Kreisky – „Atlantis“ (Rezension)

Bild des Albumcovers von  „Atlantis“ von Kreisky

Kreisky – „Atlantis“ (Wohnzimmer Records)

8,2

Schlechte Laune ist dieser Tage wirklich kein seltenes Gut. Sie ist über all. Nur eine Fingerbewegung auf einer LCD-Oberfläche entfernt. Sie umgibt uns. Ist Teil von uns. Wir brauchen keine Pop-Musik, um sie zu spüren.

Dennoch veröffentlichen Kreisky durchschnittlich alle drei Jahre eine neue, bis zum Rand mit schlechter Laune gefüllte LP. Die Diskografie des Wiener Quartetts ist voll mit ihr. Ihr großer und kleiner Hass richtet sich gegen Provinz-Käffer, in denen die Straßen lang und die Menschen schlecht sind. Gegen die falschen Versprechungen des Kapitalismus. Gegen großmäulige Kunst-Macker. Oder nicht enden wollende Partys, gefüllt mit eben diesen, aus denen es keinen Ausweg gibt. Ihre giftige Mischung aus Noise-Rock, Post-Punk und Wiener Schmäh macht diesen großen und kleinen Hass spür- und greifbar. „Scheiße, Schauspieler!“ brüllt man mit ihnen im Chor und fühlt sich direkt ein bisschen besser.

Vom großen und kleinen Hass

Dieses Gefühl hält aber nicht lange an. Wut mit noch mehr Wut überwinden, funktioniert eigentlich nicht. Dementsprechend hat die Kreisky-Energie auf den letzten zwei LPs etwas an Durchschlagskraft verloren. „Blitz“ (2018) und „Blick auf die Alpen“ (2014) waren gute Rock-Alben mit mehr als guten Texten. Aber zum zelebrierten Zorn ihrer ersten Alben mischte sich eine Prise Stagnation.

Damit ist nun Schluss. „Atlantis“, das nun erscheinende sechste Album von Kreisky, ist ihr bestes seit zehn Jahren. Die Band hat sich zwar nicht komplett neu erfunden, aber dafür in neue Richtungen weitergedacht. Von Stagnation keine Spur. Stattdessen strömt hier aus jeder Pore Lebensenergie: Da sind die nervösen, hyperaktiven Synkopen, die Schlagzeuger Klaus Mitter im eröffnenden Titelstück auf seine Felle prügelt. Der Bass von Band-Neuzugang Helmuth Brossmann (Bassisten-Vorgänger Gregor Tischberger sitzt mittlerweile am Mischpult) tanzt in „Abfahrt Slalom Super-G“ in dem Titel angemessenen Schlangenlinien. Die Gitarre von Martin Max Offenhuber ist immer noch die ultimative Allzweckwaffe dieser Band: Im Finale von „Meine Zunge ist leer“ kreischt sie hysterisch, in „Kilometerweit Weizen“ singt sie wie ein schmieriges Saxofon.

Von schlechter Laune und Selbstermächtigung

Auch Sänger, Texter und Organist Franz Adrian Wenzl ist auf „Atlantis“ in Höchstform. Einst kreisten seine Zeilen stoisch um sich selbst, immer in Wiederholung. Nun erzählt er ganze Geschichten. Zum Beispiel von einer zum Scheitern verurteilten Jugend in „Ein Fall fürs Jugendamt“, in der der Weg von der Geburt unausweichlich in den Alltagstrott führt: „Die ganze Woche lang hast Du noch nicht geplant / Nur ein paar Highlights im TV-Programm und den Termin am Jugendamt.“ Und wenn er sich wiederholt, dann mit Nachdruck: „Ich finde keine Sprache für die einfachsten Dinge / Ich finde keine Sprache, um Menschen zu erreichen / Ich finde keine Sprache, um einfach nur Hallo zu sagen.“

Und dann der größte Kunstgriff, ganz am Ende. In „Wenn einer sagt“ bietet Wenzl, einer der Meister des giftigen Sarkasmus, Selbstermächtigung. Und zwar ohne ironischen doppelten Boden. „Wenn einer sagt: ‚Das kriegst Du im Netz zum halben Preis!‘ / Sag: ‚Mein Wert ist höher als der halbe Preis‘“, singt er da. Eine Zeile, die sich jede selbstständig schaffende Person auf den Spiegel schreiben sollte. Und weiter noch: „Und wenn einer sagt: ‚Was Du da machst, ist der letzte Dreck‘ / Sag: ‚Es ist mein Dreck!’“. Im Hintergrund ertönt eine Kirchenorgel. Die Gitarre lärmt, aber nicht wütend, sondern befreiend. Kreisky zelebrieren auf „Atlantis“ nicht einfach die schlechte Laune. Sie bieten ein Gegenmittel.

Veröffentlichung: 22. Januar 2021
Label: Wohnzimmer Records

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