Neue Platten: Jens Lekman – "I Know What Love Isn't"

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7,0

„Oh, You’re So Silent, Jens“ – melancholisch klang er immer, ganz sicher waren auch frühere Aufnahmen von einer wohlig-warmen und selbstironischen Form der Trauer durchtränkt, aber auf „I Know What Love Isn’t“ zeigt Lekman eine ganz neue Seite an sich. Das neue Album verhehlt den Gefühlszustand des Sängers nicht im Geringsten und flüchtet sich nicht in ein spaßig-intelligentes Überspielen der eigenen Emotionen. Die vergangenen fünf Jahre war von dem einst so gefeierten, stets dandyhaft wirkenden 31-Jährigen aus Göteborg nicht viel zu hören. Die Ausnahme bildete dabei die EP „An Argument With Myself“ aus dem Jahr 2011. Es brauchte einen Umzug nach Melbourne, eine offensichtlich fundamental schiefgelaufene Beziehung und einen Drei-Millimeter-Haarschnitt, um ihn wieder zum Produzieren einer kompletten Platte zu bewegen.

Ein reduziertes Album ist es geworden, musikalisch wirkt es fast aerodynamisch. Der Fokus liegt klar und deutlich auf den Texten und der Stimme, die diese vorträgt, dabei wird Lekmans unbändige Pop-Affinität allerdings niemals venachlässigt. Schon das Intro macht klar, was den Hörer in den kommenden 38 Minuten erwartet: „Every Little Hair Knows Your Name“ ist ein Klavier-Solo; wie könnte es auch anders sein, ist das Klavier doch das Herzschmerz-Instrument schlechthin.

Es folgt „Erica America“. Leicht, fast schon seicht anmutend bietet die erste Singleauskopplung durchaus Platz für ebenjenen popkulturellen Kitsch, für den man den Wahl-Australier einfach lieben muss: Sanfte Backing-Vocals, einsetzende Geigen und ein Saxofon-Solo, das so auch in einem Softporno der frühen 80er-Jahre vorstellbar wäre. Ganz anders hingegen gibt sich das herzerweichende „She Just Don’t Want To Be With You Anymore“, ein bewusst disharmonisch arrangierter Beat trifft auf ein distanziert einsetzendes Piano, dazu gibt es dann vereinzelt Flöten- und Violinen-Sounds zu erhaschen, unterfüttert wird das Ganze von einem steten Tropf-Geräusch. Trotz der Vielzahl an eingesetzten Instrumenten und Effekten wirkt der Song richtiggehend minimalistisch und trägt ungewohnt elektrische Züge. Richtig sonnig wird es dann bei der zweiten Singleauskopplung „I Know What Love Isn’t“, eine verspielte Gitarre, viele Geigen und eine Textzeile, die den geneigten Lekman-Freund auf Besserung seines Schmerzes hoffen lässt: „So let’s get married / I’m serious / But only for the citizenship“. Er hat ihn also doch noch, diesen beißenden Humor, wenngleich Jens Lekman seinen genialen Wortwitz auf seinem dritten Album wesentlich subversiver und seltener einsetzt.

An dieser Stelle sollte nun eigentlich die Frage diskutiert werden, ob Lekmans neues Werk mit den beiden ersten „When I Said I Wanted To Be Your Dog“ und „Night Falls Over Kortedala“ oder der grandiosen EP-Compilation „Oh You’re So Silent, Jens“ mithalten kann. Eine Frage, die müßig erscheint und auch völlig überflüßig ist, denn „I Know What Love Isn’t“ ist ein wundervolles, melancholisches Pop-Werk und sollte als solches geschätzt werden.

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