Sin Fang im Wunderland

(Morr Music)

Wäre Sindri Már Sigfússon alias Sin Fang mit einem weißen Spitzendeckchen-Bart zum Interview erschienen, hätte er mein Bild vom isländischen Geschichtenerzähler und musikalischen Traumtänzer sofort komplettiert. An diesem Tag jedoch tauscht er Kunstbart gegen Cappy und kann künstlerisch zunächst nur mit bunt tätowierten Armen dienen.

Während Sin Fang mir von seinem musikalischen Schaffen erzählt und versucht, seine Gedanken in Worte zu fassen, driftet er oftmals schnell ab, fabuliert sich in andere Sphären und schaut dabei nachdenklich an die Decke. Mir wird schnell klar: In ihm schlummert eine kreative Seele, die ihr Ventil auf artistische und musikalische Weise findet. „Ich habe immer ein Aufnahmegerät bei mir, um meine Ideen gleich auf Band bringen zu können,“ murmelt er in seinen Wunschbart. Zudem zeichne er sehr gern und kreiere gemeinsam mit Familie und Freunden die Musikvideos zu seinen Songs. „Ich bin ganz ungeduldig, was das Schneiden von Videos anbelangt. Das lasse ich lieber meine Freunde machen, die haben Spaß daran. Ich habe mir noch nie professionelle Unterstützung beim Dreh geholt. Bisher blieb immer alles in meinem Bekanntenkreis.“

Auch seine Alben „Clangour“ und „Summer Echoes“ hat Sin Fang bisher selbst produziert und ab und an befreundete Musiker von isländischen Bands wie Múm oder Amiina zu Hilfe gezogen. Oftmals tüftelt er allein an seinen Songs, spielt Instrumente ein und bearbeitet oder verfremdet diese am Computer. Zu Hause habe er eine immense Sound-Datenbank, mit der er seine Musik verfeinere. „Die Songs auf meiner aktuellen Platte „Summer Echoes“ sind viel experimenteller und vielschichtiger als es bei „Clangour“ noch der Fall war. Und das neue Album, an dem ich jetzt arbeite, wird wieder ganz anders werden. Darin wird es viele Streicher geben.“

Er sieht müde aus und ich frage mich, ob er manchmal einen kleinen magischen Trunk zu sich nimmt, um dann durch winzige Türen zu schlüpfen und fabelhafte Welten zu erkunden. Dann ist Sin Fang im Wunderland und macht aus unscheinbaren Tönen ein ganzes Konzert aus atmosphärischen Melodien. Sehr absurde Dinge passieren dort im Märchenwald: gelassene HipHop-Beats laufen Hand in Hand mit traurigen Klavierstücken durch ein Dickicht aus Computersounds. John Lennon und Bruce Springsteen schlagen dort ihre Wurzeln, während Pilze aus dem Boden wachsen wie in Gameboy-Spielen. Vögel zwitschern, Katzen grinsen und hier und da rauscht leise der Wind. Eine Raupe schlängelt sich Pfeife-rauchend durch zauberhaftes Tonmaterial und ein verrückter Hutmacher zieht lustige Gitarrenklänge aus seinem Zylinder.

„Ich finde, Musik sollte sich von der realen Welt entziehen und nicht einfach das wiedergeben, was wir täglich erleben. Sie sollte neue, märchenhafte Welten schaffen, sodass wir in diesen Welten abtauchen können,“ sagt Sin Fang in die Leere starrend und schaut mich dann flüchtig an. Genau das ist es, was seine Musik ausmacht: Sie kreiert eine magische Atmosphäre, in der man ungestört vom Alltagsleben pausieren kann.

An dieser Magie lässt mich Sin Fang schließlich teilhaben. Er zückt die Gitarre und singt seinen Song „Always Everything“, bevor ihn ein gehetztes weißes Kaninchen aus dem Raum holt und mit ihm im Wunderland verschwindet.

Den Live-Song „Always Everything“ von Sin Fang könnt Ihr Euch auf der ByteFM Magazinseite in der Rubrik Byte Sessions im Stream anhören.

Sin Fang ist zusammen mit Sóley auf Tour:

06.09. Offenbach – Hafen 2
07.09. Köln – Blue Shell
11.09. Schaffhausen (CH) – Tap Tab
12.09. Basel (CH) – Sud
14.09. München – Rote Sonne
15.09. Berlin – Berghain
16.09. Dresden – Scheune
30.09. Wien (AT) – Waves Festival
01.10. Graz (AT) – Steirischer Herbst/Kunsthaus Graz

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