Die 30 besten Noise-Rock-Alben aller Zeiten

Foto eines flauschigen Kaninchens mit Blume zwischen den Löffeln

Flauschig, lieb und anschmiegsam – all das sind unsere liebsten Noise-Rock-Alben garantiert nicht

So ziemlich jede in irgendeiner Form vom populären Konsens abweichende Musikrichtung wurde schon einmal als „Lärm“ bezeichnet. Der Noise-Rock trägt das Schimpfwort stolz im Namen. Das Genre steht synonym für eine besonders lärmintensive Spielart der Rockmusik, bei der Feedback-Fiepen, Werkzeugklappern und andere Störgeräusche genauso songdienlich sind wie Gitarren-Riffs und Refrains. Was in den 60er-Jahren als Krachprovokation begann, wandelte sich im Verlauf der Jahrzehnte zu einem interessanten, bis heute höchst vitalem Subgenre.

Der Noise-Rock hat dabei innerhalb der Gitarrenmusik eine interessante Position. Er ist eine Schnittstelle zwischen Avantgarde und Pop – nicht intellektuell und verkopft genug für die E-Musik, zu schräg fürs Rock-Radio. Wer an solch einem Scheideweg arbeitet, darf nicht in Schubladen denken – und genau deshalb sind viele der spannendsten Alben der Pop-Musik mit dem Noise-Rock verbunden. Krachmacher*innen, die einerseits die Grenzen der akustischen Erträglichkeit erkundeten und andererseits immer noch mit den bekannten Mustern des Pop arbeiteten. Nur eben ein bisschen dreckiger, schmieriger, verzerrter, spannender.

Sowohl die lange Geschichte als auch die große Diversität dieses Genres wollen wir in diesem Artikel demonstrieren: Die folgenden sind die (unserer Meinung nach) 30 besten Noise-Rock-Alben aller Zeiten! Sortiert nach Veröffentlichungsdatum.

The Monks – „Black Monk Time“ (1966)

Albumcover von The Monks – „Black Monk Time“

Fünf im deutschen Gelnhausen stationierte US-amerikanische GIs schnitten sich Tonsuren in die Haare und spielten Musik, die klingt, als hätte jemand Mersey-Beat durch den Fleischwolf gejagt. Als das Debütalbum von The Monks erschien, gab es den Begriff Noise-Rock noch nicht. Mit seinen maximal übersteuerten Gitarren- und Orgel-Soli kann „Black Monk Time“ als Geburtsstunde der modernen Lärmmusik zählen. Seiner Zeit voraus war dieses Album auf jeden Fall.

The Velvet Underground – „White Light White Heat“ (1968)

Albumcover von The Velvet Underground – „White Light White Heat“

Als ihr legendäres Debüt „The Velvet Underground & Nico“ floppte, strichen Lou Reed, John Cale, Sterling Morrison und Moe Tucker Produzent Andy Warhol aus der Gleichung, um ein noch schmierigeres, verzerrteres Album zu machen. „White Light White Heat“ war auf kommerzieller Ebene ein noch größeres Desaster als sein Vorgänger. Künstlerisch hallt die zweite LP der New Yorker*innen genauso laut nach wie das Debüt – speziell der Albumabschluss „Sister Ray“, ein 17-minütiger Fiebertraum, bei dem man nach dem Hören eine lange Dusche nehmen möchte – und sollte.

The Stooges – „Fun House“ (1970)

Albumcover von The Stooges – „Fun House“

Wer über laute Stressmusik schreiben möchte, muss auch über Iggy Pop schreiben. Auf dem zweiten Album seiner Band The Stooges wurde der Garage-Rock der Detroiter noch chaotischer, klaustrophobischer und unanständiger, angereichert mit heulenden Free-Jazz-Saxofonen. Alles auf diesem Album schreit.

Neu! – „Neu! 2“ (1973)

Albumcover von Neu! – „Neu! 2“

Nachdem Michael Rother und Klaus Dinger auf ihrem Debüt schier unendliche Krautrock-Meditationen ausbreiteten, wurden sie auf „Neu! 2“ laut. Neben ihren üblichen Motorik-Schleifen („Für Immer“, „Neuschnee“) experimentierten Dinger und Rother mit Fuzz und Feedback – und legten mit abstrakten Lärm-Collagen wie „Spitzenqualität“ und „Super 16“ einen wichtigen Grundstein in der Geschichte des Noise-Rock.

Various Artists – „No New York“ (Compilation, 1978)

Albumcover von Various Artists – „No New York“

Ende der 70er-Jahre war Punk schon länger tot. Zumindest in den Augen der New Yorker Musik-Avantgarde, die in den dunkelsten Kellerlöchern der Metropole eine pechschwarze Alternative ausbrütete. Ihr Name: No Wave. Die von Brian Eno kuratierte Compilation „No New York“ versammelt einige der prägendsten Figuren dieser Szene (Lydia Lunch mit ihrer Band Teenage Jesus & The Jerks, Arto Lindsay mit seiner Band D.N.A.) und demonstrierte eindrucksvoll, wie diese Figuren die Rock-Musik aus den Angeln hoben. Dissonante aber euphorisierende Anti-Musik, jenseits von irdischen Pop-Konstrukten wie „Refrains“ oder „Melodien“.

Glenn Branca – „The Ascension“ (1981)

Albumcover von Glenn Branca – „The Ascension“

Eine wichtige No-Wave-Figur war nicht auf der Sammlung „No New York“ vertreten: Glenn Branca. Der Gitarrenzauberer führte ein ganzes Sechssaiter-Orchester an und komponierte mit seinen Kolleg*innen von allen Regeln der Harmonie abgekoppelte Lärm-Sinfonien. Sein Debütalbum teilt den Namen mit John Coltranes Free-Jazz-Manifest „Ascension“ – und ist mindestens genauso radikal und aufregend. Ebenfalls auf diesem Album zu hören: Ein Gitarrist namens Lee Ranaldo, der später noch in anderer Konstellation eine wichtige Rolle in der Geschichte des Noise-Rock spielen sollte …

The Birthday Party – „Junkyard“ (1982)

Albumcover von The Birthday Party – „Junkyard“

Bevor Nick Cave der König des Düster-Pop wurde, spielte er (mit einem Großteil seiner späteren Band The Bad Seeds) in einer Gruppe namens The Birthday Party. „Junkyard“, das zweite Album der Australier, klingt genau wie sein Titel – als hätte ein Schrottplatz ein Bewusstsein entwickelt. Es klackert, es quietscht, es knarzt, es poltert. Ein Rock-Album mit dem Harmoniegespür eines Müllschluckers.

Flipper – „Album – Generic Flipper“ (1982)

Albumcover von Flipper – „Album – Generic Flipper“

1982 war das Jahr, in dem der Noise-Rock endgültig Form annahm. Während The Birthday Party in höllischer Geschwindigkeit den alten Wagen Rock-Musik gegen die Wand fuhren, loteten Flipper das zerstörerische Potential des Mid-Tempos aus. Die Band hatte ihren Ursprung in der kalifornischen Punk-Bubble, tauschte jedoch schnell den szenetypischen Hardcore-Galopp gegen einen hundsgemeinen Trab. Kein Song demonstriert das besser als ihr Paradestück „Sex Bomb“, der Saxofon- und Gitarrenlärm vereinende Abschluss ihres Debüts „Album – Generic Flipper“.

Einstürzende Neubauten – „Halber Mensch“ (1985)

Albumcover von Einstürzende Neubauten – „Halber Mensch“

Während bei der Musik der beiden eben genannten Bands noch so etwas wie „Spaß“ im Mittelpunkt stand, tauchten Einstürzende Neubauten in die tiefsten Avantgarde-Abgründe ein. Der Sound der West-Berliner ist pechschwarzer Industrial, geschmiedet aus von diversen Werkzeugen zermartertem Metall. Nach der Schmerzmusik ihrer ersten beiden LPs lud die Band auf „Halber Mensch“ zum Tanz, mit einer Art von Musik, die sich fast Rock nennen lassen könnte – ohne ihre metallischen Kanten einzubüßen. Kein Rock, sondern Noise-Rock, in seiner unheimlichsten Form.

Sonic Youth – „Evol“ (1986)

Sonic Youth – „Evol“

Sonic Youth sind für den Noise-Rock, was Joy Division für den Post-Punk oder Oasis für den Brit-Pop sind: das platonische Ideal. Die Band, die die meisten Menschen mit diesem Genre verbinden. Spätestens seitdem das New Yorker Quartett 1990 mit seinem überraschend erfolgreichen Album „Goo“ den Noise-Rock ins Musikfernsehen brachte. Hört man ihre früheren LPs, zum Beispiel das dritte Album „Evol“, lassen sich die tiefen No-Wave-Wurzeln dieser Band erahnen. Die von Glenn Branca sozialisierten Gitarristen Thurston Moore und Lee Ranaldo experimentierten mit ins Griffbrett geklemmten Schraubenziehern und seltsamen Stimmungen, während die Rhythmusgruppe aus Kim Gordon und Steve Shelley ihre dissonanten Klangskulpturen erdeten. „Evol“ zeigt den besten Mix aus Harmonie und Disharmonie – ihr schönstes und gefährlichstes Album.

Big Black – „Songs About Fucking“ (1987)

Albumcover von Big Black – „Songs About Fucking“

Als Produzent (oder Sound-Ingenieur, wie er sich selber stets bezeichnet) prägte Steve Albini so sehr wie wenige andere den Noise-Rock (wie der weitere Verlauf dieser Liste zeigen wird). Mit seiner eigenen Band Big Black schuf er das wohl vulgärste Album des Genres – schließlich heißt es auch „Songs About Fucking“. Obwohl Albini hier über Sex, Drugs und Tod singt, betreibt er keine Rock-’n’-Roll’sche Hedonismus-Glorifizierung. Big Black ließen solche Klischees wahrlich abstoßend wirken. Das liegt zum Großteil auch am extrem unrockigen Sound: Dieses Trio hatte keinen Schlagzeuger, sondern einen maximal aufgerissenen, betont unmenschlichen Drumcomputer. Ihre Gitarren klangen wie zerberstendes Glas. Zu diesem Album werden keine Pommesgabeln erhoben, sondern der Vorschlaghammer geschwungen.

My Bloody Valentine – „You Made Me Realise EP“ (1988)

Albumcover von My Bloody Valentine – „You Made Me Realise EP“

Der Name My Bloody Valentine steht eigentlich synonym mit dem Wort Shoegaze, sprich: von ausgewaschenen Gitarrenflächen getragene, liebliche Traumtänzer-Musik. Wer das irische Quartett mal live erlebt hat, weiß aber auch, dass es sich hier um eine der lautesten, lärmigsten Bands des Planeten handelt. Das Zentrum eines My-Bloody-Valentine-Konzerts heißt „You Made Me Realise“. Der Song, zuerst veröffentlicht auf der gleichnamigen EP, drei Jahre vor ihrem Durchbruchsalbum „Loveless“, mündet schon im Tonträgerformat in eine kakophone Noise-Bridge. Auf der Bühne streckt die Band diesen Part extrem aus und lässt für bis zu 20 Minuten mit einem einzigen Akkord und tonnenschwerem Lärm die Zeit stillstehen. Was auf der EP schon mächtig klingt, wird live zu einem bewusstseinserweiternden Erlebnis.

Pussy Galore – „Dial M For Motherfucker“ (1989)

Albumcover von Pussy Galore – „Dial M For Motherfucker“

Wie würde es klingen, wenn The Rolling Stones Einstürzende Neubauten covern würden? Antworten auf diese hypothetische Frage bieten Pussy Galore. Die Gitarrist*innen Jon Spencer und Julia Cafritz häufen ein Fleischwolf-Riff auf das nächste, während die Percussions die Grenzen zwischen Snare-Drum und Mülleimer verschwimmen lassen. Das Ergebnis, wie beispielsweise ihr grandios schranziges zweites Album „Dial M For Motherfucker“, verliert aber nie den Blues aus den Augen. Die Band aus Washington, D.C. wird gerne dem Garage-Rock zugeordnet – Müllhalden-Rock wäre wahrscheinlich passender.

The Jesus Lizard – „Goat“ (1991)

Albumcover von The Jesus Lizard – „Goat“

„Goat“, die zweite LP von The Jesus Lizard, gilt zurecht als Noise-Rock-Klassiker und kommt dennoch größtenteils ohne Feedback-Attacken und Störgeräusche aus. Was dem Quartett aus Austin an Dissonanz und Lärm fehlt, macht es mit purer Manie wett. Gitarrist Duane Denison schleudert im Minutentakt genauso eingängige wie ultrafiese Melodien aus seinem Instrument. Sänger David Yow bellt wie ein verwundetes Tier. Und Produzent Steve Albini fängt diese Abfuck-Musik genauso ein, wie sie sein soll: roh, staubtrocken und unberechenbar.

PJ Harvey – „Rid Of Me“ (1993)

Albumcover von PJ Harvey – „Rid Of Me“ (1993)

Zwei Jahre nach „Goat“ von The Jesus Lizard produzierte Steve Albini einen weiteren Genre-Meilenstein: das zweite Album der sich künstlerisch stets wandelnden Musikerin PJ Harvey. Zu Beginn ihrer Karriere spielte die Britin mit ihrem Trio den kratzigsten Indie-Rock der 90er-Jahre – und nirgendwo klang der kratziger als auf „Rid Of Me“. Harveys zwischen Knurren und Heulen wechselnder Gesang ist das Zentrum dieses Sturms aus stolpernden Drums, waghalsigen Fretless-Bass-Attacken und Schleifpapier-Gitarren-Figuren.

Boredoms – „Chocolate Synthesizer“ (1994)

Albumcover von Boredoms – „Chocolate Synthesizer“

Auf der anderen Seite der eurasischen Kontinentalplatte erkundeten Boredoms das volle Spektrum des musikalischen Wahnsinns. „Chocolate Synthesizer“, das Noise-Magnum-Opus der japanischen Gruppe, klingt zum großen Teil so, als hätte die Band ihre Effekte und Gitarren angezündet und die Drums die Treppe heruntergeworfen. Sänger Yamantaka Eye spielte in den 80er-Jahren bereits in John Zorns Grindcore/Free-Jazz-Band Naked City – was hier in jeder Sekunde spürbar ist. Für Boredoms gibt es keine Genre-Grenzen, stattdessen regiert der pure Spaß an der Zerstörung, am Lärm. Ein Funfact, der das Hören dieser LP noch bizarrer macht: Dieses Album erschien auf dem Major-Label Warner Music.

Free Kitten – „Sentimental Education“ (1997)

Albumcover von Free Kitten – „Sentimental Education“

Free Kitten sind die möglicherweise spannendste Supergroup des Noise-Rock. Der Kern der Band: Sonic-Youth-Bassistin und Sängerin Kim Gordon, Pussy-Galore-Gitarristin Julia Cafritz und Boredoms-Drummerin Yoshimi P-We. Gemeinsam mit wechselnden Gast-Musiker*innen schufen sie ein paar von der Zeit vergessene LPs, die eigentlich einen festen Platz im Krachmusik-Kanon verdienen. Allen voran „Sentimental Education“, ein windschiefes Pop-Wunder von einem Album, auf dem die Ohrwurm-Melodien genauso mächtig sind wie die omnipräsenten Lärm-Elemente.

Boris – „Amplifier Worship“ (1998)

Albumcover von Boris – „Amplifier Worship“

Der erste Song von „Amplifier Worship“, dem zweiten Album des japanischen Trios Boris, heißt „Huge“. Und er klingt genauso: Gitarristin Wata spielt gigantische Gitarren-Figuren, die sich im Zeitlupen-Tempo über dem Publikum auftürmen. Viele Boris-Songs sind vor allem eines: Langsam. Und überwältigend. Ihre Musik vereint die Drone-Metal-Sounds von Bands wie Earth oder Sunn O))) mit den Synapsen sprengenden Gitarren-Sinfonien von Glenn Branca.

Lightning Bolt – „Ride The Skies“ (2001)

Albumcover von Lightning Bolt – „Ride The Skies“

Bei der schieren Menge an Lärm, die auf Lightning Bolts zweitem Album „Ride The Skies“ aus den Boxen scheppert, verwundert es immer wieder, dass dieser Krach von nur zwei Menschen gemacht wird. Der singende Schlagzeuger Brian Chippendale und Bassist Brian Gibson loten sowohl auf Platte als auch auf ihren Konzerten das maximale Noise-Potential ihrer jeweiligen Instrumente aus. Live stehen die beiden nicht auf der Bühne, sondern mitten im Publikum. Dabei entsteht eine heftige Intensität – die jenseits der Konzerte nur auf „Ride The Skies“ spürbar ist. Ein Generalangriff aufs Trommelfell, bei dem einem wenig anderes übrigbleibt, als irre zu lachen.

Liars –„They Threw Us All In A Trench And Stuck A Monument On Top“ (2001)

Albumcover von Liars –„They Threw Us All In A Trench And Stuck A Monument On Top“

Zur Jahrtausendwende hieß das Gitarren-Trend-Genre „Post-Punk-Revival“, angeführt von Bands wie The Strokes, Interpol oder Yeah Yeah Yeahs. Auch Liars bezogen sich auf ihrem Debüt auf den Post-Punk der späten 70er- und frühen 80er-Jahre – nur brachten sie noch eine Menge Lärm mit. Während der Rest der Szene dancefloor- und radiofreundlichen Indie-Rock präsentierte, luden die New Yorker mit „They Threw Us All In A Trench And Stuck A Monument On Top“ mehr zum unkontrollierten Zucken als zum Tanzen ein. Ein herrlich schlecht gelauntes Ungeheuer aus Gang-Of-Four-Gitarren, stumpf-stoischem Bass-Geballer und elektronischem Lärm.

Mclusky – „Mclusky Do Dallas“ (2002)

Albumcover von Mclusky – „Do Dallas“

„Mclusky Do Dallas“, das von Steve Albini produzierte, zweite Album von Mclusky, ist das beste Pop-Album des Noise-Rock. Die Refrains der Waliser zählen zum eingängigsten, was es in diesem Genre zu finden gibt, vom allmächtigen „And we are all going straight to hell“ in „To Hell With Good Intentions“ bis zum ultimativen Ohrwurm-Riff in „The World Loves Us And Is Our Bitch“. Ähnlich wie Big Black treiben Mclusky den klischeehaften Rock-’n’-Roll-Exzess auf eine satirische Spitze – mit genauso ekstatischen wie subversiven Ergebnissen.

Death From Above 1979 – „You’re A Woman, I’m A Machine“ (2004)

Albumcover von Death From Above 1979 – „You’re A Woman, I’m A Machine“

Wie Mclusky flirteten auch Death From Above 1979 exzessiv mit dem Pop. Genau wie beim Projekt Lightning Bolt handelt es sich bei der kanadischen Band um ein Duo, zusammengesetzt aus dem Bassisten Jesse F. Keeler und dem singenden Schlagzeuger Sebastien Grainger. Ihr Debüt „You’re A Woman, I’m A Machine“ steht im Noise-Rock-Kanon dennoch alleine: Diese Musik zielt unverkennbar auf den Dancefloor. Dieser Dance-Noise-Punk ist schamlos catchy, mit brutal übersteuertem E-Bass und aggressiven Disco-Beats. Auf ihren neueren Platten schlugen Death From Above 1979 leider immer mehr in Richtung Konsens-Rock aus – doch ihr Debüt schlug wie ein Molotov-Cocktail in der Indie-Disko ein.

Kreisky – „Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld“ (2009)

Albumcover von Kreisky – „Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld“

Kreisky verwandeln Wiener Grant in giftigste Noise-Rock-Kunst. Auf ihrem zweiten Album „Meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld“ sind die Kreissägen-Riffs von Gitarrist Martin Max Offenhuber in ihrer dissonanten Höchstform, genau wie die bitterbösen Texte von Franz Adrian „Austrofred“ Wenzl. Das Österreich, das das nach einem ehemaligen SPÖ-Kanzler benannte Quartett beschreibt, ist das Gegenteil von idyllisch. Stattdessen sind die Straßen lang, die Menschen schlecht und die größte Gelegenheit zum Nervenkitzel ist nicht Skifahren, sondern Blutspenden.

Swans – „To Be Kind“ (2014)

Albumcover von Swans – „To Be Kind“

Swans verbrachten die 80er-Jahre mit unmenschlich lautem No-Wave- und betont schmerzhaftem Industrial-Exzess (der Legende nach mussten sich bei ihren Konzerten des Öfteren Zuschauer*innen aufgrund der Lautstärke übergeben), quasi als US-amerikanisches Äquivalent zu Einstürzende Neubauten. Nach einigen Goth-Rock und Art-Pop-Experimenten löste sich die Band 1997 auf – nur um ein Jahrzehnt später noch mächtiger zurückzukehren. Die neue Swans-Inkarnation hat nichts von der Kraft ihrer frühen Tage verloren, kanalisiert diese nun aber in eine strahlendere Mischung aus Post-Rock und Noise-Rock. Nirgendwo klang diese Mischung besser als auf ihrem 13. Album „To Be Kind“, einem intensiven Mahlstrom in Spielfilmlänge.

Friends Of Gas – „Fatal Schwach“ (2016)

Albumcover von Friends Of Gas – „Fatal Schwach“

Das vergangene Jahrzehnt war für den deutschsprachigen Post-Punk und Noise-Rock ziemlich ergiebig (ein paar „honourable mentions“: Die Nerven, Messer, Human Abfall, Candelilla). Friends Of Gas stachen aus dieser Menge besonders heraus. Einerseits durch Nina Walsers direkt ins Mark ziehenden Sprech- und Schreigesang. Andererseits durch eine unvorhersehbare Mischung aus Noise-Chaos und Kraut-Schlaufen, die das Münchner Quintett bereits auf dem Debüt „Fatal Schwach“ perfektionierte. Friends Of Gas können genauso gut hektisch eskalieren wie bedrohlich kriechen.

Daughters – „You Won’t Get What You Want“ (2018)

Albumcover von Daughters – „You Won’t Get What You Want“

Daughters starteten ihre Karriere mit Grindcore. Der Sound der 2002 in Rhode Island gegründeten Band mutierte im Verlauf der Jahre aber zu etwas anderem. Weniger martialisch und chaotisch, dafür um einiges bedrohlicher. Diese Entwicklung kulminierte 2018 im vierten Daughters-Album „You Won’t Get What You Want“, ein beängstigender Hybrid aus der elektronischen Albtraum-Musik der frühen Suicide und dem urgewaltigen Noise-Rock der späten Swans. Diese LP kann richtig Angst machen – und wie ein guter Horror-Film kann man sich ihr trotzdem nicht entziehen.

Lingua Ignota – „Caligula“ (2019)

Albumcover von Lingua Ignota – „Caligula“

Im Kontext von Lingua Ignota das Wort „Rock“ zu verwenden, fühlt sich falsch an. Susan Hayter, wie die Kalifornierin mit bürgerlichem Namen heißt, spielt Musik fernab von irdischen Genreschubladen. Die klassisch ausgebildete Sängerin und Pianistin beschreibt ihre Songs als „Survivor Anthems“, Lieder vom Überleben und Überwinden persönlicher Traumata. „Caligula“ ist ihr bisher eindringlichstes Werk. Es klingt gleichzeitig nach Black-Metal, Rennaissance-Chören, Industrial, Doom und Noise – und verweigert sich aggressiv, lässt sich nicht greifen. Wenige Alben demonstrieren so stark die kathartische Wirkung von Noise wie diese transzendentale Befreiungsmusik.

Gewalt – „2016-2018“ (2019)

Albumcover von Gewalt – „2016-2018“

Gewalt halten, was ihr Name verspricht. Das Trio aus Gitarrist und Sänger Patrick Wagner (der bereits von 1994 bis 2003 in der Noise-Rock-Band Surrogat spielte), Gitarristin Helen Henfling und Bassistin Jasmin Rilke übersetzt den martialischen, vom stumpfen Drumcomputer angetriebenen Noise-Rock aus der Big-Black-Schule nicht nur in die Gegenwart, sondern auch ins Deutsche. Wagners Stimme ist ein permanenter Schrei, während die Gitarren die Magengrube aushöhlen. Bis dato veröffentlichen Gewalt nur Singles, keine Alben – die Compilation „2016 – 2018“ bietet einen guten Überblick über das bisherige Schaffen dieser einzigartigen Band.

Moor Jewelery – „True Opera“ (2020)

Albumcover von Moor Jewelery – „True Opera“

Eine Spoken-Word-Poetin, HipHop-Künstlerin und Aktivistin und ein Noise-Produzent schließen sich zu Beginn einer globalen Pandemie in einem kleinen Studio ein und nehmen innerhalb von zwei Tagen das beste Noise-Rock-Album des Jahres auf. So geschah es 2020, als Moor Mother und Mental Jewelry das Duo Moor Jewelry gründeten. Die zwei US-Amerikaner*innen können beide auf eine Jugend in diversen Punk-Bands zurückblicken und improvisierten ihr Debüt in nostalgischer Trance. „True Opera“ hat aber nichts mit verklärter Jugend-Romantik zu tun. Es ist ein zutiefst politisches Album, fest im in vielerlei Hinsicht aufwühlenden Sommer 2020 verankert – in seinen Inhalten genauso kompromisslos wie in seinem martialisch direkten Sound, dessen Dringlichkeit einen förmlich aus den Lautsprechern an der Gurgel packt.

Editrix – „Tell Me I’m Bad“ (2021)

Albumcover von Editrix – „Tell Me I’m Bad“

Als Gitarristin vereint Wendy Eisenberg all das, was den Noise-Rock in seinen letzten 50 Jahren aufregend gemacht hat. Die US-Amerikanerin bringt mit ihrem Spiel No-Wave-Dissonanz, den Swagger von The Jesus Lizard und die Zappeligkeit von Liars zusammen – und spielt diese komplexe Mischung mit der virtuosen Selbstverständlichkeit eines Jazz-Profis. Gemeinsam mit ihrer mindestens genauso kompetenten Rhythmusgruppe aus Steve Cameron und Josh Daniel bildet Wendy Eisenberg das Trio Editrix, das im Februar 2021 das Album „Tell Me I’m Bad“ veröffentlicht hat. Der Noise-Rock von Editrix hat nicht viel Platz für Dunkelheit und Schwermut, stattdessen regiert hier pure Spielfreude. Wenige Alben zeigen so deutlich, wie viel Spaß Lärm machen kann.

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“</“https://www.byte.fm/freunde/mitglied-werden/“a>

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