A Northern Soul – wie die Mods zu Tänzern wurden

Ein Beitrag zur ByteFM Themenwoche „Searching For The Young Soul Rebels – Mods und die Musik“.

„What is Soul?“ Diese Frage hat Ben E. King vor langer Zeit einmal gestellt. Allzu schwer wirkt sie nicht gerade. Selbst der bärtigste Hinterwäldler hat inzwischen eine zumindest grobe Vorstellung von Soulmusik. Was aber versteht man unter Northern Soul? Hier wird es schon etwas komplizierter. Unsere Themenwoche „Searching for the Young Soul Rebels – Mods und die Musik“ bietet einen guten Anlass, sich dem Northern Soul einmal zu nähern, dran zu schnuppern und ihn irgendwie festzuhalten.

Mitte der Siebziger im Norden Englands: Ein Kerl packt seine kleine Sporttasche. Eine Hose, ein paar Shirts kommen rein, dazu eine Plastiktüte, eine Packung Zigaretten, eine Packung Kaugummi. Er wirft die Sporttasche in den Kofferraum seines Kleinwagens. Vor ihm steht eine längere Autofahrt. Es ist Wochenende. Dieser Nordengländer wird einen Northern Soul All-Nighter besuchen. Dabei hat er vor allem Aussicht auf einen mehrstündigen Aufenthalt auf einer riesigen Tanzfläche. Damit er währenddessen nicht schlapp macht, genehmigt er sich ein Abendbrot aus Speed bevor er den Club betritt. Er zahlt zwei Pfund Eintritt, begrüßt ein paar Freunde, steckt sich das erste Kaugummi in den Mund und irgendwann löst er sich aus den Gesprächen und lässt sich von einem zehn Jahre alten Soulsong auf die Tanzfläche tragen.

So ungefähr könnte es gewesen sein, als der Northern Soul noch Nordengland regierte. Aus heutiger Sicht erscheint eine derartige Form des Feierns keineswegs exotisch, damals aber war noch immer der Pub die erste Adresse, wenn es um Amüsement ging. Dabei war weder die Idee eines Nachtclubs neu, noch auszugehen um zu tanzen. Die Northern Soul-Szene hat all das nur auf ein neues Level gebracht: Geradezu verzehrender Tanz, die ganze Nacht hindurch, umweht von einem Hauch Exklusivität.

Die DJs legten nicht irgendwelche Platten auf. Es mussten Soulsingles sein, ungern aktuelle, lieber alte Produktionen aus den Sechzigern. Der Motown Sound und die zahlreichen Imitatoren des Motown-Sounds fanden sich auf den Plattentellern wieder. Durch die Verschmähung von neuerem Material, mussten die DJs immer akribischer nach alten Diamanten suchen. Ungehobene Schätze gab es eigentlich genug. Die Soulfabrik lief in den USA der Sechziger auf Hochtouren. Viele kleine Labels hatten aber einfach nicht die Möglichkeiten ihre Platten in höheren Auflagen pressen zu lassen, geschweige denn, gut zu vermarkten oder gar auf den englischen Markt zu bringen. Internetauktionshäuser gab es leider noch nicht. Da lag ein riesiger Schatz in einem fernen Land. Man wusste darum und suchte nach Wegen, ihn zumindest teilweise zu heben.

Warum musste es aber eigentlich gerade rarer Soul sein? Immerhin hätte man zu allem möglichen tanzen können. Nicht ganz unschuldig daran ist die Erfindung des Teenagers und die damit einhergehende Ausbildung von Jugendszenen seit den Fünfzigern. Jugendliche bekamen mehr Gehör, sie hatten Geld, sie hatten zunehmend Möglichkeiten zur individuellen Entfaltung. Aus Teds und Beatniks wurden Rocker und Mods. Alles befand sich in einem fließenden Übergang. Aus dem Mod wiederum entstanden die Skinhead- und die Northern Soul-Szene.

Anders sein, eigene Rituale haben, einen eigenen Stil pflegen: Die richtigen Klamotten, gepaart mit der richtigen Musik. Also warum rarer Soul? Weil er rar war! Und weil er einen Zweck erfüllte: Man konnte dazu tanzen und während man tanzte verschwand das dunkle, beengte Arbeiterviertel, der dröge Job, die Verpflichtungen, die Gewissheit am Montag wieder als ein Normalo unter Mustermännern aufzuwachen. Da war es wie Balsam, für kurze Zeit Teil von etwas Einzigartigem zu sein.

Schon die Mods liebten es exklusiv. Zwar hält sich wohl jede Jugendkultur für die Beste, die Mods trugen diese Überheblichkeit aber wie kaum andere nach außen. Arbeiterkinder zogen sich schicke, maßgeschneiderte Anzüge an. Wie sie Pillen verschlangen, so verschlangen sie auch Bücher. Sie hatten ihre eigene Version der Upper-Class. Anstatt Kaviar hatten sie eben rare Accessoires wie diese Soulsingles, die man umständlich importieren musste – die Mod-Version von Bling.

Der Mod begann irgendwann einen langsamen Tod zu sterben, nicht aber die Liebe der Mods zum Soul. So kam es dann, dass tausende Mods und irgendwann Ex-Mods jedes Wochenende weite Strecken zurücklegten, nur um unter Gleichgesinnten zu Soul zu tanzen, zu Stars wie Major Lance oder den Four Tops, den Mitgliedern der Motown-Familie und zu ganz vielen eigenen Helden, die es während ihrer aktiven Zeit nie zu etwas großem gebracht hatten – Sandi Sheldon oder Chuck Wood in etwa.

Wieder in den Siebzigern, irgendwann am Morgen: Draußen ist es bereits hell. Der fiktive Nordengländer von vorhin zieht sich das letzte frische Shirt über, er packt die verschwitzten Klamotten in seine Plastiktüte und verlässt den Club. Er ist hellwach. Es wird einige weitere Stunden dauern bis er endlich schlafen kann. Auf dem Weg nach Hause hat er noch immer die vor Leidenschaft bebenden Stimmen der Soulstars im Kopf, die unwiderstehlichen Rhythmen, die eingängigen Refrains. Wer dem Northern Soul huldigt, der gibt ihm all seine Kraft. Was die Sänger herausschreien, das muß der Northern Soul Fan heraustanzen.

Heute ist er bereits über 50. Vielleicht gehört er zu denjenigen, die noch immer regelmäßig zu Soul All-Nightern gehen. Im Norden Englands gibt es die nach wie vor. Sie sind allerdings nicht mehr so jung, wie sie es einmal waren und dem entsprechend weniger exzessiv. Die großen Tempel des Northern Soul sind längst Geschichte. Es gibt kein Twisted Wheel mehr, auch kein Wigan Casino.

Vielleicht nimmt unser Soul Fan von damals inzwischen ohnehin lieber ein gutes Buch zur Hand. David Nowells The Story of Northern Soul könnte in seinem Regal stehen, gleich neben A Sharper Word – A Mod Anthology, herausgegeben von Paolo Hewitt.

Foto: Ronnie Gavelin (cc by-nd)

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Diskussionen

1 Kommentar
  1. posted by
    Jugendmode
    Apr 11, 2011 Reply

    Ich war mal so frei, auf den Artikel zu verweisen: http://www.jugend-und-mode.de/allgemein/northern-soul/

    Ich habe auch noch ein sehr schönes Video zum Thema gefunden über das Wigan Casino 🙂

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