„Repeater“ von Fugazi wird 30 Jahre alt

Von ByteFM Redaktion, 19. April 2020

Bild des Albumcovers „Repeater“ von Fugazi

Fugazi – „Repeater“ (Dischord)

Eines der schöneren musikalischen Klischees des Punk ist der Bass-Break. Wenn die Band nach einigen halsbrecherischen Strophen und Refrains für ein paar Sekunden dem Viersaiter seinen Raum gibt, nur um danach mit voller Kraft zurück in den Refrain zu ballern. Subtil ist das nicht – die Bassistin oder der Bassist schrammelt den Break in den meisten Fällen mit der gleichen Inbrunst wie alles andere auch – aber befriedigend.

Wenigen Bands war der Faktor „Befriedigung“ so egal wie Fugazi. Die Geschichte des Quartetts aus Washington, D.C. ist eine Geschichte der Ablehnung. Sowohl gegenüber dem Publikum gegenüber als auch gegenüber der Musikindustrie. Eine Verweigerung von all dem, was man in den frühen 90er-Jahren von einer Rockband zu erwarten hatte. Wer bei einem Fugazi-Konzert auf die Idee kam, Stagediven zu wollen, wurde rausgeschmissen. Ihre Musik erschien stets auf dem Label des Sängers und Gitarristen Ian MacKaye, Dischord Rechords. Obwohl Major-Firmen mit Multimillionen-Dollar-Verträgen lockten. Apropos Geld: Wer Ticketpreise aufblähen wollte, ging leer aus. Ein Konzert der Band kostete fast immer nur fünf Dollar. Merchandise gab es nicht. Wer unbedingt ein Fugazi-T-Shirt haben wollte, musste auf ein von Fans produziertes „This-Is-Not-A-Fugazi-Shirt“ zurückgreifen.

Radikales Ethos

Dieses Ethos griff die Band nicht einfach aus der Luft. Washington, D.C. war zu Beginn der 80er-Jahre eines der Epizentren des Hardcore-Punk. Drei der vier Mitglieder waren Veteranen, der zweite Gitarrist und Sänger Guy Picciotto und Schlagzeuger Brendan Canty spielten vorher Rites Of Spring, die wieselflinken Punk mit Emocore verbanden. MacKaye gründete einst Minor Threat, die legendäre Band, die den Begriff „Straight Edge“ erfand. Für diese Gruppe war eine sich dem Sex-Drugs-&-Rock‘n‘Roll-Hedonismus verweigernde Einstellung genauso wichtig wie die Songs. Für MacKaye war das Private schon immer politisch, die eigene Musik und alles, was sie umgibt mit eingeschlossen.

Die Geschichte der kompromisslosen Band Fugazi ist die, die am häufigsten erzählt wird. Die Story einer Gruppe, die bis zu ihrem vorläufigen Ende im Jahr 2003 ihrem radikalen Ethos treu blieb. Dieses Narrativ schließt aber einen wichtigen Aspekt der Band aus: den Spaß an der Musik. Ihre ekstatischen, vor unbändiger Lebensfreude nur so strotzenden Songs.

1986 gründete MacKaye mit Canty und dem Bassisten Joe Lally Fugazi, Picciotto stieß kurz darauf als Background-Sänger hinzu. Es erschienen zwei EPs, später zusammengefügt zum Debütalbum „13 Songs“. Wenig später griff auch Picciotto zur Gitarre. Am 19. April 1990, vor genau 30 Jahren, erschien das zweite Album „Repeater“ – auf dem die Band endgültig radikale Politik mit radikaler Spielfreude verband.

Radikale Spielfreude

„Repeater“ beginnt sehr langsam: „Turnover“ ist ein sich stetig auftürmendes Biest, das in seiner vollen Größe aber alle Qualitäten dieser Band demonstriert. Fugazi waren im wahrsten Sinne des Wortes eine Post-Hardcore-Band, die die Energie des Hardcore in verschiedene andere Richtungen weiterdachte. Canty peitscht seine Drums mit punkigem Elan, aber ohne das halsbrecherische Tempo. Die Gitarren sind stark verzerrt, aber auf seltsame Art und Weise elegant. MacKaye und Picciotto lassen ihre Instrumente in engen Bahnen umeinander Kreisen, fernab von klassischer Lead- und Rhythmus-Gitarre. Lallys Bass hat überhaupt nicht viel mit Punk-Konventionen zu tun, seine Figuren sind synkopische Tänzeleien, die man eher aus dem Dub oder Reggae kennt. „Turnover“ legt diese Elemente Schicht um Schicht übereinander.

Danach kommt der Titeltrack – und mit ihm ekstatisches Chaos. „Repeater“ ist ein echter Wirbelwind, von Cantys frenetischen Snare-Salven bis zum sich freudig überschlagenden Gitarrenfeedback. Wenig später folgt „Merchandise“, der wohl am meisten mit Hardcore-Punk verwandte Song – dessen Text genauso gut als generelles Ethos-Statement dieser Band gelten könnte. „We owe you nothing / You are not in control“, bellt MacKaye.

Auch der nächste Song „Blueprint“ macht unmissverständlich ihre Politik deutlich. „I‘m not playing with you“, singt Picciotto. Was sich wie eine Verweigerung liest, klingt aber anders: Picciotto singt die Zeilen mit einem spürbaren Lächeln, kampflustig und siegessicher zugleich. „Kommt doch“, scheint er zu meinen. „Never mind what’s been selling / It’s what you’re buying“, intonieren beide Sänger zum Finale – und klingen dabei nicht wirklich wütend, sondern eher triumphal.

Diese ansteckende Mischung aus Spielfreude und Politik zieht sich durch das ganze Album. Sie findet sich im wunderbar aggressiven „Sieve-Fisted Find“. Sie findet sich Abschluss „Shut The Door“, in dem die bedrohlich groovende Rhythmusgruppe meisterhaft mit den kreischenden Gitarren tanzt. Und sie findet sich in „Two Beats Off“, in dem kurz vorm Ende Lally Raum für einen wunderbaren Bassbreak bekommt. Auch wenn diese Band mit Punk-Klischees flirtete, blieb sie stets ihr mächtiges, kompromissloses Selbst.

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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