PJ Harvey in sechs Songs

Pressefoto von PJ Harvey

PJ Harvey (Foto: Maria Mochnaz)

Als Polly Jean Harvey im Jahr 1993 von einer Autorin des Guardian gefragt wurde, ob ihre Songs von autobiografischer Natur seien, antwortete sie: „Wenn ich wirklich alles, was ich schreibe, erlebt hätte, dann wäre ich wahrscheinlich 40 Jahre alt und ganz schön ausgelaugt.“ Damals war die aus dem südenglischen Städtchen Bridport Musikerin, Songwriterin, Produzentin und Komponistin 24 Jahre alt und hatte gerade mit „Rid Of Me“ ihr zweites Album voll mit zerstörerischem, zähneknirschendem Punk-Blues veröffentlicht. Es sollte nicht lange dauern, bis sie dieses Klangkostüm abstreifte und sich neu erfand. Bis heute hat Harvey noch kein Album veröffentlicht, das so klingt wie das vorige.

Was stets konstant blieb: ihre Furchtlosigkeit. Die Geschichten, die sie auf ihren bisherigen neun Soloalben erzählte, zielten immer dahin, wo’s wehtut. Sie besang Panikattacken, das Patriarchat, den Teufel und Mütter, die ihre Kinder ertränken. Am 9. Oktober 2019 ist sie 50 Jahre alt geworden. Ausgelaugt scheint sie immer noch nicht. Wenige KünstlerInnen können in ihrem Spätwerk von sich behaupten, dass niemand ahnen kann, wie ihr nächstes Album, ihr nächster Soundtrack, ihre nächste Zusammenarbeit klingen wird. In einem Alter, in dem andere KünstlerInnen in der Stagnation versinken, bleibt Harvey abenteuerlustig. Wir demonstrieren die zahlreichen Facetten der Musikerin PJ Harvey in sechs Songs.

„O Stella“ (1992)

„‘Dry‚ war das erste Album, das ich je aufnahm – und ich war überzeugt, es wäre auch mein letztes“, sagte Harvey dem Filter Magazine zwölf Jahre nach der Veröffentlichung ihrer Debüt-LP. In „O Stella“ klingen sie und ihre Band hungrig: Steve Vaughans bundloser Bass knurrt bedrohlich, Rob Ellis‘ Schlagzeug peitscht angriffslustig nach vorne. Harveys Gitarre funkt ruhelos, ihre Stimme dehnt die Vokale, bis sich die Stimme überschlägt. Sie singt diese Songs tatsächlich mit der Dringlichkeit eines Menschen, der ahnt, dass das hier seine letzte Chance sein könnte. Harvey sollte sich irren. „Dry“ war erst der Anfang.

„Man-Size Sextet“ (1993)

Ein Jahr nach „Dry“ folgte „Rid Of Me“, das mit der staubtrockenen Produktion von Steve Albini noch angriffslustiger klang als der Vorgänger. Auf diesem Album offenbarte Harvey ihre virtuose Vielseitigkeit. Inmitten paranoider Noise-Rock-Tracks wie „Rub Til It Bleeds“ oder „50 Ft Queenie“ versteckte sie ein Monster namens „Man-Size Sextet“. Anstatt von Gitarre, Bass und Schlagzeug umrahmen Violinen und Celli ihr Knurren – Instrumente, die Harvey allesamt selbst einspielte. Was sie da spielt, hat mehr mit Dmitri Shostakovichs diabolischer Kammermusik als mit 90er-Jahre-Alternative-Rock zu tun. „Man-Size Sextet“ ist ein purer Albtraum – der beweist, dass Harvey keine verzerrten Stromgitarren braucht, um einen umzuballern.

„Down By The Water“ (1995)

Auf ihrem nächsten Album „To Bring You My Love“ arbeitete Harvey zum ersten Mal mit ihren langjährigen Begleitern Flood und John Parish zusammen. Gemeinsam erweiterten sie ihren Sound mit Orgeln, Pianos und elektronischen Sounds – und schufen ihren ersten Hit. Wobei „Down By The Water“ – wie es sich für einen PJ-Harvey-Song gehört – nicht wirklich wie ein „Hit“ anmutet. Eine fies verzerrte Orgel und flirrende Streicherdrones bilden das poröse Fundament, auf dem Harvey in gospelartigem Call and Response davon erzählt, ihre Tochter zu ertränken. Mit morbidem Kunst-Rock erklomm sie den zweiten Platz der Modern Rock Charts.

„The Wind“ (1998)

Die leichten elektronischen Elemente, die durch „To Bring You My Love“ geisterten, wurden auf dem Nachfolger „Is This Desire?“ weiter ausgebaut. „The Wind“ ist verrauchte Nachtmusik, eine Mischung aus Trip-Hop und Indie-Rock, mit sanft das Zwerchfell streichelndem Bass und sinnlichem Midtempo-Groove. In kürzester Zeit verwandelte sie sich von einer wütenden Krachmacherin zu einer atmosphärischen Ambient-Pop-Künstlerin – ohne dabei an Intensität zu verlieren. „Catherine liked high places / High up, high up on the hills / A place for making noises“, singt Harvey in zurückgenommener Kopfstimme, während eine antwortende Flüsterstimme wie der titelgebende Wind ums Ohr streift.

„The Devil“ (2007)

Was passiert, wenn Harvey sowohl den Lärm als auch die Elektronik herauskürzt, zeigt ihr 2007er Album „White Chalk“. „The Devil“, der erste Song dieses Albums, ist ihr möglicherweise nacktester Song. Mit nur einer minimalistischen Piano-Figur und einem stoischen Schlagzeugbeat als Grundgerüst lässt sie ihre Stimme so hoch fliegen wie noch nie zuvor. Es ist fast schon verstörend, die sonst so mächtige Harvey so verletzlich zu hören. Und in dieser Verstörung auch wieder typisch PJ Harvey.

„The Words That Maketh Murder“ (2011)

„What if I take my problems to the United Nations?“, ist die bittere rhetorische Frage, die Harvey einem 2011 nach vierjähriger Soloplatten-Pause um die Ohren haut. Die Musik ist warmer Folk-Rock, mit Harveys Auto-Harp im Zentrum, doch der Text ist alles andere als anschmiegsam. Auf ihren letzten beiden Platten „Let England Shake“ und „The Hope Six Demolition Project“ erfand sich Harvey erneut neu, diesmal als scharfzüngige politische Kommentatorin. In „The Words That Maketh Murder“ verurteilt sie den zum Zeitpunkt des Songs bereits zehn Jahre andauernden Afghanistan-Konflikt – sowohl aus Sicht der ZivilistInnen als auch der ausgelaugten, traumatisierten Soldaten. „I’ve seen and done things I want to forget / I’ve seen soldiers fall like lumps of meat.“ Ihr „Spätwerk“ hat musikalisch nicht viel mit ihren frühen Alben zu tun – beißen kann Harvey jedoch immer noch genau so gut.

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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