Neue Platten: Mutter – „Text Und Musik“

Cover des Albums Text Und Musik von MutterMutter – „Text Und Musik“ (Clouds Hill)

6,1

Die Renaissance von deutschsprachigen Indiebands innerhalb der deutschen Popmusiklandschaft ebbt nicht ab. Dass ihre Namen oft aus nur einem Wort bestehen, steht für eine Ästhetik, die viele dieser Bands kultivieren: eine Reduktion auf das Wesentliche.

Im Fall der Berliner Band Mutter, die mit ihrem fast 30-jährigen Bestehen zu den Vorreitern der Einwort-Combos gehört, steckt die Reduktion in der traditionellen Rock-Instrumentierung mit dem Schwerpunkt auf der Gitarre als Melodiegeber und dem Gesang, der die Musik dominiert. Das ist auch auf ihrem neuen Album „Text Und Musik“ nicht anders. Fast alle Texte handeln von der Politik des Alltags, Personalpronomen sind allgegenwärtig und fast immer geht es um Selbstreflexion. Der Song „Ich Will Nichts Mehr Als Das“ ist nicht nur ein Aufruf zu mehr Selbstbestimmung, sondern auch ein Protest gegen Selbstgeißelung und Selbstbeschränkung. „Ich seh’ auf dich herab und stelle fest, das bin ja ich“, singt Max Müller und bleibt auch sonst dem Mutter-typischen Ideal eines dokumentarischen und klaren Sprachstils verpflichtet.

„Was spricht schon dagegen, zu lassen, was ist“, heißt es in „Früher Oder Später“, womöglich ein Song über die flüchtige Vergänglichkeit unserer Gegenwart. Doch so treffend der Satz auch ist, so unausweichlich lädt er zu Kritik ein. Denn was dagegen spricht, ist vor allem die Konsequenz, die aus der fehlenden Lust an neuen Ideen resultiert, führt doch das immer gleiche zu Trägheitszuständen. So spiegelt sich der latente Kulturpessimismus, der den neun Songs anhaftet, auch musikalisch wieder.

Akkordprogressionen sind rar, die Strophe-Refrain-Strophe-Struktur wird nie aufgebrochen und die tonale Spannbreite des Sängers bewegt sich maximal zwischen sprechhaften Gesang und domestizierten Fast-Shoutings. Doch man sollte eine Band wie Mutter womöglich nicht an mangelnder Innovation messen und ihr stattdessen dankbar sein für ihre Kontinuität. Denn mit ihrem Anspruch an verständliche Gesellschaftskritik halten sie immer noch an dem fest, was vielen anderen Bands heute fehlt: Haltung.

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