„Things Have Changed“ – zum 70. Geburtstag von His Bobness

„Dylan sollte sich was schämen“, ereiferte sich im letzten Monat der Menschenrechtler Brad Adams von Human Rights Watch, weil der einstige Protestsänger sein Live-Programm habe zensieren lassen. Sowohl bei seinen Auftritten in China als auch in Vietnam verzichtete Dylan auf seine Protestsongs „The Times They Are A-Changin“ und „Blowin’ In The Wind“ und habe sich somit der Zensur gebeugt und die Freiheitsbewegung verraten. Zeigt sich hier wieder das alte Missverständnis, dass Dylan in den sechziger Jahren zum führenden Kopf der Protestbewegung in den USA erklärt wurde, diese ihm zugedachte Rolle aber niemals spielen wollte. Sein ablehnender Song „It Aint Me Babe“ („Ich bin nicht der, den Du suchst“) kann als Ausdruck dieser Verweigerungshaltung gedeutet werden. Unmissverständlich wurde er im „Subterranean Homesick Blues“ mit der gleichermaßen klaren wie ironischen Zeile „Folge keinem Führer, beachte die Parkuhren“.

Der Führer wider Willen und seine Gefolgschaft

Aber dennoch folgten Heerscharen von Anhängern jahrzehntelang dem wortmächtigen „Picasso of Song“ (Leonard Cohen), verfolgten seine Songbotschaften vom sarkastischen „With God On Our Side“ (1964) über die Hoffnung auf jenseitige Erlösung im Song „Tryin’ To Get To Heaven“ (1997) bis zum liebes-sehnsüchtigen „I Feel A Change Comin On“ (2009); sie pilgerten zu den Konzerten seiner „never ending tour“ und nahmen ihm nicht krumm, dass er 1979 mehr predigte als sang und im Sinne seiner christlichen Erweckung missionierte, dass er 1987 ohne einen Hauch von Kritik an der DDR-Obrigkeit in Ost-Berlin auftrat, dass er 1997 für den stockkonservativen Papst Johannes Paul II. spielte und sich anschließend mit einem tiefen Diener vor dem Nachfolger Petri verneigte. Sie wollten nicht wahr haben, dass die Stimme ihrer Generation, jener „kritische Songpoet, der oft gegen die Allgegenwart der Reklame polemisierte“ (FAZ) 2004 Werbung für luxuriöse Damenunterwäsche machte.
Ihm haben seine Anhänger alles verziehen, nicht aber dem Nobelpreis-Komitee, das dem „Shakespeare des 20. Jahrhunderts“ (New York Times), dem „größten lebenden Dichter des Pop“ (Die Welt) den Literatur-Nobelpreis bis heute verweigerte.

Von Zimmermann zu Dylan

Wenn ein Sänger seinen bürgerlichen Namen Robert Allen Zimmermann ablegt, um sich Bob Dylan zu nennen – nach dem walisischen Dichter Dylan Thomas, der für seine poetische Kunst gefeiert wurde, aber schon im Alter von 39 Jahren an den Folgen seiner Alkoholsucht starb – dann durfte man von einem gewissen Anspruch dieses Sängers und Songschreibers ausgehen. Tatsächlich gilt er als der bedeutendste Songschreiber der Popgeschichte, weil er wie kein anderer die ur-amerikanischen Musikstile mit Songtexten von hohem literarischem Rang verschmolz.

Über seine stimmlichen Qualitäten streiten sich die Geister. Während seine Fans von der besonderen Ausdrucksstärke, Authentizität und rauen Intensität schwärmen, mokieren sich andere über seine „unschöne“ Stimme, die wie „kochender Straßenteer“ klinge, oder als käme sie geradewegs „über die Mauern eines Lungensanatoriums“. Kein Wunder, dass so mancher Popfan fast jede Coverversion eines Dylan-Songs dem Original vorzieht. Und Neuinterpretationen und Coverversionen von Dylan-Klassikern gibt es wie Sand am Meer. Das reicht von den Byrds bis Jimi Hendrix, Van Morrison bis Richie Havens, Manfred Mann’s Earth Band bis Guns and Roses, Eric Clapton bis The White Stripes, Chrissie Hynde bis Sheryl Crow, Norah Jones bis Cassandra Wilson usw.. Unter den deutschsprachigen Dylan-Interpreten sind zu nennen: Wolfgang Ambros, Christopher & Michael, Wolfgang Niedecken, Ringsgwandl, Dirk Darmstädter u.a..

Dylan der Archivar

Heute ähnelt Bob Dylan mit seinen letzten Alben „Love And Theft“ von 2001, „Modern Times“ von 2006 und „Together Through Life“ von 2009 und auch mit seinen eigenen, vielgelobten pophistorischen Radio-Sendungen einem Musik-Archivar, der die Geschichte der amerikanischen Musik dokumentieren will.
Viele Musikbegeisterte seiner Generation haben bis heute mehr Bezug zu der frühen Phase des Meisters, als Dylan-Songs noch für gesellschaftlichen Aufbruch und revolutionäre Veränderungen standen und greifen entsprechend selbst gerne ins Dylan-Archiv. Als Kultobjekt gilt vielen Dylan-Verehrern der Dokumentarfilm „Don’t Look Back“ von P.A. Pennebaker. Vor 44 Jahren erschien der Tour-Film von Bob Dylans dreiwöchiger Solo-Tournee durch England, die im Frühjahr 1965 stattfand. Dieser Film „Don’t Look Back“ gilt als eines der großen Zeitdokumente der populären Musikgeschichte. Man sieht Ausschnitte aus den Konzerten und viele private Szenen wie aus einem Reisetagebuch:

Joan Baez singt zur Gitarre im Hotelzimmer „Love Is Just A Four Letter Word“, während Dylan ununterbrochen in seine Reiseschreibmaschine Texte hämmert. Irgendwann sagt er: „Ich hab den verdammten Song nie beendet.“ Später greift auch er zur Gitarre und singt ein paar Zeilen aus dem Hank Williams-Klassiker „I’m So Lonesome I Could Cry“. Nächste Szene: Dylan steht in Newcastle vor dem Schaufenster eines Musikgeschäfts, betrachtet die ausgestellten E-Gitarren und sagt: „Schau dir diese Gitarren an, so was kriegst du in den Staaten nicht.“ Später sieht man Dylan in einem Hinterzimmer Klavier spielen. Dann ein Interview, ein launiges Gespräch mit Alan Price, bei dem viel gelacht wird. Dylan backstage kurz vor einem Auftritt. Dylan auf der Bühne, er singt: „Don’t Think Twice“. Dylan debattiert mit einem betrunkenen Fan. Donovan singt im privaten Kreis „To Sing For You“. Er reicht die Gitarre an Dylan weiter und sagt: „Ich würde gerne ‚It’s All Over Now, Baby Blue’ hören“. Dylan erfüllt ihm den Wunsch. In der Royal Albert Hall singt er: „The Times They Are A-Changin’“. In der nächsten Ansage spricht er von einem schrecklichen Traum. Er habe in die Toilette geschaut und hätte dort Donovan gesehen. Er grinst, das Publikum lacht und applaudiert.
Und so geht dieses Roadmovie immer weiter. Es gehört zu den besten frühen Filmen über Popmusik, die je veröffentlicht wurden.

Vom Roadmovie zum Reisen um die Welt

Heute konzertiert Dylan überall auf der Welt – auch in kommunistischen Staaten, die es mit den Menschenrechten nicht so genau nehmen. Auch wenn Dylan sich der chinesischen Zensur beugt und seine berühmten Protestlieder in Peking und Shanghai nicht singt, im restlichen Songrepertoire, das er live singt, finden sich noch genug Bezüge, die kritisch bis aufmüpfig zu deuten sind. In Ho-Chi-Minh-Stadt sang er „Gonna Change My Way Of Thinkin“, in dem es heißt: „Ich werde mein Denken ändern, werde mit meinem Fuß aufstampfen und mich nicht mehr von Narren beeinflussen lassen.“ In China hätte er „I Shall Be Released“ singen sollen, was sich dann angehört hätte wie „Ai Shall Be Released“, ein Aufruf für die Freilassung des inhaftierten Künstlers und Regime-Kritikers Ai Weiwei. Doch Dylan tat das nicht. Er lässt sich vor niemandes Karren spannen.

Im seinem Song „Things Have Changed“ von 1999 heißt es: „Die Leute sind verrückt und die Zeiten sind seltsam / Ich bin mittendrin und außer Reichweite / Ich habe mal Anteil genommen, aber die Dinge haben sich geändert.“

Eine Stunde „His Bobness“, am Donnerstag, 26.05., ab 23 Uhr, im Kramladen mit Volker Rebell.

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