Cherry Glazerr – „Stuffed & Ready“ (Album der Woche)

Cover des Albums „Stuffed & Ready“ von Cherry Glazerr

Cherry Glazerr – „Stuffed & Ready“ (Secretly Canadian)

„Don‘t be nervous.“ Sei nicht nervös. Das ist der überraschend beruhigend anmutende Refrain, den Cherry Glazerr ihrem Publikum in der ersten Single ihres neuen Albums „Stuffed & Ready“ entgegen singen. „Überraschend beruhigend“ da man von der Band um Sängerin und Gitarristin Clem Creevy eigentlich anderes gewohnt ist. Auf der 2017 veröffentlichten Vorgänger-Platte „Apocalipstick“ demonstrierte das Power-Trio aus Los Angeles ein feuriges Update auf den Riot-Grrrl-Sound der 90er-Jahre. Elf aggressive, wutverzerrte Kampfansagen gegen Sexismus, Diskriminierung und Intoleranz. Es war wahrscheinlich kein Zufall, dass „Apocalipstick“ genau am Tag der Amtseinführung des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika erschienen ist.

Nun, zwei Jahre später, scheinen Cherry Glazerr auf den ersten Blick etwas zahmer geworden zu sein. Zumindest erweckten die beiden ersten Singles diesen Eindruck: In „Daddi“ erinnern Drumcomputer und Jangle-Gitarren an Indie-Pop, während „Juicy Socks“ den eingangs erwähnten Refrain ausbreitet. Doch dann erklärt Creevy ihre Beweggründe: „In ‚Juicy Socks‘ geht es darum, seine Stimme als Waffe zu benutzen. Ach ja – und Donald Trumps orangenen Kopf in eine Backsteinmauer schmettern zu wollen.“ Und siehe da: Nach nur dreizehn Sekunden wird man in „Stuffed & Ready“ direkt von bis zum Anschlag verzerrten Gitarren überrollt. Es ist das Jahr 2019 und man kann beruhigt sein: Cherry Glazerr sind immer noch so wunderbar wütend wie eh und je.

Sei bitte nervös!

Doch die Wut dieser Band richtet sich nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Die beginnt beim Titel: „Stuffed & Ready“, vollgestopft und fertig. In solch aufwühlenden Zeiten ist es oft leichter, die Wut ich sich hineinzufressen als wirklich zu versuchen, etwas zu ändern. Der Rückzug ist leichter als die Offensive, wie das zwischen Trägheit und Frustration oszillierende „Isolation“ zeigt. „I’m an unproductive sin“ singt Creevy in „Wasted Nun“.

Dabei ist es heutzutage wichtiger denn je, wachsam zu bleiben. Creevys „Don‘t be nervous“ ist kein Balsam, sondern ein sarkastischer Weckruf. Denn die Musik von Cherry Glazerr ist voll von nervöser Energie: Die in seltsamen Schlangenlinien schlingernden Sludge-Riffs von „Stupid-Fish“, der subversiv süßliche Garage-Pop von „That‘s Not My Real Life“, Creevys Stimme, die immer wieder in hysterische Register ausbricht. Diese Musik ist hellwach, konstant in Bewegung – und demonstriert eindrucksvoll, wie mitreißend Gitarrenmusik im Jahr 2019 sein kann.

Veröffentlichung: 1. Februar 2019
Label: Secretly Canadian

Das könnte Dich auch interessieren:

  • Jane Weaver – „Flock“ (Album der Woche)
    Auf ihrem achten Soloalbum perfektioniert die britische Musikerin Jane Weaver das Zusammenspiel von Pop und Experiment. Das macht „Flock“ zum ByteFM Album der Woche. ...
  • Altın Gün – „Yol“ (Album der Woche)
    Waren ihre ersten beiden Alben noch mitreißende Psychedelic-Funk-Partys, verwandeln Altın Gün auf „Yol“ anatolische Folk-Songs nun in glitzernden Wave-Pop – ohne ihre telepathische Tightness zu verlieren....
  • Masha Qrella – „Woanders“ (Album der Woche)
    Auf „Woanders“ verbindet Masha Qrella ihren Wave-Pop mit Versen des Dichters Thomas Brasch. Es ist ein Hoffnung spendendes Generationentreffen. Das ByteFM Album der Woche....


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.