Hemlock Ernst & Kenny Segal – „Back At The House“ (Rezension)

Cover des Albums „Back At The House“ von Hemlock Ernst & Kenny Segal

Hemlock Ernst & Kenny Segal – „Back At The House“ (Ruby Yacht)

8,1

Samuel T. Herring ist nicht der erste weiße Indie-Dude, der auf die phänomenal schlecht klingende Idee gekommen ist, sich im HipHop-Genre zu versuchen. Erinnert sich noch jemand an „Everybody On My Dick Like They Supposed To Be“, das bizarr klingende und noch bizarrer betitelte Instrumental-HipHop-Outing von Interpol-Sänger Paul Banks? Oder daran, dass die schottischen Power-Popper Teenage Fanclub 1994 tatsächlich einen Track für De La Soul schrieben? Damon Albarn war bekanntlich vor seiner Gorillaz-Zeit auch mal in einer relativ erfolgreichen Brit-Pop-Band.

Was Herring jedoch Banks, Albarn und Konsorten voraus hat: Der US-Amerikaner rappt bereits, seitdem er 14 Jahre alt ist. Lange bevor er als Grimassen schneidender und sich das Herz aus der Brust reißender Sänger der Band Future Islands Festivalbühnen und Late-Night-Shows in Schutt und Asche legte. Indie-Stardom war für Herring nur die zweite Wahl, die erste Liebe war der HipHop. Was erklären könnte, warum seine Raspelstimme auf dem Debütalbum seines Rap-Projekts Hemlock Ernst die Silben so leichtfüßig über die Beats fließen lässt, als wäre es für sie das Natürlichste auf der Welt.

Heimliches HipHop-Doppelleben

„Back At The House“ ist tatsächlich nur der neueste von vielen kleinen Triumphen, die Herring klammheimlich als Hemlock Ernst veröffentlicht hat. Im US-amerikanischen Alternative-HipHop hat dieser Synth-Pop-Boy tatsächlich Credibility: Seine Stimme geisterte bereits durch Alben von respektierten Rappern wie Milo, Busdriver oder Open Mike Eagle. 2015 kam der Ritterschlag in Form einer gemeinsamen EP mit der Produzentenlegende Madlib.

„Have you ever been over to a friend’s house to eat / And the food was just no good?“ Herring eröffnet das Album mit einer schlichten Alltagsbeobachtung. Eine Banalität, die im Verlauf der elf Tracks von „Back At The House“ an Gewicht gewinnt. Herring rappt über soziales Unwohlsein, über Angst, über Abstumpfung, über Depression. Während Herring bei Future Islands gerne mal wie der Teufel persönlich klingt, bleibt seine Stimme als Hermlock Ernst tiefenentspannt, auch wenn seine Texte tiefe Verzweiflung ausdrücken. „I fell into the bottom tried to make it out / I barely made a sound“, heißt es in „Addicted Youth“.

Neben Trauer gibt es auf diesem Album auch sehr viel pure Schönheit. Produzent Kenny Segal – eines der am besten gehüteten Beatwunder-Geheimnisse der Vereinigten Staaten – umrahmt Herrings zwischen Monotonie und Melancholie mäandernden Beobachtungen mit sanften Instrumentals. Zart gezupfte Akustikgitarren klimpern über schleppende Drumloops und butterweiche Keyboards.

Wenn Herring dann anfängt, die Hooks zu singen, klingt das alles plötzlich wie balsamierender Soul. Dann zieht die Sonne in dieses Album ein – und mit ihr eine fast schon meditative Ruhe. „In the clearest of skies, I am the calmest of blues“, sinniert Herring in „Slabs Of The Sunburnt West“. Die Tatsache, dass der Future-Islands-Sänger ein heimliches HipHop-Doppelleben führt, ist überraschend genug. Dass er eine der beseeltesten Rap-Platten des Jahres veröffentlicht, ist die größte Überraschung.

Veröffentlichung: 25. Oktober 2019
Label: Ruby Yacht

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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