Neue Platten: Amatorski – „From Clay To Figures“

Amatorski - From Clay To Figures (Crammed Discs)Amatorski – „From Clay To Figures“ (Crammed Discs)

7,0

Schwimmende Klaviere ziehen vorbei. Synthesizer säuseln kaminofengewärmte Noten ins Ohr. Eine zarte Frauenstimme schmiegt sich an Melodie und Akkorde wie an ein geliebtes Geschwisterchen an. Rundherum werden sanfte Töne angeschlagen.

Amatorski lautet der Name der Band. „Amatorski“ ist Polnisch und bedeutet „laienhaft“ und „dilettantisch“. Die Band selbst kommt aus Belgien und hat soeben ihr neues Album „From Clay To Figures“ veröffentlicht.

Nun ist die unkreativste Frage, die der Journalist Schrägstrich Interviewer einer Band stellen kann, die nach der Bedeutung ihres Namens. Die Antwort lautet nämlich in etwa 95 Prozent aller Fälle:

„Ach, wir waren in [völlig unbekannte Stadt auf einem anderem Kontinent] unterwegs und haben bis früh am Morgen [Getränk, von dem noch nie jemand gehört hat und das wie „Absinth“ auf Klingonisch klingt] gesoffen und/oder (meistens und) dieses krasse Gras geraucht, das uns ein Einheimischer geschenkt hat und plötzlich kam [Jack/Geoff/Lizzy/Ashley oder Mert] mit diesem Wort auf, einfach so, und dann meinte [Jack/Geoff/Lizzy/Ashley oder Mert]: ‚Hey, cool, lass uns doch einfach unsere Band so nennen.‘“

Nun kann man sich bei Amatorski nicht so richtig vorstellen wollen, dass sie sich auf anderen Kontinenten in irgendwelchen Spelunken unbedacht mit Unbekanntem zukippen, und Polen liegt auch nicht auf einem anderen Kontinent. Daher gehört die Geschichte zu der Namensfindung ihrer Band wohl in die Kiste der verbleibenden fünf Prozent, die mit der Beschriftung „Wörter, die zufällig ganz nett nach Bedeutung klingen und deswegen prima als Bandnamen herhalten können“.

Jedenfalls hat der Name ihrer Band nichts mit ihrem Können zu tun, denn dilettantisch sind Amatorski nie. Stattdessen klingen sie wohlig durchkomponiert, ineinandergefügt und komplett. Das ist die schöne Seite ihrer neuen Platte „From Clay To Figures“.

Vom Ton (und leider ist das Wort „Clay“ auf Englisch nicht so ein schönes Teekesselchen wie im Deutschen) zur (fertigen) Figur. Hach, welch bedeutungsschwangerer Titel für ein Album. Denn, ja, da haben wir es: Das religiöse Bild des Allmächtigen, der den Menschen aus einem Haufen Dreck erschafft, transponiert auf den Menschen, der aus dem Nichts der Stille das Wesen der Musik gebiert.

Das musikalische Wesen Amatorskis ist ein großes: vielleicht ein pflanzenfressender Dinosaurier, der gemütlich über weite Tiefebenen trottet, dabei aber leider sehr, sehr traurig ist. Es ist diese dinosaurierhafte Traurigkeit, die beim Hören von „From Clay To Figures“ Rätsel aufgibt. Denn auch, wenn bisweilen leise Orgelklänge im Hintergrund wabern (ist jemand gestorben?) und die Stimme der Leadsängerin Inne Eysermans tapfer „I can try to be full of love“ und „Tiny bird, tiny bird, open my heart“ ins Mikro kuschelt, den Grund für diese antiproportional zum kleinen Vögelchen geradezu riesige Traurigkeit, die das gesamte Album einnebelt, erläutern Amatorski nicht.

Und deshalb beschleicht weniger depressive Zeitgenossen beim Hören der Platte möglicherweise der Wunsch, Amatorski ins Gesicht zu schlagen und zu brüllen: „Aufwachen! Aufwachen! Es ist Frühling! Draußen ist es warm, der kleine Vogel hat bald eine riesige Familie, die er versorgen muss, und im Park wird gegrillt! Wir sind nicht allein!“

Wer gern kopfüber in einen randvollen See flüssigen Weltschmerzes springt, dem sei „From Clay To Figures” wärmstens empfohlen. Wer danach allerdings denkt, dass Amatorski alles richtig gemacht haben, der höre zum Ausgleich vielleicht dann doch gelegentlich die Vogelhochzeit vor dem Zubettgehen.

Label: Crammed Discs | Kaufen

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