20 Jahre MTV Unplugged

Heute vor zwanzig Jahren wurde die erste Episode der Show MTV Unplugged aufgezeichnet. Aufgetreten sind damals Squeeze, Syd Straw und Elliot Easton. Die MTV-Show, bei der Künstler ihr eigentlich elektrisch verstärktes Repertoire auf unverstärkten Instrumenten darbieten, erfreute sich in den folgenden Jahren größter Beliebtheit und machte das Wort „unplugged“ zu einem feststehenden Begriff.

Ein Grund für den großen Erfolg des Formats ist vermutlich die vergleichsweise intime Atmosphäre, die bei solchen Auftritten geschaffen wird. Das Publikum ist begrenzt, die Hallen sind oft klein und die Künstler präsentieren ihre Lieder so, wie sie scheinbar einmal entstanden sind. Andächtig und still, als würden sie an einem Lagerfeuer sitzen und dem einzigen Troubadur am Platz lauschen, verhalten sich die Zuschauer meist. Das Publikum scheint sich sicher zu sein, dass es an etwas Außergewöhnlichem teil hat.

Von ungefähr kommt dieses Gefühl nicht. Denn tatsächlich handelte es sich bei den meisten der MTV Unplugged-Shows – wenn nicht noch ein zweiter Aufguss in Form einer Tour oder ähnlichem folgte – um einmalige Veranstaltungen. Und unabhängig davon, ob ein ganzes Orchester aufgefahren wurde oder die Künstler sich solo mit der obligatorischen Akustikgitarre präsentierten: Der Lagerfeuer-Effekt schien immer zu funktionieren. Die Lieder, zumindest oberflächlich, bis aufs Gerüst nackt, ungeschminkt und so wie der Schreiber sie einst erschaffen hat.

Auch die Künstler gingen ganz in dem ungewohnten Rahmen auf und zeigten sich mitunter ungewohnt emotional. Ob Eric Clapton, der seinen MTV Unplugged-Auftritt 1992 dazu nutzte, zum ersten mal „Tears In Heaven“, das Lied, das er zur Verarbeitung des Todes seines verunglückten Sohnes schrieb, live aufzuführen oder Lauryn Hill, die 2002 während ihrer Unplugged-Performance so gerührt war, dass sie mehrere Male weinte – die Musiker und das Publikum schienen oft wie von einem Zauber belegt zu sein.

Gemein ist allen Konzerten, dass sie etwas Besonderes sein sollten. Und wenn die Konzerte schon nicht besonders emotional wurden, wurde auf andere Weise versucht, einen besonders reizvollen Abend zu gestalten. Auffällig ist das vor allem bei den deutschen Künstlern, denen die „Ehre“ zuteil wurde, sich im Rahmen eines MTV Unplugged-Konzerts zu präsentieren: Den Anfang machte 1994 Herbert Grönemeyer, der ein noch recht puristisches Konzert ablieferte. Im Jahr 2000 folgten aber die Fantastischen Vier, die einen amtlichen Auftritt mit allem Pipapo ablieferten. Besonderes Gimmick: der Spielort. Nämlich die Balver Höhle mit ihrem ganz eigenen Klang und einer eher speziellen Atmosphäre. Damit lag die Latte für die Nachkommenden recht hoch. Die Ärzte zogen 2002 nach und machten mit viel Kostümierung sowie Schülerchor und -orchester die Rock’n’Roll Highschool zur „Rock’N’Roll Realschule“. Dann zogen Die Toten Hosen mit einem Sitzkonzert im Wiener Burgtheater statt Stadion und Fankurve. Und dann noch die Sportfreunde Stiller in großer New York-Kulisse.

International hat man auf solch obskure Dreingaben verzichtet. Stattdessen holten sich die jeweiligen Gäste der Show lieber Prominente Mitstreiter ins Boot. So waren unter anderem Korn mit Robert Smith, Alicia Keys mit Mos Def oder The Roots mit Jay-Z auf einer Bühne zu sehen.

Seine Hochphase hatte das MTV Unplugged eindeutig in den Neunzigern. In dieser Zeit konnte MTV Größen wie Bob Dylan, REM, Elvis Costello, The Cure, Eric Clapton, Björk, Bruce Springsteen – der aber nicht auf elektrische Verstärkung verzichten wollte – Sting, Nirvana, Kiss, Oasis und Pearl Jam für die Show gewinnen. 1998 fing man an, nur noch unregelmäßig MTV Unplugged-Konzerte aufzuzeichnen. Seitdem waren zum Beispiel. Alanis Morrisette, Shakira, Ricky Martin, Jay-Z oder Alicia Keys zu sehen.

Einen offiziellen Neustart erfuhr MTV Unplugged in diesem Jahr. Die Konzerte der neuen Staffel werden aber nicht mehr in voller Länge ausgestrahlt, sondern online verfügbar gemacht oder in die Rotation eingefügt. Das ist einerseits keine große Überraschung, weil MTV – und das ist eine Banalität – seit geraumer Zeit kaum noch echtes Musikprogramm sendet und andererseits auch gar nicht so schlimm, wenn man sich die Liste derjenigen ansieht, die seit dem Neustart zu sehen waren: Paramore, All Time Low, Adele oder Katy Perry.

Viele der Konzerte wurden auch als Alben veröffentlicht und haben zum Teil riesige Erfolge eingefahren. Aber auch Bands, die nicht bei MTV auftraten, erreichten mit dem Konzept, unverstärkt zu spielen, hohe Verkaufszahlen. Tesla, die Band, die im Zuge des Hairmetal-Booms zu Größe kam, hatte so zum Beispiel 1989 bereits vor der ersten Ausstrahlung von MTV Unplugged einen Überraschungserfolg mit „Five Man Acoustical Jam“.

Das Interesse des Publikums, noch näher an den Künstlern dran zu sein, ebbte auch in den späten Neunzigern nicht ab. Von der VH1-Show „Storytellers“, bei der Musiker zusätzlich zur Akustik-Performance ihre Lieder kommentierten, über öffentlich ausgestrahlte Proben bis hin zu Musikern, die im Fernsehen erklärten, wie sie ihre populärsten Lieder spielen, war bald nichts mehr undenkbar. Ob die heute sehr präsenten Reality-Shows mit Prominenten aus dem Musikgeschäft nur eine logische Konsequenz aus dieser Entwicklung sind? Möglich ist es.

Nur einer hatte auf den ganzen Quatsch am Ende anscheinend doch keine Lust: Liam Gallagher ließ seinen Bruder im Stich, guckte von oben zu und nippte an seiner Bierflasche.

Jumoke Olusanmi erinnert heute im TourKalender ab 16 Uhr an 20 Jahre MTV Unplugged.

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