A Friday Night – on the Lower East Side

LES, die Lower East Side in Manhattan, angrenzend an China Town mit seinen überfüllten Straßen, auf denen zu jeder Tageszeit Rush-Hour herrscht, den East River im Süden und der East Village, die noch bis Anfang der 60er Jahre als Teil der LES galt.
Hier im East Village und der Lower East Side waren von den 1950er bis in die späte 1980er Jahre erst die Beat-Poeten, dann Hippies, Punks und Post-Punks zu Hause. Ateliers, Gallerien, Performance-Theater und Musik-Clubs säumten die Straßen. In der East Third Street 48, wo Jack Kerouac auf einer Leiter vor dem Atelier stehend aus „On The Road“ vorlas, während Allen Ginsberg im Publikum saß, gibt es heute nicht mehr viel zu sehen. St. Marks Place, die Straße, auf der in den 60ern Abbie Hoffmann und Jerry Rubin die Yippies in einem Keller gründeten , Andy Warhol in der Polish Hall, auch bekannt als Dom, eine gewisse Band namens Velvet Underground präsentierte und Anfang der 80er Keith Haring und Basquiat gemeinsam in St Marks Place 51 ausstellten, besteht heute aus teuren Apartment-Komplexen und vielen kleinen Shops.

Den unumgänglichen Weg der Aufwertung und allgegenwärtigen Gentrifizierung solcher Viertel wie der LES gingen noch viele weitere, vormals als nächtliche No-Go-Area oder Drogenumschlagsplatz bekannte, Straßenzüge dieses zum schicken und trendigen Nightlife-Bezirks gewordenen Stadtteils. So auch die Straße Bowery, mit ihrer wohl bekanntesten Hausnummer 315, von 1973 bis 2006 Heimat des Clubs CBGB, in dem Bands wie Television, Blondie und die Ramones, inklusive des Terminus „Punk“, groß wurden und an dessen Stelle heute ein High Fashion Designerladen für Herren steht.

Doch inmitten all der hippen Bars und Nachtclubs finden sich immer noch individuelle Schlupflöcher, in denen Neues entsteht und vor allem künstlerischen und musikalischen Neuheiten ein Raum geboten wird. Sei es die Mercury Lounge oder Luna Lounge, die um 2000 herum die ersten Auftritte der Strokes und Interpol beherbergten, das ABC No Rio, ein 30 Jahre altes soziales Zentrum, das jeden Sonntag mit Punk- und Hardcore-Matinee-Konzerten aufwartet oder der Cake Shop in der Ludlow Street, in dessen Keller an fast jedem Wochentag mindestens drei bis fünf Bands aus allen erdenklichen Musikrichtungen zu Gast sind, während es sich in der Cafe/Bar im Erdgeschoss bei (ausschließlich veganem) Kuchen, Torte, Gebäck, Kaffee oder Bier und zu Musik von Metal bis Reggae wunderbar abhängen lässt.
Diese originelle Mischung aus Sinneseindrücken brachte auch mich an diesem Freitagabend per Fahrrad aus Brooklyn in den Cake Shop.

Den unumstrittetenen Hauptact dieses Konzertabends stellte die Brooklyner Band Forgetters. Erst seit einem knappen Jahr existierend, besteht die Band aus in der US-amerikanischen Indie-Landschaft sehr umtriebigen und bekannten Persönlichkeiten. Sänger und Gitarrist Blake Schwarzenbach dürfte einigen als Kopf der hauptsächlich in den 90ern aktiven Band Jawbreaker bekannt sein, wohingegen Schlagzeuger Kevin Mahon als Gründungsmitglied der Band Against Me!, der seine vorherige Kapelle lange vor deren Auf-und Durchbruch in Major-Gefilde verließ, und Bassistin Caroline Paquitas künstlerisches Betätigungsfeld, wie auch ihre ehemalige Band Bitchin‘, eher in Brooklyns DIY-Punk Szene zu verorten ist.
Diese Referenzen und ein, auch die drei Vorbands betreffendes, stimmiges Line-Up lassen sowohl den Cake Shop Keller an diesem Abend zu früher Stunde voll, wie auch die Schlange vor der Kuchentheke lang werden.

Das Publikum ist bunt gemischt. Begegnen kann man hier solch unterschiedlichen Menschen wie dem augenscheinlichen Stammtisch bzw. -tresen des Cake Shop, deutschen Touristen, einer tourenden kanadischen Metalband an ihrem freien Tag („Off-Day“) oder auch Models, die sich nach Feierabend bei der derzeitig stattfindenden New York Fashion Week Ablenkung verschaffen.
Bevor gegen 0 Uhr die Forgetters (die am 21.9. eine Doppel-7inch Platte veröffentlichen) den schlauchförmigen Keller mit ihrem mal treibenden, mal nachdenklichen Indie Rock der alten Schule fast aus seinen Nähten platzen lassen, eröffnen These Days, Pregnant und Bells den Abend.

These Days, das sind drei Mädels aus Brooklyn, die mit ihrem eindringlichen, düsteren Post-Punk nicht den Eindruck erwecken, daß es sie als Band erst seit einem halben Jahr gibt. Ein Umstand, der leider auch zur (noch) nicht vorhandenen Präsenz der Band im Internet beiträgt. Den rock’n’rolligen, Garage-schwangeren Punk der zweiten Band Pregnant, ebenfalls aus Brooklyn, kann man hingegen in Form einer kompletten LP auf ihrem labeleigenen Blog erwerben oder auch kostenlos herunterladen: http://wannaseemygun.com/.
Ganz andere, post-rockige und instrumentale Töne schlagen hingegen die vier Herren von Bells an. Zwei sich ineinander verwebende Gitarren, akkurates Schlagzeug, ein treibender Bass und das Wissen um die Vorgeschichte zweier Mitglieder von Bands wie Jawbox und den 2009 aufgelösten, zuletzt auf SubPop beheimateten Oxford Collapse, sorgen für ein gebannt lauschendes und begeistertes Publikum. Bells unterhalten einen sehenswerten eigenen Blog, auf dem sich auch weitere schöne Fotos dieses Auftritts finden lassen.

Den krönenden Abschluss dieses Freitagabends voller neuer Eindrücke und Bekanntschaften im Cake Shop verschaffte ich mir mit einem veganen XXL-Haferflocken-Rosinen Keks (siehe unten).
The kids are still alright – on the Lower East Side.

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