Neue Platten: Afrikan Sciences – „Circuitous“

Cover des Albums Circuitous von Afrikan SciencesAfrikan Sciences – „Circuitous“ (PAN)

7,6

Musik enthält immer auch bestimmte Landkarten. Neben den kulturellen Topografien sind darin stets bestimmte Pfade gespeichert. Oft sind das Wege, die wir noch gar nicht kennen und die uns zu einer unbekannten Welt leiten. Diese noch unentdeckten Welten bilden den Grundgedanken des Afrofuturismus, einer vom Free-Jazz-Musiker Sun Ra geprägten musikalischen Vision einer egalitären Gesellschaft, die jedoch nicht auf diesem, sondern auf einem fremden Planeten begründet werden soll.

Diese Tradition des musikalisch generierten Eskapismus hat den New Yorker Beat-Produzenten Eric Porter Douglas aka Afrikan Sciences zu seinem neuen Album inspiriert. Dass es „Circuitous“, also Umgehungsstraße, heißt, passt daher sehr gut. Denn die Pfade seiner Musik sind wie die von Sun Ra zunächst alles andere als leicht zu entziffern.

Zu Beginn des Albums ist ein metallisches Geräusch zu hören, das entfernt an Ketten erinnert, gefolgt von einem Babyschrei und einer verstimmten Harfe, bevor sich ein von einem synthetischen Bass getragener Beat im Stil des Lo-Fi-House von Labels wie 100% Silk herausschält. Auch die 13 anderen Tracks sind sowohl auf der vertikalen als auch auf der horizontalen Ebene stark verdichtet. Während im Vordergrund meistens eine gerade, aber stets subtile Bassdrum herumspielt, verbirgt sich im Hintergrund ein ganzes Universum an versteckten Sounds, Stimmen, Melodien, Instrumenten (In „The Image“ ist eine Mbira zu hören, ein traditionelles Instrument des subsaharanischen Afrika) oder verfremdeter Percussion. Nicht selten klingt es so, als würden mehrere Tracks gleichzeitig laufen, wie etwa in „Reddin Off“, bei dem ein vordergründiger Technobeat von einem leicht versetzten Hintergrundrhythmus gebrochen wird.

Ein Höhepunkt im Bereich Polyrhythmik ist der Track „Circuitous“. Dort wird ein virtuoses Percussionmotiv immer wieder von Verschiebungen in der Betonung unterbrochen, was immer wieder zu kurzen rhythmischen Verwirrungsmomenten führt. Stilistisch erinnert das an die Musik des idiosynkratischen Beatschraubers Ras G, den Free Jazz von Sun Ra oder die entschleunigteren Varianten von zeitgenössischem House. Mit rund 78 Minuten Spielzeit verlangt das Album gerade in einer Zeit der schwindenden Aufmerksamkeitsspanne etwas Geduld ab. Doch wer die verschlungenen Pfade dieser Musik erkundet hat, ist um eine Reise-Erfahrung reicher.

Label: PAN
Kaufen: artistxite-Shop

Das könnte Dich auch interessieren:

  • Kelela – „Hallucinogen“ (Rezension)
    Man könnte es sich zur großen Aufgabe machen, über Kelelas neue EP „Hallucinogen“zu sprechen, ohne einmal den Namen FKA twigs in den Mund zu nehmen. Gelingt aber nicht, denn so ähnlich wie diese beiden schillernden R&B-Köpfe zu sein scheinen - ihr Unterschied wird zum interessanten Moment....
  • Cover des Albums Process von Sampha
    Als Produzent, zum Beispiel für Kanye West und Beyoncé, hat sich Sampha einen Namen gemacht. Mit „Process“ zeigt der Londoner, dass er eine eigene Stimme und viel Soul hat....
  • Beach House – „Depression Cherry“ (Album der Woche)
    Mit „Depression Cherry“ wollen sich Beach House aufs Wesentliche zurückbesinnen. Große-Bühnen-Bombastik, ade! Zurück zum behutsam geschichteten Dreampop. ...


Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Afrikan Sciences – Circuitous | Machining Dreams
    Feb 18, 2015 Reply

    […] Byte FM […]

Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.