Neneh Cherry – „Broken Politics“ (Album der Woche)

Neneh Cherry - „Broken Politics“ (Album der Woche)

Neneh Cherry – „Broken Politics“ (Smalltown Supersound)

Man kennt ihn, diesen Moment, wenn man morgens die Tageszeitung oder den Newsfeed seiner Wahl durchwühlt und von allem Schrecklichen in der Welt überwältigt wird. Neneh Cherry erlebt ihn regelmäßig: „Now everything in focus, I can see it clearly / Every little detail, crystal clear in dread / Breaks my little brain, the clarity it hurts“, sind die ersten Zeilen, die sie auf ihrem neuen Album „Broken Politics“ singt. Entgegen den lähmenden Emotionen, die sie hier beschreibt, klingt die Stimme der schwedischen Sängerin selbstbewusst und kristallklar – als hätte sie das Geheimnis entdeckt, wie man in Zeiten der Verunsicherung überleben kann.

Als die 54-jährige Musikerin im Teenageralter begann, in britischen Punk-Bands wie The Slits oder Rip Rig + Panic zu singen, hießen die Feindbilder noch Margaret Thatcher oder Ronald Reagan. Heute sind es andere Namen und andere Themen, die sie beunruhigen: Die beiden im Vorfeld veröffentlichten Singles „Kong“ und „Shot Gun Shack“ sind Protestsongs gegen die US-amerikanische Immigrations- und Waffenpolitik, über der stets der Schatten eines gewissen Präsidenten schwebt.

Verpackt sind diese und die anderen Songs von „Broken Politics“ jedoch nicht in aggressive Punk-Musik, sondern in die Electronica ihres aktuellen Partners in Crime Kieran Hebden, besser bekannt unter dem Namen Four Tet. Hebden und Cherry arbeiteten bereits für den Vorgänger „Blank Project“ zusammen. Während Four Tets Instrumentals damals noch kühl, düster und minimalistisch vor sich dahinplätscherten, deckt er dieses mal Cherrys Gesellschaftskritik in ein warmes Bett, gewebt aus klimpernden Folk-Samples und knisternden Beats. Sounds, die sich nahtlos in seine Alben „Rounds“ oder „There Is Love In You“ einreihen könnten.

Gebrochene Hirne und gesichtslose Haufen

Dabei sind Hebdens Instrumentals immer nur Beiwerk für Cherrys unbändiges Charisma. In „Faster Than The Truth“ zeigt sie mit kratzigem Sprechgesang, dass sie ihre HipHop-Wurzeln nicht vergessen hat, während sie in „Natural Skin Deep“ zur überlebensgroßen R&B-Diva mutiert – inklusive Nebelhorn-Sample!

Und trotz all der schlechten Nachrichten gewinnt man nie den Eindruck, dass Cherry unter dem Gewicht der Welt einknickt. „Auf diesem Album geht es um genau das: Sich zerstört, enttäuscht und traurig zu fühlen, aber trotzdem beharrlich zu bleiben“, sagt sie über „Broken Politics“. An einem Karrierepunkt, an dem andere KünstlerInnen nur noch verzweifelt nach der Vergangenheit greifen, stellt sie sich der Gegenwart – und liefert dabei eines der triumphalsten Protest-Alben der letzten Jahre ab. Wie sie selber sagt: „Ich habe einen Namen. Du hast einen Namen. Wir sind keine gesichtslosen Haufen, die man einfach so begraben kann.“

Veröffentlichung: 19. Oktober 2018
Label: Smalltown Supersound

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