Miami Horror in Hamburg

Bei den meisten Konzerten gibt es Vorbands, bei manchen aber auch nicht. In solch einem Fall guckt man als Konzertbesucher verwirrt um sich, denkt, „ist das jetzt schon wirklich die Band, für die ich hierhin gekommen bin?“, versucht sich noch einmal in Erinnerung zu rufen, wie die Band eigentlich aussieht, verwirft dann die Gedanken und konzentriert sich auf das Geschehen auf der Bühne.

So auch im Hamburger Molotow am Mittwoch: Es gibt keine Vorband, Miami Horror geben sich direkt und sofort die Ehre. Damit steht heute auf dem musikalischen Speiseplan: Electro-Pop aus Melbourne. Vielen erging es wie mir; sie waren etwas verwundert, dass es jetzt um 21:30 Uhr schon losgeht. So sieht es bei dem großartigen „Soft Light“, dem ersten Song der Band aus Australien, auch noch halb leer aus; allerdings strömen nach und nach immer mehr Besucher in die kleinen Räumlichkeiten des Molotow, um die vier Bandmitglieder, ihre Instrumente und das, was sie aus ihnen herausholen, zu betrachten. Zur Verwirrung führt auch, dass Miami Horror sich nicht die Mühe machen, sich vorzustellen oder überhaupt ihr Publikum zu begrüßen. Allgemein wird es heute ein recht kommunikationsarmes Konzert sein.

Nach einer Viertelstunde dankt der Sänger dem Publikum. Der Konzertbeginn gefällt mir eigentlich ganz gut; der Sound hier im Molotow ist ganz okay. Doch nach und nach verkünsteln sich Miami Horror hin zu langen Gitarren-Soli und Percussion-Einlagen. Man sieht dem Sänger und Gitarristen im roten Zirkusdirektor-Sakko an, dass er es in seiner Karriere einmal in ein gefülltes Stadion schaffen will: zu gut und zu perfekt sind die Posen an und mit der Gitarre einstudiert. Gedanken an Queen kommen auf, wozu auch die manchmal recht feminine Stimme des Sängers führt. Auch das Repertoire von Miami Horror weist spätestens nach der Hälfte des Sets Schwächen auf; die Songs sind viel zu lang und klingen doch recht ähnlich. Dem Publikum allerdings scheint es zu gefallen, es wird gefeiert, gesungen, gesprungen, auch die Mitklatschanimationen des Sängers (hier trifft es die Bezeichnung „Frontmann“ sehr gut) funktionieren.

Nach einer halben Stunde dann das Unglaubliche: Der Sänger erklärt in einem bis zwei Sätzen, das er kein Wort Deutsch kann und entschuldigt sich dafür. Wäre mir jetzt nicht wirklich aufgefallen diese Tatsache, schließlich sind Miami Horror bis auf ihre Textzeilen doch recht wortkarg. Es folgt noch ein Satz: Beim nächsten Mal soll mit Deutschkenntnissen aufgetrumpft werden. Soso.

Es geht in die Endphase des Konzerts: Ihre bekannteren Songs „Holidays“ und „Sometimes“ kommen großartig beim Publikum an, Synthies vermischt mit prägnanten Basslinien und einfachen Gitarren-Riffs. Bei ihren Zugaben spielen Miami Horror ein Cover: nicht irgendeines, sondern eine Interpretation des ohnehin schon zuckersüßen „You Can Call Me Al“ von Paul Simon. Einige wenige Konzertbesucher runzeln die Stirn, den meisten gefällt es aber immer noch.

Fazit: Das gut eine Stunde dauernde Konzert war ganz okay, aber nicht wirklich weltbewegend. Der Gitarrist kann sich ordentlich selbst feiern; musikalisch war der Abend eine Reise in die poppigen und manchmal auch kitschigen 80er Jahre. Aber insgesamt sind Miami Horror und ihr Sound recht sympathisch. Wenn sie ihre Songs noch treffsicherer gestalten könnten, wären sie das bestimmt noch mehr. Eine Anekdote zum Schluss: Verabschiedet hat sich die Band übrigens mit einem „Tschüss“. War dann wohl doch etwas geflunkert, als sie meinten, sie könnten kein Wort Deutsch, oder?

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