A. Billi Free – „I Luma“ (Rezension)

Cover des Albums „I Luma“ von A. Billi Free

A. Billi Free – „I Luma“ (Tokyo Dawn Records)

7,9

Was A. Billi Free alias Billie Drakeford aus Chicago auf ihrem Debütalbum „I Luma“ macht, kann man ruhigen Gewissens Future Soul nennen. Klingt aber anders als das, was man mit dem Begriff verbindet. Zum Glück, denn Irritation ist Voraussetzung für Innovation. Wird man von einer Platte kalt erwischt, spricht das grundsätzlich erst einmal für die Musik. Es sei denn, man möchte sich im Vertrauten suhlen. Streng genommen ist Musik, die nicht irritiert, Kunsthandwerk. Mitunter sicherlich sehr gutes Kunsthandwerk, aber eben nichts Neues. Auch wenn es große musikalische Revolutionen, wie sie in den ersten 50 Jahren Pop ungefähr zweimal im Jahr stattfanden, vielleicht nie wieder geben wird (vielleicht auch doch), so ist doch noch nicht jeder Acker bestellt, jede Hand ausgereizt und jede Phrase abgedroschen. A. Billi Free lebte zehn Jahre zwischen Wüste und Stadt. Die Perspektiven, die sie dadurch gewonnen hat, führten zu einem R&B-Album, das in seiner Andersartigkeit nicht selbstgerecht ist, aber toll. Vor ein paar Wochen zeigte die Vorabsingle „Flourish“ mit der Klarinettistin(!) Angel Bat Dawid und einem Beat, der hinterrücks auf den Tanzflur führt, dass da etwas Besonderes im Busch war. Nun ist der Track der Opener der von „I Luma“.

Neue Perspektiven statt Hippie-Romantik

Erlegt sich jemand Abgeschiedenheit auf, geschieht das häufig mit dem Wunsch nach Selbstfindung – der Hermann-Hesse-Variante des bürgerlichen Bildungsromans. Als A. Billi Free sich selbst in die Wüste New Mexicos schickte, zeitigte das weite Land allerdings offenbar einen Blick für das Wesentliche und das tatsächlich Relevante: In musikalischer Hinsicht war die karge Umgebung ein fruchtbarer Acker, den die Sängerin mit dem Produzenten-Duo Tensei bestellt hat und mit der Münchner Plattenfirma Tokyo Dawn auf den Markt karrt. Mit Aussteigerfantasien hat „I Luma“ zum Glück wenig am Hut, und wenn, dann geht die Reise nicht aufs Land, sondern ins All, mit Musik als Raumschifftreibstoff.

Doch Eskapismus ist auch keine langfristige Lösung und A. Billi Free zeigt sich aufgeschlossen und diesseitig. Sie hat Spaß an dem, was ihr die Welt vorsetzt, Klarinetten zum Beispiel (siehe „Flourish“). Oder Synthesizer. Mindestens ein Auge fokussiert aber auch unzweifelhaft die Zukunft. Und die Künstlerin macht ziemlich gute Vorschläge, wie diese aussehen, bzw. klingen könnte. Fast immer schöpft Musik aus bekannten Versatzstücken; selbst die unhörbare. Tanzmusik zu machen, die kaum merklich anders klingt als alles andere, ist kein Anfänger-Kunststück. Billie Drakeford aber scheint das aus dem Ärmel zu schlackern. Was zu der Musik zu sagen ist, verrät der Albumtitel: „I Luma“ ist samoanisch für „vorwärts“ und als Werksbezeichnung nachgerade allegorisch: A. Billi Free wählt einen Ausgangspunkt abseits des vertrauten Festlandes heimischer R&B-Produktionen, um von dort in die Zukunft aufzubrechen.

Mit selbstbewusstem Understatement ins Raumschiff

Perspektive und Dringlichkeit sind zentrale Schlagwörter für „I Luma“. Ein Sound zwischen R&B, House und Groove-Musik, für die sich niemand einen Namen ausgedacht hat; vielleicht auch, weil es sie bislang noch nicht gab. Klanglich zwischen elektronischem Minimalismus und hochwertigen Home-Recordings, textlich zwischen Aufbruch, Trotz und Hoffnung, ohne dass Billie Drakeford bei aller Dringlichkeit die Lebensfreude drangeben würde. In „Against The Wall“ fragt die Sängerin, was man tun würde, wenn die Situation auswegslos scheint; „Bold Heart“ handelt davon, dass das Wissen darum, wie man fett feiert, nicht heißt, dass nicht oft andere Dinge vorgehen. Das kann man auch als Kritik am R&B-Establishment lesen, aber zugleich zehrt der Song mit Wonne von Jazz-Funk und poliertem 80er-Jahre-Pop inklusive verhallter Drum-Maschine, Symbolen vergangener Hedonismen. In „Rushing In“ gibt A. Billi Free das Ziel ihrer Reise preis: ins gute Leben, in die Sonne. Natürlich ein unerreichbares Ziel – viel weiter als Ikarus wird niemand kommen –, aber mit realistischen Zielen kommt man nicht weit.

Was aus den Lautsprechern pumpt, ist leichtfüßig und innovativ, ohne das an die große Glocke zu hängen. Womöglich die frischeste R&B-Platte der letzten Zeit, gerade auch, weil sie weder ihre Neuartigkeit herausstellt noch um ihr Understatement großes Gewese macht.

Veröffentlichung: 12. August 2019
Label: Tokyo Dawn Records

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