Tame Impala – "Innerspeaker"

Tame Impala - InnerspeakerTame Impala – „Innerspeaker“
VÖ: 25.05.2010
Web: www.myspace.com/tameimpala
Label: Modular People
Kaufen: ”iTunes"

Wir erinnern uns, als sei es gestern gewesen. Vor mehr als zehn Milliarden Jahren gelingt die Simulation des Urknalls im Kernforschungszentrum CERN nahe Genf, das Universum entsteht, und seither befinden wir uns in einer gigantischen Zeitschleife – mit dem tröstlichen Gedanken, dass ByteFM auch beim nächsten Mal, spätestens am 11. Januar 2008, auf Sendung gehen wird.

Es ist also nicht sonderlich überraschend, dass im Verlauf von rund 4,5 Milliarden Jahren Musikgeschichte so Manches wiederkehrt. Musik aus Australien dürfte es dabei auch immer gegeben haben, dennoch verbindet man zumindest die vergangenen drei Jahrzehnte irgendwie hauptsächlich mit den wunderbaren Go-Betweens. Immerhin haben wenigstens in den letzten Jahren einige Bands auch über Australien hinaus auf sich aufmerksam gemacht – beispielsweise Wolf & Cub, The Middle East, Firekites und insbesondere natürlich Love Of Diagrams.


Tame Impala – „Solitude Is Bliss“

Nun also Tame Impala. Drei Jungs aus Perth, also dem praktisch unbewohnten Westen Australiens (und wurden nicht auch im Westen Australiens – Achtung: angelesene Klugscheißerei – Zirkon-Kristalle entdeckt, deren Alter auf etwa 4,4 Milliarden Jahre geschätzt wird?!). Vor gut zehn Jahren jedenfalls sollen Kevin Parker (Gesang, Gitarre) und Dominic Simper (Bass) bereits als 13-jährige gemeinsam musiziert haben, 2007 kam Drummer Jay Watson hinzu und Tame Impala war praktisch geboren.

Zwar ist bei Hypes immer Vorsicht geboten, ist deren Halbwertszeit in der Regel doch kaum länger als das Interesse an Urknall-Simulationen, aber dem Hype um Tame Impalas Debüt-Album „Innerspeaker“ fehlt bei uns eigentlich noch eine Kleinigkeit… nämlich der Hype. Dabei hat das ByteFM-Magazin neulich schon mit dem Video zu dem herrlichen „Solitude Is Bliss“ auf „Innerspeaker“ hingewiesen. Aber was ist das hier? Eine Mischung aus Sonic Youth und Shack? Ein Mash-Up aus Stone Roses und Pale Fountains? Grizzly Bear kombiniert mit Broken Social Scene kombiniert mit Bear In Heaven kombiniert mit … was auch immer? Diese (viel zu aktuellen) Referenzen legen vermutlich wieder nur falsche Fährten, müsste man doch eigentlich den psychedelischen Rock der späten Sechziger oder frühen Siebziger bemühen. Aber wie soll das gehen, wenn eine der wenigen Erinnerungen daran ist, dass man als Siebenjähriger mit der älteren Schwester die Bravo-Charts studiert und dabei Janis Joplin oder Emerson, Lake & Palmer gehört hat. Irgendwie machen Tame Impala also Hippiemusik, und die ist hin und wieder durchaus willkommen, gerade bei Jemandem, dessen Erfahrungen mit scheinbar bewusstseinserweiternden Hilfsmitteln sich eben auf Musik und auf das Passivrauchen des Zigarettenqualms der Kolleginnen und Kollegen beschränken. Das Album-Cover von „Innerspeaker“, dass trotz weiter Landschaft einen Tunnelblick suggeriert, passt dabei schon ins Bild.

Der Low Fidelity-Sound auf „Innerspeaker“ klingt altmodisch und wirkt irgendwie doch frisch und unverbraucht. Wenn ein Album dann auch noch derart unwiderstehlich mit dem ebenso coolen wie charmanten Opener „It Is Not Meant To Be“ beginnt, kann ja nicht mehr so arg viel schief gehen. Das darauf folgende, nicht minder schöne „Desire Be Desire Go“ wurde – in leicht abgewandelter Form – zu Recht von der ersten EP auf das Album hinübergerettet, passt es doch besser in diesen Kontext. Gegenüber der EP gelingt der Band ihre Musik auf „Innerspeaker“ nämlich viel lockerer und selbstverständlicher – egal, ob ein Song nur gut drei Minuten („Why Won’t You Make Up Your Mind“) oder über sieben Minuten („Runway, Houses, City, Clouds”) dauert. Und Tame Impala nehmen sich selbst dabei nicht zu ernst; so konterkarieren sie die im Song „Bold Arrow Of Time“ durchaus vorhandene Rock-Pose der unangenehmeren Art einfach mit einem Anhängsel aus akustischer Gitarre und Synthesizer-Klängen. Auch beim tollen „Expectations“ wird der eigentlich viereinhalbminütige Song um ein anderthalb Minuten dauerndes Irgendwas ergänzt – aber es funktioniert eben. Und das ist der Punkt: dieses Album fließt von Beginn bis Ende rund und unverkrampft. So ertappt man sich dabei, plötzlich wieder Luftgitarre oder gar Luftschlagzeug zu spielen und froh darüber zu sein, dass niemand in der Nähe ist („Solitude Is Bliss“, sozusagen).

Keine Ahnung, wie lange die Freude an „Innerspeaker“ anhalten wird. Augenblicklich ist sie jedenfalls groß, und hoffentlich erinnere ich mich daran, wenn ich in zig-Milliarden von Jahren wieder an dieser Rezension schreiben werde…

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Diskussionen

0 Kommentare
  1. posted by
    Nonto
    Jul 8, 2010 Reply

    Die Band spielt ja Ende August in Berlin, hoffentlich kommen da noch mehr Daten nach…

    24.08.2010 – Berlin – Comet Club

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