Die 25 besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Foto eines Hundes, der eine Sonnenbrille trägt.

Get Ur Freak On – mit den 25 besten Freak-Folk-Alben

Von allen Unwörtern der Popkultur ist „Folk“ ein ganz besonders schwammiges. Die musikalischen Assoziationen, die dieses Wort hervorruft, sind relativ klar: Akustikgitarre, Lagerfeuer, Hütte im Wald, Banjo, Mandoline, Akkordeon, Flanellhemden, eventuell lange Bärte. Bei genauerer Betrachtung gestaltet sich der Folk aber als einer der ungenauesten Sammelbegriffe der Popmusik. Ist Folk ein Überbegriff für auf „traditionellen“ Instrumenten gespielte und komponierte Musik? Oder ist es Musik, die über Generationen weitergegeben wurde? Handelt es sich um Aufarbeitung von individueller kultureller Folklore? Oder einfach auf akustischen Instrumenten geschrammelte Lagerfeuersongs? Die Antwort: Ja.

Freaks und Weirdos

Ein bisschen genauer lässt es sich schon sagen: Die einleitenden Klischees (Akustikgitarre, Lagerfeuer, Ihr wisst schon …) stammen aus dem Folk-Music-Revival, das zur Mitte des 20. Jahrhundert mit Acts wie Woody Guthrie oder Bob Dylan in die Popkultur einzog. Das heißt aber nicht, dass die anderen Folk-Definitionen seitdem aus der Welt verschwanden. Um es noch komplizierter zu machen: Dabei handelte es sich außerdem bereits um das zweite große Folk-Music-Revival! Das erste bezeichnet die Zeit um die vorige Jahrhundertwende, als Komponisten wie Béla Bartók oder Isaac Albéniz einen romantischen Kompositionsstil mit folkloristischen Melodiemotiven verbanden.

Wenn Folk schon ein so interpretationsfähiger Universalsammelbegriff ist, was soll dann bitte Freak-Folk sein? Eine Antwort wäre: Eine kleine Szene in den USA der Nullerjahre, die die psychedelischsten und abseitigsten Aspekte des zweiten Folk-Music-Revivals auf die Spitze trieben. Musiker*innen wie Devendra Banhart oder Joanna Newsom arbeiteten mit Werkzeugen, die mit Folk-Musik assoziiert werden – und brachten aber ihre ganz eigenen, unkonventionellen Denkweisen mit ein. Im Sinne der generellen Schwammigkeit des „Folk“ wollen wir hier in dieser Liste die Definition des Freak-Folk aber noch ein bisschen ausweiten, auf Psychedelic-Folk, Anti-Folk und Post-Folk – und 25 wunderbare mit akustischen Instrumenten bewaffnete Freaks und Weirdos feiern.

John Fahey – „The Great San Bernardino Birthday Party & Other Excursions“ (1966)

Albumcover von John Faheys „The Great San Bernardino Birthday Party & Other Excursions“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

John Fahey hasste nicht nur The Beatles – er hasste die gesamte psychedelische Gegenkultur der 60er-Jahre. Der 1939 in Washington, D.C. geborene Autodidakt gilt als prägende Figur der (Achtung, noch eine neue Folk-Kategorie) American-Primitivism-Bewegung, die sich durch instrumentale Solo-Gitarren-Musik auszeichnete. Seine frühen Alben wie „Blind Joe Death“ und „The Dance Of Death & Other Plantation Favorites“ waren virtuose Fingerpicking-Exkursionen, gleichermaßen von Blues beeinflusst wie von Komponisten wie Charles Ives und der bereits erwähnte Bartók. Sie waren von der Popmusik der 60er-Jahre meilenweit entfernt, sie hatten nicht die Texte eines Bob Dylan oder die zugänglichen Melodien der British Invasion.

Doch dann veröffentlichte Fahey sein fünftes Album „The Great San Bernardino Birthday Party & Other Excursions“ – und darauf experimentierte er mit den Aufnahmetechniken, die auch die verhassten Beatles benutzten. Das eröffnende Titelstück ist eine 19-minütige, bewusstseinserweiternde Sinfonie, als staubtrockene Fingerstyle-Übung beginnend und am verhallten Boden eines Brunnen endend. Andere Songs wie „Knott’s Berry Farm Molly“ flirteten mit rückwärts abgespielten Gitarren und Mellotron-Klängen. Das Ergebnis ist nicht nur eines der aufregendsten Psychedelic-Folk-Alben der 60er-Jahre – sondern ein früher Meilenstein des Freak-Folk. Fahey selbst nannte es griesgrämig „einen theatralischen, unorganisierten Erguss von Geschwafel“.

Vashti Bunyan – „Just Another Diamond Day“ (1970)

Albumcover von Vashti Bunyans „Just Another Diamond Day“ (1970), eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Würde jemand das Licht der aufgehenden Sonne über einer vernebelten Gebirgslandschaft 1:1 in Musik verwandeln, das Ergebnis klänge wahrscheinlich wie „Just Another Diamond Day“. Das Debütalbum von Vashti Bunyan ist eines der filigransten Alben des zweiten Folk-Music-Revivals, gefüllt mit zart gezupften Akustikgitarren, verspielt tanzenden Blockflöten und ihrer es sich direkt im Gehörgang gemütlich machenden Kopfstimme. Die Musik der Britin steht im starken Kontrast zum virtuosen Fahey-Folk, das macht „Just Another Diamond Day“ aber mit unwiderstehlicher Traumtänzerei weg. Bunyans schlagzeuglose Folk-Vision stieß 1970 auf taube Ohren. Diese Musik passte nicht in die Pop-Charts, dafür war sie in ihrer puren Schönheit zu seltsam. Es sollten ein paar Jahrzehnte vergehen, bis eine neue Generation von Folk-Tagträumer*innen dieses Album für sich entdeckte. Heute gilt Vashti Bunyan als „Patin des Freak-Folk“.

Tim Buckley – „Starsailor“ (1970)

Albumcover von Tim Buckleys „Starsailor“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Tim Buckley (der Vater von Jeff Buckley) startete seine Karriere im Greenwich Village, dem kulturellen Epizentrum des zweiten Folk-Music-Revivals. Doch es dauerte nicht lange, bis die Musik des US-Amerikaners größer, seltsamer und abseitiger als die seiner Mitstreiter*innen wurde. Nichts zeigt das besser als „Starsailor“, sein sechstes, chaotischstes, kreativstes Album. Buckley oszilliert wild zwischen Avant-Jazz, Art-Rock und Psychedelic-Folk, oftmals binnen Minuten – als hätte Captain Beefheart ein Folk-Album aufgenommen. Seine Folk-Fans stieß er damit ziemlich vor den Kopf. Schade drum, sie verpassten eines seiner absoluten Highlights, verborgen inmitten dieses unruhigen Sturms: „Song To The Siren“, ein ätherisch ruhiges, wunderschönes Stück Folk-Pop.

Lach – „Contender“ (1990)

Albumcover von Lachs „Contender“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Springen wir einmal zwanzig Jahre in die Zukunft, in das Jahr 1990. Dort hatte – wieder im Greenwich Village – eine etwas andere Szene ihren Ursprung. Dort residierte ein Singer-Songwriter namens Lach, dessen Musik regelmäßig von Booker*innen abgelehnt wurde, da sie zu „Punk“ war. Lach entschloss in bester DIY-Manier, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen und wurde kurzerhand selber Booker eines eigenen, halblegalen After-Hours-Clubs namens The Fort. Zur gleichen Zeit fand um die Ecke das New York City Folk Festival statt. Grund genug für ihn, eine eigene Gegenveranstaltung zu starten: Das New York Antifolk Festival – und die Antifolk-Bewegung an sich – war geboren.

The Fort und andere von Lach mitorganisierte Locations wie das Sidewalk Café boten seitdem eine Heimat für Folk-Freaks aller Art. Sein Veranstaltungsengagement war für dieses junge Genre genau so wichtig wie seine eigene Musik, allen voran sein Debütalbum „Contender“ – eine disperse Sammlung an Akustikgitarren-Punk-Songs, rotzigen Shantys und schlitzohrigen Showtunes, deren schroffe DIY-Ästhetik Acts wie The Moldy Peaches direkt beeinflusste.

Palace Music – „Viva Last Blues“ (1995)

Albumcover von Palace Musics „Viva Last Blues“ (1995), eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Wenn man über Freaks mit Akustikgitarren schreiben möchte, dann muss man auch über Will Oldham schreiben. Bevor der Singer-Songwriter aus Kentucky als Bonnie „Prince“ Billy die dunkle Seite der Americana in herzzerreißend schöner Folk-Musik beleuchtete, arbeitete er unter dem Namen Palace Music (oder auch Palace Brothers – Decknamen wechselte Oldham früher gerne und viel). In seiner Anfangsphase gestaltete sich seine Musik noch loser und fließender als später, was das Palace-Music-Glanzstück „Viva Last Blues“ eindrucksvoll dokumentiert.

Das Instrumentarium ist fast schon konservativ (Gitarre, Bass, Schlagzeug, Klavier), doch das gesamte Feeling ist off. Oldham und seine Band legen hier etwas an den Tag, das so nur als „bedrohliches Stolpern“ bezeichnet werden kann. Und dann setzt er noch bizarre Textzeilen wie diese darauf: „If I could fuck a mountain / Lord, I would fuck a mountain / And I’d do it with a woman in the valley“, singt sein nasales Vibrato in „The Mountain Song“.

Neutral Milk Hotel – „In The Aeroplane Over The Sea“ (1998)

Albumcover von Neutral Milk Hotels „In The Aeroplane Over The Sea“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Apropos seltsam bis unangenehm sexualisierte Textzeilen über Gebirgszüge: Bei all den Seltsamkeiten, die Neutral Milk Hotel auf ihrem zweiten Album „In The Aeroplane Over The Sea“ ihrem Publikum entgegenschleudern, werden sich die meisten Hörer*innen wahrscheinlich an Textzeilen wie „Semen stains the mountain tops“ stoßen. Was sich vielleicht wie eine vernichtende Kritik der Poesie von Songschreiber und Sänger Jeff Mangum liest, ist aber das genaue Gegenteil. Der Anführer der Freak-Folk-Epigonen aus Louisiana versteht es wie wenige andere, einen mit seltsamen Sätzen aus der Fassung zu bringen – und die sich gerade deswegen tief im Unterbewusstsein festkrallen.

Das können surreale Wortgeflechte wie „Now she’s a little boy in Spain / Playing pianos filled with flames“ sein, oder einfach ein beherzt gegröltes „I love you, Jesus Christ“. Die Musik seiner Band tut ihr Übriges, mit Synapsen aufreißendem Fuzz-Bass, Singenden Sägen, Harmonium, Zirkus-Orgeln und der omnipräsenten Akustikgitarre. Seltsamer und atemberaubender wurde Popmusik – und Folk-Musik – in den 90er-Jahren nicht mehr.

The Moldy Peaches – „The Moldy Peaches“ (2001)

Albumcover von The Moldy Peaches' „The Moldy Peaches“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Im Vergleich zu dieser Reizüberflutung steht der Minimalismus von The Moldy Peaches. In bester DIY-Kassettenrekorder-Ästhetik spielen sich die beiden Co-Leader Kimya Dawson und Adam Green bewusst „normale“ Statements zu („I wrote a new song / It has a good beat!“), begleitet von schlichten Gitarrenakkorden und Drums. Gemeinsam zelebrieren die beiden New Yorker*innen auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum die Schönheit des Alltäglichen – und unterbrechen ihr gemütliches Geschrammel regelmäßig mit genauso kurzen wie wüsten Noise-Vignetten. Ein Klassiker des Anti-Folk!

The Microphones – „The Glow Pt. 2“ (2001)

Albumcover von The Microphones' „The Glow Pt. 2“ , eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Als Phil Elverum das zweite Album seiner Band The Microphones aufnehmen wollte, wurde ein kleiner Traum für ihn wahr: Sein Label-Boss und Freund Calvin Johnson verschaffte ihm den Schlüssel des legendären Dub Narcotic Studios in Olympia, Washington. Der Deal: Elverum durfte (kostenlos) aufnehmen, wann immer das Studio leer war – sprich in den frühen Morgen- und Abendstunden. Der Singer-Songwriter nutzte diesen Freifahrtschein voll aus – und erschuf fast in Eigenregie eines der spannendsten Alben des modernen US-Folk. Eleverums improvisierte Studio-Experimente lassen Klaviere wie Donnergrollen, Snare-Drums wie Laubrascheln und Akustik-Gitarren wie Kaminknistern klingen. Und dann ist da noch das Songwriting, in dem er Poesie und Banalität auf entwaffnende Art und Weise verbindet. Eine Qualität, die Elverum auch in seinem aktuellen Projekt Mount Eerie noch nicht toppen konnte. „The Glow, Pt. 2“ ist manchmal sehr laut, mal ist es nahezu unerträglich leise – und immer ist es komplett unvorhersehbar.

Angels Of Light – „Everything Is Good Here / Please Come Home“ (2003)

Albumcover von Angels Of Lights „Everything Is Good Here / Please Come Home“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Als Michael Giras erste Band Swans im New Yorker No-Wave-Untergrund der 80er-Jahre auf der Bildfläche erschien, stand ihr Name vor alledem für eins: im wahrsten Sinne des Wortes unerträgliche Lautstärke. Swans-Konzerten wurden damals gerne nachgesagt, dass sie durch ihre Intensität Teile ihres Publikums zum Erbrechen brachten. Wer sich damals in einem New Yorker Kellerloch das Abendessen aus dem T-Shirt wischen musste, konnte sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass der Anführer dieser Höllenband irgendwann mal eine Folk-Band fronten würde.

Doch genau das geschah im Jahr 1998, als Gira kurz nach der (vorzeitigen) Auflösung von Swans die neue Gruppe Angels Of Light gründete. Die gestaltete sich tatsächlich als Americana-Band – die aber immer noch die Intensität von Swans in sich versteckt trug. Ihre dritte LP „Everything Is Good Here / Please Come Home“ zeigt diesen Balanceakt meisterhaft: Zarte Folk-Miniaturen wie „Kosinski“ oder „Family God“ gehen Hand in Hand mit apokalyptischen Höllentrips wie „All Soul’s Rising“.

Animal Collective – „Sung Tongs“ (2004)

Albumcover von Animal Collectives „Sung Tongs“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Bevor sie mit ihrem 2009er Smash-Hit-Album „Merriweather Post Pavilion“ zu Indie-Pop-Superstars wurden, stand der Name Animal Collective vor alledem für eins: absolute Unvorhersehbarkeit. Das Debüt des stetig zwischen zwei und vier Bandmitgliedern changierenden Projekts aus Baltimore war ein verrauschtes Psych-Pop-Märchen, der Nachfolger „Danse Manatee“ hingegen ein ziemliches Noise-Massaker. Album Nr. fünf, „Sung Tongs“, eingespielt von den einzigen konstanten Animal-Collective-Akteuren Avey Tare und Panda Bear, war noch einmal ein ganz eigenes Biest. Wir euphorisierte Spielkinder ließen die beiden Musiker relativ schlichte Folk-Songs durch den Sampler-Fleischwolf jagen, ohne dabei die unfassbar warmen Harmonien von Songs wie „Winters Love“ zu zerstören.

Devandra Benhart – „Nino Rojo“ (2004)

Albumcover von Devandra Benharts „Nino Rojo“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Im selben Jahr erschienen wegweisende Alben der beiden Musiker*innen, die wahrscheinlich am meisten mit dem Wort „Freak-Folk“ verknüpft werden. Einer von ihnen ist Devendra Banhart. Auf seinem besten Album „Nino Rojo“ singt der venezolanisch-US-amerikanische Songwriter Lieder über gelbe Spinnen, kleine Spatzen und Eulenaugen. Sein nasales Vibrato und seine gebrochenen Akustikgitarren-Akkorde verwandeln potentielle Kinderlieder in bedrohlich flirrende Psych-Folk-Miniaturen. Vom politischen, kollektivistischen Anspruch des zweiten Folk Music Revivals ist hier nicht mehr viel übrig, stattdessen entführt Banhart seine Hörer*innenschaft in eine nur scheinbar unschuldig anmutende Innenwelt – die ihre ganz eigene Energie mit sich bringt.

Joanna Newsom – „Milk Eyed Mender“ (2004)

Albumcover von Joanna Newsoms „Milk Eyed Mender“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Die andere essentielle Freak-Folk-Künstlerin ist Joanna Newsom. Während viele andere Acts der Szene mit technischem Dilettantismus kokettieren, handelt es sich bei der kalifornischen Künstlerin um eine wahre Virtuosin: Newsoms komplizierte, polyrhythmische Harfen-Kompositionen verlangen extrem hohes spielerisches Niveau. Was macht sie und ihre Musik zum „Freak“? Erst einmal die extreme Rohheit dieses Debütalbums: keine Overdubs, nur Newsom, ihre Harfe, eventuell ein Klavier oder ein Wurlitzer und ihre sich in mindestens genauso komplexen Bahnen wie ihre Instrumente bewegende Stimme. Im Vergleich zu ihren späteren, sehr sinfonischen Werken sind die Songs von „Milk Eyed Mender“ allesamt recht kurz gehalten und dennoch bis an den Rand vollgestopft mit Melodien, Rhythmen und Textzeilen, die sich tief im Stammhirn festsetzen. Newsoms Musik verlangt auch in dieser rohen Form tiefe Aufmerksamkeit.

CocoRosie – „La maison de mon rêve“ (2004)

Albumcover von CocoRosies „La maison de mon rêve“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Wie auch Devendra Benhart schreiben CocoRosie Songs, die in einem Paralleluniversum als Kinderlieder durchgehen könnten. Wenn sie nicht so unwiderstehlich seltsam wären. Die US-Geschwister Sierra Rose und Bianca Leilani Casady treiben das Spiel noch weiter, indem sie auf ihrem Debüt „La maison de mon rêve“ direkt Kinder-Instrumente verwenden, von klimpernden Toy-Pianos und Glockenspielen bis direkt zu zweckentfremdeten Spielzeugen. Ihre Stimmen klingen mal frech und vorwitzig, dann wieder schüchtern und zittrig. Das Ergebnis ist nervöse Innere-Kind-Musik, die gleichzeitig verstören und verzücken kann.

A Silver Mt. Zion – „Horses In The Sky“ (2005)

Albumcover von A Silver Mt. Zions „Horses In The Sky“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Die Musik von A Silver Mt. Zion ist auf jeden Fall nichts für Kinder. „They put angels in the electric chair“, ist die nicht besonders jugendfreie Zeile, die das kanadische Kollektiv einem zuerst auf seinem Opus magnum „Horses In The Sky“ entgegen krächzt. Die unter stetig wechselnden Namen erscheinende Band (Alternativen: Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, The Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band, etc.) besteht aus Mitgliedern der Post-Rock-Formation Godspeed You! Black Emperor. Während diese sich auf erdrückende Crescendo-Dampfwalzen spezialisiert haben, spielen A Silver Mt. Zion eine seltsame Mischung aus Post-Rock und Freak-Folk – mit maximal apokalyptischen Ergebnissen. Ihr Paradestück ist der erste Song von „Horses In The Sky“, „God Bless Our Dead Marines“, ein innerhalb von zwölf Minuten stetig mutierendes Stück Apokalypsenfolk.

Josephine Foster – „A Wolf In Sheep‘s Clothing“ (2006)

Albumcover von Josephine Fosters „A Wolf In Sheep‘s Clothing“ , eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Josephine Foster wollte eigentlich Opernsängerin werden. Stattdessen wurde die Musikerin aus Colorado eine fantastische Folk-Künstlerin. Die E-Musik verlor sie aber nicht aus dem Fokus, wie ihr 2006 veröffentlichtes Album „A Wolf In Sheep’s Clothing“ demonstriert. Hier interpretiert Foster deutsche Kunstlieder aus dem 19. Jahrhundert – und filtert diese durch ihren eigenen Freak-Folk. So wird ihre von zartem Vibrato und sanftem Klampfengezupfe getragene Version von Franz Schuberts Goethe-Adaption „Der König in Thule“ von einem fiesen E-Gitarrensolo zerschnitten, während Robert Schumanns „Auf einer Burg“ in Lo-Fi-Noise ertränkt wird. Ein im wahrsten Sinne des Wortes aus der Zeit gefallenes Album.

Current 93 – „The Inmost Light Trilogy“ (2007)

Albumcover von Current 93 „The Inmost Light Trilogy“ , eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Die Musik, die David Tibet seit den frühen 80er-Jahren unter dem Namen Current 93 veröffentlichte, hat oft wenig mit allen Spielarten des Folk zu tun. Stattdessen baut der Brite seine bedrückenden Klangskulpturen oft mit Tape-Loops und Industrial-Noise. Eine starke Ausnahme bildet die erstmals Mitte der 90er-Jahre veröffentlichte Trilogie „The Inmost Light“, die 2007 auf einem einzigen Album versammelt wurde. Hier konzentrierte Tibet sich auf die Akustikgitarre, interpretierte uralte Traditionals – und beschwor eine unnachahmlich deprimierende Freak-Folk-Vision herauf. Die generelle Endzeitstimmung wird an den richtigen Momenten von schier unerträglicher Schönheit durchbrochen, wie in dem zum Heulen schönen Spiritual „All The Pretty Horses“, das hier gleich zweimal erklingt: erst als ominöse Spoken-Word-Variation, dann als sonores Duett mit Goth-Pop-Papst Nick Cave.

Fire On Fire – „The Orchard“ (2009)

Albumcover von Fire On Fires „The Orchard“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Da wir hier schon über Endzeitstimmung sprechen: Die Band Fire On Fire aus Portland klingt häufig so, als würden die letzten Bewohner*innen dieses Planeten um ein improvisiertes Lagerfeuer versammelt und mit auseinanderfallenden Instrumenten bewaffnet Songs vom Versagen der Menschheit singen. Ihr zweites Album „The Orchard“ ist eine Sammlung von apokalyptischen Klageliedern, gespielt mit Banjo, Kontrabass, Harmonium und Gitarre – das sich aber nicht in Ende-der-Welt-Klischees aufhängt, sondern viel mehr ein Gefühl von Zusammenhalt, vom Widerstand gegen unüberwindbar anmutende Umstände versprüht.

Jordaan Mason & The Horse Museum – „Divorce Lawyers I Shaved My Head“ (2009)

Albumcover von Jordaan Mason & The Horse Museums „Divorce Lawyers I Shaved My Head“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Ähnlich wie beim bereits erwähnten Neutral-Milk-Hotel-Album gibt es viele Elemente auf dieser LP von Jordaan Mason & The Horse Museum, die albern anmuten können. Mit vollem Pathos gesungene Textzeilen wie „You fuck like a racehorse“, Zirkus-Instrumente und schiefe Bläser. Ein seltsamer, syntaktisch fragwürdiger Albumtitel: „Divorce Lawyers I Shaved My Head“. Hinter dieser „Albernheit“ liegt eine rohe Verletzlichkeit: Es handelt sich bei diesem Album des Kanadiers um ein manchmal fast unerträglich ehrliches Stück Folk-Musik. Masons wacklige, mitunter hysterische Stimme klingt in etwa so, wie sich ein offener Nerv anfühlen muss. Er singt von persönlichen Traumata, von Dysphorie, von Schmerz. Und man kann und will nicht weghören.

EMA – „Past Life Martyred Saints“ (2011)

Albumcover von EMAs „Past Life Martyred Saints“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Als Teil des Duos Gowns lotete Erika M. Anderson bereits in den Nullerjahren die Grenzen zwischen Noise und Folk aus. Nach dem Ende dieser Band mutierte sie zu ihrem Soloprojekt EMA, unter dem die US-Künstlerin diesen Stilmix weiter in Richtung Freak-Folk manövrierte. Auf ihrem Album „Past Life Martyred Saints“ fließen Folk-Melodien spielende Celli mit kreischenden E-Gitarren und ritualistischen Drumbeats zusammen. Das Ergebnis ist schmerzhaft, laut und wahnsinnig kathartisch.

Hop Along – „Get Disowned“ (2012)

Albumcover von Hop Alongs „Get Disowned“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Allen Anscheins nach handelt es sich bei Hop Along um eine klassische Indie-Rock-Band mit Post-Punk- und Emo-Einflüssen. Inmitten des Debütalbums der Band aus Philadelphia greift Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Frances Quinlan aber öfter zur Akustikgitarre, um ein rohes Stück Freak-Folk ins Mikro zu schrammeln. Ahnt man, dass es sich bei Hop Along um eine laute Folk-Band und nicht um eine seltsame Indie-Truppe handelt, dann merkt man den Einfluss auch über Akustikgitarren-Dekonstruktionen wie „No Good Al Joad“ hinaus. Auch die Emo-Punk-Bretter wie „Tibetan Pop Stars“ atmen den Spirit des Freak-Folk. Sie vermitteln unmittelbar das Gefühl, vier seltsamen Außenseitern beim kollektiven Ausrasten zuzuhören.

Dirty Projectors – „Swing Lo Magellan“ (2012)

Albumcover von Dirty Projectors' „Swing Lo Magellan“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Dirty Projectors waren schon immer Freaks. Die Band aus New York spielte von Anfang an zappeligen Indie-Pop. Und dann kam ihr sechstes Album, „Swing Lo Magellan“, das die Freaks zum Folk brachte. Die LP vereint Beat- und samplelastige Indietronica mit seltsamen Folk-Modulationen. Songs wie „Just From Chevron“ klingen so, als würde eine 60er-Jahre-Country-Band beim Spielen über sich selbst stolpern – und dabei die spannendste Musik ihrer Karriere spielen.

Grouper – „The Man Who Died In His Boat“ (2013)

Albumcover von Groupers „The Man Who Died In His Boat“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Der Name Grouper fiel bereits in der letzten großen Genre-Best-of-Liste auf diesem Blog, als wir über die 30 besten Dreampop-Alben sprachen. Nun arbeitet Liz Harris nun genau an der Schnittstelle zwischen verträumter Popmusik und formlosem Psych-Folk – wodurch die US-Amerikanerin mit ihrem neunten Album „The Man Who Died In His Boat“ auch für diese Liste qualifiziert ist. Es handelt sich um ihr gitarrenlastigstes Album: Viele der Songs bestehen nur aus Harris’ Gezupfe und ihrer von kilometerlangen Hallfahnen verschwommenen Stimme. Die Grenzen zwischen Song und Stille scheinen oft zu verschwimmen. Eines ist konstant: die seltsame Schönheit der Musik.

Richard Dawson – „Peasant“ (2017)

Albumcover von Richard Dawsons – „Peasant“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Richard Dawsons Freak-Folk transzendiert die Grenzen von Raum und Zeit. Die Narrative seines besten Albums „Peasant“ ist im 6. Jahrhundert angesiedelt, im britischen Königreich Bryneich. Dieser Ära entsprechend bedient sich der Künstler aus Newcastle upon Tyne an musikalischen Motiven des frühen europäischen Mittelalters. Doch damit nicht genug: Dawson inkorporiert außerdem spirituelle Sufi-Musik, Noise-Passagen und nervös oszillierende Holzbläser-Fanfaren. Über diesen globalen Folk-Flickenteppich schwebt seine unnachahmliche Stimme, deren zittriges Vibrato auf beste Art und Weise die Nackenhaare aufstellt.

Julia Holter – „Aviary“ (2018)

Albumcover von Julia Holters „Aviary“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Ein omnipräsenter Aspekt des Freak-Folk ist die (mal mehr und mal weniger sanfte) Reizüberflutung, ob durch seltsame Texte, Instrumentierung oder Stimmen. Julia Holters 2018 veröffentlichtes Meisterwerk „Aviary“ treibt dies auf die Spitze. Das Album wird mit dem passend betitelten „Turn The Light On“ eröffnet, das mit zwei Dutzend Streichern und so ziemlich allen anderen akustischen Instrumenten dieses Planeten gleichzeitig alle Lampen anmacht. Auf „Aviary“ macht die New Yorker Künstlerin immer alles, lässt sich sowohl von Freak-Folk-Elementen als auch von den Folk-Kompositionen von Komponisten wie Béla Bartók oder Antonín Dvořák inspirieren. Ein auf beste Art und Weise überforderndes Stück allumfassender Folk-Musik.

Yasmin Williams – „Urban Driftwood“ (2021)

Albumcover von Yasmin Williams' „Urban Driftwood“, eines der besten Freak-Folk-Alben aller Zeiten

Genau wie bei John Faheys „The Great San Bernardino Birthday Party & Other Excursions“ handelt es sich bei Yasmin Williams’ „Urban Driftwood“ um ein instrumentales Akustikgitarren-Album. Im Vergleich zu ersterem verwendet die Gitarristin aus North Virginia keine Tape-Loops oder sonstige Experimente. „Urban Driftwood“ ist pure Musikalität, ein vor Melodien, Ideen und Harmonien nur so übersprudelnder Fluss Schönheit. Williams braucht keine Worte, um ihre Freak-Vision zu übermitteln. Dafür braucht sie nur ihre Gitarre und ihre Finger. Beeindruckender und seltsamer klang im Jahr 2021 kein Folk-Album.

Freak-Folk im Programm von ByteFM

Noch mehr Freak-Folk gefällig? Eine Auswahl dieser Liste könnt Ihr am 16. Dezember 2021 von 11 bis 13 Uhr in einem ByteFM Container mit Marius Magaard hören. Mitglieder in unserem Förderverein „Freunde von ByteFM“ können die Sendung nach der Ausstrahlung jederzeit in unserem Sendungsarchiv nachhören.

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

4 Kommentare
  1. posted by
    Daniel
    Dez 14, 2021 Reply

    Großartige Liste! Wobei ich Newsoms Ys noch aufgenommen hätte als „Abschluss“ – danach war dann nicht mehr viel mit freak Folk 🙂

  2. posted by
    Mark Kowarsch
    Dez 14, 2021 Reply

    Als ich zum ersten Mal “die 25 besten freak-Folk-Alben“ gelesen habe, dachte ich wirklich:“Uii, das verkackt ihr!“ Aber ich muss sagen, das habt ihr wirklich super gemacht, ich bin wirklich glücklich damit. Natürlich ist das thema mit nur 25 alben bei weitem nicht abgedeckt, das ihr aber “Viva last Blues“ von Palace Music (mein absolutes Lieblings-Album überhaupt) gelistet habt, macht euch zu wahren gottgleichen Leuchtgestalten!

  3. posted by
    Olaf
    Dez 16, 2021 Reply

    Freak Folk? Den Terminus bzw. von dem Genre höre ich das erste Mal. Habt Ihr Euch das ausgedacht? Sehr cool jedenfalls und die Freak Folk-Container-Sendung ist auch super! Voll freakig! Merci!

  4. posted by
    Lach
    Dez 19, 2021 Reply

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