Young Marble Giants – „Colossal Youth“ (Album der Woche)

Bild des Albumcovers von „Colossal Youth“ von Young Marble Giants, das unser ByteFM Album der Woche ist.

Young Marble Giants – „Colossal Youth“ (Rough Trade Records)

Da zum Jahresende traditionell wenig neue Musik veröffentlicht wird, nutzen wir die Chance, den Blick nach hinten zu richten: Statt neuer Langspieler stellen wir wegweisende Alben vor, die 2020 ein Jubiläum gefeiert haben. In dieser Woche ist es „Colossal Youth“ von Young Marble Giants, das in diesem Jahr 40 Jahre alt geworden ist.

Die Musik von Young Marble Giants ist, selbst in den Worten der Bandmitglieder ausgedrückt, nicht besonders spektakulär. Die Gitarre und Bass spielenden Brüder Philip und Stuart Moxham verglichen den Prozess des Musikmachens mit Stricken und Nähen. Ersterer beschrieb den Gesangstil von Sängerin Alison Statton wie folgt: „Alison ist keine Sängerin! Sie singt, als wäre sie an einer Bushaltestelle oder so.“ Das alles sind definitiv keine Rock-‘n‘-Roll-Posen.

Young Marble Giants wollten auch nie Rock ‘n‘ Roll sein. Ihr Debüt und einziges Album „Colossal Youth“ erschien im Jahr 1980, in der Zeit des Post-Punk. Eine Zeit des Umbruchs. Acts wie The Sex Pistols oder The Clash, die wenige Jahre zuvor noch als kontrovers galten, gehörten mittlerweile zum Establishment. Neue Bands wie Pere Ubu, The Pop Group, Gang Of Four und The Slits arbeiteten aktiv gegen das Bild des Testosteron-schwangeren Rockstars. Sie waren politisch engagiert, musikalisch experimentell und betont seltsam.

Radikal unspektakulär

Selbst unter diesen Freaks stachen Statton und die Moxhams hervor. Durch ihre Optik (heute nennt man das Normcore), fast schon Biederkeit, aber – vor allem – durch das Unspektakuläre ihrer Songs. Beim ersten Hören ihrer Musik fällt zunächst eins auf: die Leere. Wie viel diese Band nicht macht. „Searching For Mr. Right“, der erste Song von „Colossal Youth“, beginnt mit einem einsam klackenden Drumcomputer, der nur die Off-Beats, nicht aber die Bassdrum spielt. Das soll sich im Verlauf des Songs nicht ändern. Die Moxhams füllen die gigantischen Leerstellen nur minimal, mit einem spindeldürren Basslauf und stoischem Gitarrenkratzen. Statton klingt tatsächlich so, als würde sie nur für sich selber singen, unwissend, dass da jemand ein Mikrofon vor ihr aufgebaut hat.

Diese Leerstellen finden sich überall auf dem Album. Mit diesem Ultra-Minimalismus waren Young Marble Giants deutlich radikaler als viele ihrer viel lauteren Mitstreiter*innen. Doch diese Songs, jeder von ihnen aufgenommen und gemischt in einem Zeitraum von nur 20 Minuten, sind aufregender, als sie scheinen. Das Hirn muss sich nur drauf einstellen. Auf die seltsamen Parameter, mit denen diese Band funktioniert: Ein Garage-Rock-Banger ohne Schlagzeug („Include Me Out“). Ein tieftrauriges Instrumental, gespielt von der scheinbar billigsten Orgel und dem billigsten Drumcomputer der Welt („The Taxi“). Immer wieder scheinen Melodien aus der Leere, die man nicht mehr vergisst. Kleine Pop-Meisterwerke wie „Brand – New – Life“. Ein Trennungslied, das minutenlang ohne Worte auskommt („N.I.T.A.“). Ein konsumkritischer Punk-Song, gesungen, als wäre er ein Liebeslied („Credit In The Straight World“). Am Ende dieser 15 Songs scheint diese seltsame Pop-Musik die einzige, die Sinn ergibt. Und die spektakulärste.

Young Marble Giants bei ByteFM

Welch enormen Einfluss dieses Album auf die Popgeschichte hatte und wer zu den prominenten Fans gehört(e), wurde auch in der Sendung School Of Rock beleuchtet. In der Ausgabe vom 9. Februar 2020 widmete sich unser Moderator Christian Tjaben der Platte in aller Ausführlichkeit. Mitglieder im Verein „Freunde von ByteFM“ können die Sendung in unserem Archiv nachhören.

Veröffentlichung: 1. Februar 1980
Label: Rough Trade Records

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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