besonders in der Musik dieses Albums.

Neugier und Machtlosigkeit

„Lives Outgrown“ vereint sie erneut mit Ex-Talk-Talk-Schlagzeuger Lee Harris, der bereits auf ihrem vorigen Album „Out Of Season“ (eine Zusammenarbeit mit einem weiteren ehemaligen Talk-Talk-Mitglied, Bassist Paul Webb aka Rustin Man) trommelte. Rein akustisch haben beide Platten auch deutliche Überschneidungen: Beide LPs basieren auf herbstlichen Folk-Klängen, ein warm melancholischer Kontrast zur verzweifelten Nachtmusik von Portishead. „Lives Outgrown“ beginnt mit gezupfter Akustikgitarre, gestrichenem Kontrabass, flirrenden Streichern und Holzbläser-Drones (dass diese an den abstrakten Post-Rock-Sound der späten Talk Talk erinnern, ist wahrscheinlich kein Zufall). Im Refrain von „Floating On A Moment“ erklingen Kinderstimmen und Cembalo in klimpernder Harmonie. Gibbons Lyrik ist schwermütig, doch die Musik erstrahlt in den schönsten Farben der „Golden Hour“.

So weit, so bekannt. Doch die erwähnte Neugier zeigt sich in den Momenten, in denen Gibbons über den gewohnten Sound hinauswächst. Im atonalen Streicher-Zwischenteil, der einem in „Burden Of Life“ den Boden unter den Füßen wegreißt. Im martialischen 5/4-Groove von „Rewind“, der auch auf einem Swans-Album nicht fehl am Platz wäre – wenn die Noise-Gitarren nicht von sehnsüchtigen Streichern umgarnt würden. In dem mal sanften, mal verwirrenden und dann wieder antreibenden Getrommel und Geklacker, das Harris in nahezu jedem Moment beisteuert. Und vor allem in der fast schon hemmungslosen Schönheit, die immer wieder durch diese Trauermusik bricht. Das von Breakbeats und Trompeten angepeitschte „Reaching Out“ mündet in ein zartes Outro, in dem Gibbons mit den Violinen im Chor seufzt. „I need your love to silence all my shame“, singt sie. „I need you always.“ Es sind diese Momente, die das Gewicht der Welt plötzlich leichter wirken lassen.

Veröffentlichung: 17. Mai 2024
Label: Domino

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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