Zum 125. Geburtstag von Leon Theremin: Die sieben besten Pop-Songs mit Theremin

Bild von Leon Theremin an seinem Instrument. Der Erfinder wäre heute 125 Jahre alt geworden.

Leon Theremin beim Spielen des nach ihm benannten Instruments (Bild: Corbis Bettmann, Public Domain)

Lew Sergejewitsch Termen war für gleich zwei Erfindungen verantwortlich, die die Welt veränderten. Eine der beiden trägt den Namen „The Thing“, eines der ersten passiven Abhörgeräte, das der am 28. August 1896 in St. Petersburg geborene Wissenschaftler während einer zehnjährigen Freiheitsstrafe im Gulag für die Sowjetunion designte. Die passive Technologie ermöglichte „dem Ding“, ohne externe Stromquelle zu funktionieren. Eine perfekte Spionagewaffe, die jahrelang im Moskauer US-Botschaft hing – perfiderweise in einer Holzschnitzerei des US-amerikanischen Wappens versteckt, die von der sowjetischen Regierung als Geschenk an ihre alten Alliierten-Partner übergeben wurde.

Doch der Name Leon Theremin – unter dem Termen in der westlichen Welt bekannt war – steht heutzutage nicht synonym für Wanzen und Kalter-Krieg-Spionage. Sondern für das Theremin, eines der exzentrischsten Musikinstrumente des 20. Jahrhunderts. Der ausgebildete Cellist und Physiker experimentierte bereits im jungen Alter mit elektrischen Schwingungen und Magnetfeldern. 1919 erfand er ein Instrument, das ohne physische Berührung spielbar war. Der sirenenhafte Klang entstand mithilfe von zwei Antennen und dem elektromagnetischen Feld des menschlichen Körpers und wurde allein mit Handbewegungen kontrolliert. Dieses Gimmick machte das Instrument zu einem visuellen wie akustischen Spektakel: Wer ein Theremin spielt, sieht aus wie ein*e Dirigent*in und klingt wie eine tief im Ozean aufgenommene Opernsängerin.

Termen demonstrierte das Instrument nicht nur Wladimir Lenin in einer Privataudienz – er führte es auch auf einer Tour durch die USA und Europa aus. Speziell dort wurde es ein Erfolg und es dauerte nicht lange, bis das Theremin auch in die Popularmusik einzog. Dies machte das Theremin zum ersten in Massenproduktion hergestellten elektronischen Instrument. Noch heute ist es mehr als nur eine Spielerei – es ist eines der interessantesten und seltsamsten Instrumente der Pop-Musik.

Heute, am 28. August 2021, wäre Leon Theremin 125 Jahre alt geworden. Wir zelebrieren diesen Geburtstag mit den sieben besten Theremin-Pop-Songs!

Harry Revel & Dr. Samuel J. Hoffman – „Radar Blues“ (1947)

Der erste Musiker, der das Pop-Potential des Theremin erkannte, war Harry Revel. Der britisch-US-amerikanische Komponist gilt als Pionier des Space-Age-Pop, eine fast schon psychedelische Spielart des Bigband-Jazz – für dessen außerirdischen Klang zu großen Teilen der vom Theremin-Virtuosen Dr. Samuel J. Hoffman beigesteuerte Wal-Gesang verantwortlich ist. In „Radar Blues“ spielt er ein Solo, begleitet vom Gesang eines Männerchors – ein schaurig schöner Kontrast zwischen synthetischer und menschlicher Stimme.

Captain Beefheart And His Magic Band – „Electricity“ (1967)

Apropos Dr. Samuel J. Hoffman: Wenige Monate vor seinem Tod spielte er auf einem der ersten Theremin-Rock-Songs! Captain Beefheart, selbst einer der größten Exzentriker seiner Zeit, lud Hoffman für die Sessions seines Debütalbums „Safe As Milk“ ein. Der an und für sich relativ straighte Blues-Rock von „Electricity“ wird von vibrierenden Theremin-Melodien zerschnitten – und am Ende lässt Hoffman sein Instrument sogar richtig knarzen und schreien.

The Beach Boys – „Good Vibrations“ (1967)

Was eint die schranzigen Outsider-Art-Rock-Pioniere Captain Beefheart And His Magic Band und die US-Vorzeige-Jungs The Beach Boys? Beide Bands experimentierten 1967 mit dem Theremin. The Beach Boys‚ „Good Vibrations“ ist in vielerlei Hinsicht ein wegweisendes Stück Pop-Musik, meistens zelebriert aufgrund der revolutionären Collage-Technik und sonstigen abenteuerlichen Studio-Experimenten. Dort, im Dickicht aus Streichern, Bläsern, Flöten und Orgeln, ertönt auch ein fröhlich nach unten und oben schlingerndes Theremin – dass diese psychedelische Gaga-Kunst komplettiert.

Led Zeppelin – „Whole Lotta Love“ (1969)

Während Captain Beefhart und The Beach Boys das melodische Spektrum des Theremins erkundeten, loteten Led Zeppelin das Krach-Potential voll aus. Gitarrist Jimmy Page war stets auf der Suche nach weltfremden Klängen, wie seine Cellobogen-Experimente eindrucksvoll demonstrieren. Ihre seltsamsten Sounds erklingen jedoch in einer ikonischen Hymnen der Briten: „Whole Lotta Love“ zeichnet sich durch einen mehrminütigen Noise-Breakdown aus, in dem Gitarrist Jimmy Page das Instrument wie einen sterbenden Motor klingen lässt.

Pixies – „Velouria“ (1990)

Auch Pixies schreckten nicht vor Experimenten zurück. Der erste Top-40-Hit der US-Indie-Institution war „Velouria“, ein catchy Stück Alt-Rock, durch das der körperlose Gesang eines Theremins geistert. Während Led Zeppelin das Theremin ins Rock-Stadion brachten, schleusten Pixies das Instrument in das MTV-Zeitalter ein.

Portishead – „Humming“ (1997)

Gleich auf dem ersten Song ihres ersten Albums verwendeten Portishead einen Sound, der ziemlich heftig nach Theremin klang. Kein Wunder: Der außerirdische Sound ist ein perfektes Gegenstück zu Beth Gibbons irdischem und verzweifeltem Gesang. Doch der Klang auf „Mysterons“ stammt von einem ein Theremin emulierenden Synthesizer. Die Trip-Hop-Ikonen waren vom Sound jedoch so begeistert, dass sie auf ihrem zweiten, selbstbetitelten Album gleich einen echten Nachbau des Theremins verwendeten. In „Humming“ verschmilzt es mit einem bedrohlichen Orchester – ein unheimliches Fundament für einen unheimlich guten Song.

Erykah Badu – „Incense“ (2009)

Auf „New Amerykah Part Two (Return Of The Ankh)“, dem fünften Album von Erykah Badu, findet sich einer der seltenen Momente, in denen ein Theremin durch HipHop und R&B geistert. In „Incense“, produziert vom stets abenteuerlustigen Madlib, vibriert es durch ein dichtes Netz aus Harfen-Geklimper, Synthesizern und knusprigen Beats. Im Mix ist es sehr leise, doch die Wirkung zeigt sich prompt. Das Theremin fügt sich nahtlos in Badus afrofuturistische Vision ein – so klingt Space-Age-Pop für das 21. Jahrhundert.

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Keno Braun
    Sep 5, 2021 Reply

    Hi,

    ich möchte nur diskret anmerken, dass es sich (in Bezug auf die Beach Boys) nicht um das Instrument „Theremin“ handelt, sondern um das sogenannte „Tannerin“.

    Das „Tannerin“ basiert technisch auf dem „Theremin“, wird aber nicht berührungslos gespielt, die Tonhöhe wird mit einem Slider und die Lautstärke mit einem Drehknopf kontrolliert.

    Die Konstruktion sollte die fordernde Beherrschung des „Theremin“ vereinfachen, welches zumindest in Hinsicht auf das Notenspiel sehr viel voraussetzt. (Gehörbildung/ absolutes Gehör ähnlich wie bei Streichinstrumenten; Körperbeherrschung)

    Mehr Details gibt es hier:
    http://www.tompolk.com/Tannerin/Tannerin.html

    Viele Grüsse!
    byte.fm = tolles Radio, macht weiter so!

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