Elliott Smith – „Roman Candle“ wird 25

Cover des Albums „Roman Candle“ von Elliott Smith

Elliott Smith – „Roman Candle“ (Cavity Search Records)

„Roman Candle“, das erste Soloalbum von Elliott Smith, beginnt mit einem Flüstern. Der eröffnende Titelsong breitet eine Nebelwand aus gezupften Akustikgitarren aus, die Smiths Stimme erst kaum durchdringt. So leise haucht der Musiker aus Nebraska seine Zeilen. Doch dann ist sie plötzlich da: „I want to hurt him / I want to give him pain / I’m a roman candle / My head is full of flames“, singt diese zitternde Stimme – und klingt plötzlich, als würde sie einem aus nächster Nähe ins Ohr flüstern. Smith beschreibt sich als einen Feuerwerkskörper, der Wut und Hass unkontrolliert in alle Richtungen versprüht – doch die Musik ist zart, verhalten und intim. Eine verwirrende Mischung, die einen nicht so einfach loslässt. Sich gegenseitig widersprechende Wörter und Töne, die hängen bleiben.

1994, in seinem Erscheinungsjahr, muss die Verwirrung, die dieses Album stiftet, noch größer gewesen sein als heute. Smith hatte sich als Gitarrist (und gelegentlicher Sänger) der Band Heatmiser einen Namen gemacht, doch „Roman Candle“ hatte so gar nichts mit deren verzerrten Alternative-Rock-Hymnen zu tun. Es versammelte neun Songs, die teilweise nicht mehr als Skizzen waren, von Smith im Lo-Fi-Setting im heimischen Wohnzimmer aufgenommen. Das omnipräsente Rauschen des Vierspurrekorders und das Quietschen der Gitarrensaiten verstärkt die neblige Wirkung dieser Musik. Heatmiser schrieben direkte Rock-Songs mit viel Identifikationspotential – doch Smiths erstes Soloalbum war ungreifbar.

Ungreifbare Nebelmusik

Smith wollte es eigentlich auch gar nicht veröffentlichen. Vier der Songs bekamen nicht mal einen Namen, werden als „No Name #1“ bis „No Name #4“ gelistet. Das Album endet mit einem seltsamen Fragezeichen, dem wortlosen Surf-Rock-Instrumental „Kiwi Maddog 20/20 (Version 2)“. Seine Freundin überzeugte ihn dennoch, die Homerecording-Demos an das Label Cavity Search Records zu schicken – die es kurzum in seiner rohen Form veröffentlichten.

Es sollte ein Glücksgriff gewesen sein: Inmitten dieses verhuschten Albums lauern einige von Smiths besten Songs. Lässt man sich vom Titelsong einmal greifen, lässt er einen nicht mehr los. Die sanft verschlungenen Gitarren von „Condor Ave.“ hätte Nick Drake nicht schöner zupfen können. Die absteigende Melodie von „No Name #2“ ist Musik gewordene Melancholie. Und dann gibt es noch „Last Call“, in dem Smith Triumph in der Verzweiflung findet. Erst klingt er besiegt, dann mächtig, wenn sich plötzlich verzerrte Gitarren im Hintergrund überschlagen – und mit seinen Worten Gift spuckt: „You cast your shadow everywhere like the man in the moon.“ Im Verlauf seiner Karriere, bis zu seinem plötzlichem Tod im Jahr 2003, sollte Elliott Smith noch deutlich lauter, deutlich giftiger werden. Doch niemals war er dringlicher als in diesem Song – und auf diesem verwirrenden und wundervollen Album.

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