Cat Power – „Moon Pix“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Moon Pix“ von Cat Power

Cat Power – „Moon Pix“ (Matador)

Nachdem ihr Freund gestorben ist und einige ihrer Freunde heroinabhängig wurden, verließ die 20-jährige Charlyn Marie „Chan“ Marshall im Jahr 1992 Atlanta und zog nach New York. Musik war für sie bis dahin nur ein soziales Event, das Bier- und Drogenkonsum ermöglichte. Dass Songwriting aber auch ein Weg sein kann, um emotionales Gepäck zu verarbeiten, dämmerte Marshall erst langsam, aber dann um so heftiger: 26 Jahre später hat sie zehn Alben veröffentlicht, die sich durch unterschiedliche Genres wie Slowcore, Blues und Elektropop mäandern. „Moon Pix“ aber, ihr viertes Album, ist essentiell für das, was die Künstlerin Cat Power bis heute auszeichnet.

1997, kurz nach der Veröffentlichung von „What Will The Community Think?“, hatte Chan Marshall eigentlich schon mit dem Musikbusiness abgeschlossen und sich eine einsame Hütte im Süden der USA gesucht, als eine Serie von Albträumen eine weitere Sammlung von Songs aus ihr hervorbrachte, die sie schließlich auf „Moon Pix“ versammelte.

Verletzlichkeit, Wärme und die ganz große Kunst des Songwritings

Die wärmenden Graustufen ihres Songwritings fächern sich auf „Moon Pix“ elegant durch alle Facetten von Einsamkeit und Angst. Aber auch Wärme und Trost sind auf dem Album zu finden. Wie Chan Marshall selbst einmal sagte, sind ihre Songs nie nur traurig, sondern auch triumphal. Inmitten aller Melancholie webt die Sängerin auch immer einen Faden Hoffnung in ihre dichten Stücke hinein: „When no one is around, love will always love you“, singt sie im Song „Say“.

Der Opener „American Flag“ unterstreicht durch ein gesampeltes, rückwärtslaufendes Schlagzeug, Gitarrenfeedback und gezupfter E-Gitarre, irgendwo zwischen Slowcore und grungigem Folk, Cat Powers Wurzeln in der experimentellen New Yorker Musikszene. Marshalls sanfte Stimme und der heiter anmutende „Schubadu“ Refrain brechen hier jedoch mit den 90ies-Indierock-Klischees und verweisen auf das zeitlose Pop-Gespür der Künstlerin. „Cross Bones Style“ hingegen ist ein Paradebeispiel dafür, dass Cat Power mit ihrer Kombination aus Indierock und Folk einen bleibenden Eindruck hinterlassen und viele MusikerInnen inspiriert hat. Die Single könnte problemlos in der Frühphase von Warpaint auftauchen. Und Stücke wie „Metal Heart“, die so wunderschön verloren klingen, dass selbst Cat Power während des Spielens das Strummingpattern verliert, könnten heute von einer Julien Baker stammen, die Dinosaur Jr. covert.

Das Kraftvolle an Chan Marshalls Musik ist die Intimität, die die scheue Sängerin mit eindringlichen Texten und ihrer ruhigen Stimme schafft. Allein die Piano-Ballade „Colors And The Kids“ deutet an, wie es sein muss, ein Leben mit Gänsehaut zu verbringen. „Moon Pix“ fühlt sich an wie eine Sammlung schräger Wiegenlieder, gesungen von der altklugen, imaginären, großen Schwester, die irgendwie öfter traurig ist, als man es sich wünscht und einen doch immer mit ihrer cleveren Sicht auf die Welt zum Lächeln bringt. Und sei’s mit einer Träne im Knopfloch.

Veröffentlichung: 22. September 1998
Label: Matador

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