Gabi Delgado ist tot: der DAF-Sänger in sechs Songs

Von ByteFM Redaktion, 24. März 2020

Foto des Musikers Gabi Delgado-López, der am 22. März 2020 im Alter von 61 Jahren gestorben ist

Gabi Delgado-López

„Kräck! Kräck! Kräck!“ So beschrieb Gabriel Delgado-Lopéz einst in einem Interview mit dem Melody Maker den Charakter der deutschen Sprache. Diese aggressive, abgehackte Art inspirierte den spanisch-deutschen Sänger und Künstler. Vielleicht auch, weil es ein so harter Kontrast zu seiner eigentlichen Muttersprache Spanisch war. Ein dorniges Dickicht aus zu vielen Konsonanten und verzerrten Vokalen.

Nur wenige beherrschten ihren Weg durch dieses Dickicht so gut wie Delgado-Lopéz, besser bekannt als Gabi Delgado. In den 80er-Jahren spielte er als Teil der NDW-Band DAF ziemlich kaputte Musik, geprägt von schweißtreibenden Synthesizern, peitschenden Drums und Gesang zwischen Parole und Befehl. Diese damals seltsam anmutende Musik machte sie zu Popstars. Delgado-Lopéz verstand es, die deutsche Sprache zu manipulieren. Mit ein bisschen „Kräck-Kräck-Kräck“-Magie konnte er Songs über italienische Diktatoren in Konzerthallen ausverkaufende Pop-Hits verwandeln.

Am 23. März 2020 verkündete sein langjähriger DAF-Mitstreiter Robert Görl auf seiner Facebook-Seite, dass Gabi Delgado gestorben sei. Er wurde 61 Jahre alt. Wir haben den Musiker in sechs Songs porträtiert.

„Osten währt am längsten“ (1980)

Gabriel Delgado-Lopéz wurde am 18. April 1958 in Córdoba geboren. Im Alter von acht Jahren zog seine Familie nach Deutschland, um dem Franco-Regime zu entfliehen. 1978 lebte er in Düsseldorf, wo er regelmäßig im legendären Punk-Club Ratinger Hof einkehrte. Dort lernte er Robert Görl kennen. Die beiden jammten im Keller des Clubs, mit Görl am Schlagzeug und Delgado am Synthesizer. Der Name ihres Duos: DAF, kurz für Deutsch-Amerikanische Freundschaft.

Aus dem Duo wurde schnell eine volle Band, erweitert um Gitarre und Bass. Vor den Aufnahmen ihres ersten Albums „Ein Produkt der Deutsch-Amerikanischen Freundschaft“ (1979) verließ Delgado die Band, dementsprechend ist die LP komplett Instrumental. Kurze Zeit später kehrte er zurück – und das in der Zwischenzeit nach London übergesiedelte Quintett nahm Album Nr. 2 auf: „Die Kleinen und die Bösen“.

Den Opener „Osten währt am längsten“ zu hören, ist ein bisschen, wie einer Band beim Laufenlernen zuzuschauen. Der Song beginnt mit metallischen Synthesizer-Klängen, formlos durch den Raum wabernd. Dann setzt Görls Schlagzeug ein, stolpernd, schleichend, immer wieder einen Beat überspringend. Die Band groovt nicht, sie kriecht. Mit ihren späteren NDW-Hits hat diese Musik nichts zu tun, stattdessen erklingt eine Mischung aus Can-Krautrock à la „Future Days“ und dem provokativen Lärm der Einstürzenden Neubauten. Mechanische Störgeräusche erklingen rechts und links, Delgado flüstert. Seine Stimme wird eins mit dem Lärm, eine omnipräsente Drohung. Was er da genau sagt, versteht man nicht. Doch allein die zwischen den Zähnen herausgepressten Silben erzählen alles, was man wissen muss.

„Der Mussolini“ (1981)

Ein Jahr später waren DAF vom Quintett wieder zum Duo geschrumpft. Zu zweit hatte die Band begonnen, zu zweit wurde sie zur Sensation: 1981 erschien „Alles ist gut“. Ihr Sound hatte darauf seine metallische Feindseligkeit behalten, wurde aber primitiver, stumpfer, dringlicher. Ein voll aufgerissener Synthesizer-Sequenzer gab den Ton an, spielte die gleiche Phrase immer und immer wieder, bis einem schwindelig wurde. Görl spielte sein Schlagzeug halb wie ein Roboter, halb wie ein Wahnsinniger. Und Delgado fand seine Stimme.

„Der Mussolini“, ihr bis dato erfolgreichster Song, ist sein Paradestück. Delgado klingt nicht wie ein Rock-Sänger, er klingt wie ein Kommandant. Jeder Konsonant wird voll ausgenutzt. Jede Silbe ein Waffe. Delgado bittet nicht zum Tanz, er befiehlt. In diesem Tonfall ein Stück zu singen, das nach einem faschistischen Diktator benannt ist, war natürlich provokant. DAF verwandelten den Dancefloor in einen totalitären Staat, in dem Widerstand zwecklos ist. Jahrzehnte vor den Provokationen von Neue-Deutsche-Härte-Bands wie Rammstein meisterte die Band die antifaschistische Tanzflächen-Satire.

„Verschwende Deine Jugend“ (1981)

Das Jahr 1981 stand ganz im Zeichen von DAF. Nach dem Hitalbum „Alles ist gut“ folgte nur wenige Monate später der Nachfolger „Gold und Liebe“. Darauf zu finden: „Verschwende Deine Jugend“, der zweite Song, mit dem Görl und Delgado die Regeln der Neuen Deutschen Welle definierten. Auch hier erklingt ein sich manisch im Kreis drehender Synthesizer, gleichzeitig Bass- und Hookline. Delgado singt den Titel wie ein zeitloses Mantra, das bis heute bei unzähligen Jugendlichen resoniert. „Verschwende Deine Jugend / Solange Du noch kannst.“ Verzweifelter Hedonismus als einziger Ausweg aus den Wirrungen des Jungseins. Kein Wunder, dass dieser Song Jürgen Teipels 2001 erschienenem definitiven NDW-Roman „Verschwende Deine Jugend“ seinen Namen gibt.

„Die Lippe“ (1982)

Ein Jahr später erschien „Für immer“, das fünfte DAF-Album. Görl, Delgado und ihr langjähriger Produzent Conny Plank testeten hier den Spielraum aus, den die limitierten Möglichkeiten des DAF-Sounds – Schlagzeug, Synthesizer, Gesang – bot. In „Die Lippe“ klingt der Synthesizer wie ein Fuzz-Bass aus der Stoner-Metal-Schule. Mehr Melvins als Kraftwerk. Delgado singt über die titelgebende, aufgeschnittene Lippe mit einer Mischung aus Sinnlichkeit und Ekel. Schmieriger, schwitziger sollte NDW nie klingen.

„Der Sheriff“ (2003)

Der DAF’sche Einfluss endet nicht bei NDW. Ihr peitschender, unnachgiebiger Sound war maßgeblich für die Entwicklung von Techno. Die Band selber wich diesem Stil jedoch erstmal aus. Nach der Veröffentlichung von „Für immer“ gingen Delgado und Görl getrennte Wege, erst 1985 fanden sie für kurze Zeit für das englischsprachige Experiment „1st Step To Heaven“ wieder zusammen. Wenig später nannte John Peel sie die „Großväter des Techno“. Nach „1st Step To Heaven“ widmeten sich die Mitglieder weiter ihren Soloprojekten, die immer technoider wurden: Delgado organisierte die ersten House-Parties in Berlin, auf denen er auch auflegte, während Görl als Techno-Produzent Karriere machte.

Erst 2003 erschien das nächste DAF-Album – auf dem die beiden ihr Techno-Erbe umarmten. Görl programmierte mittlerweile Drumcomputer und haute nicht mehr auf analoge Felle. Delgado muss seine Stimme nicht anpassen – sie klang auch über die neuen Sounds so dringlich wie eh und je. In „Der Sheriff“ warnt er mit seinem gewohnt bissigen Humor vor autoritärer Unterwerfung: „Alle müssen respektieren / Was der Sheriff sagt / Alle müssen akzeptieren / Was der Sheriff macht.“ Damit griffen DAF dem anitfaschistischen Electro-Punk vor, der einige Jahre später dank Labels wie Audiolith populär wurde.

„Hausarrest“ (2015)

Delgado Solokarriere startete wacklig: Sein Debüt „Mistress“ floppte 1983 in Deutschland. Erst 2014 und 2015 sollte er wieder Soloalben veröffentlichen, minimalistisch betitelt („1“ und „2“), minimalistisch klingend. Sie verbinden stoischen Minimal-Techno mit seinem typischen Sprechgesang – der hier etwas sanfter, fast schon zart daherkommt. Wobei „zart“ für einen Gabi Delgado immer noch extrem sexuell aufgeladen bedeutet. Diese Stimme kann einem schließlich sogar die Vorstellung von 30 Tage Hausarrest schmackhaft machen. Was könnte man mehr brauchen, in dieser Zeit?

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentare
  1. posted by
    Gustaf
    Mrz 25, 2020 Reply

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