Acid Pauli – „Mainacht“ (Rezension)

Cover der EP „Mainacht“ von Acid Pauli

Acid Pauli – „Mainacht“ (Ouïe Circle)

8,8

Manchmal passiert das ja einfach so, ganz ohne böse Absicht: Es wird erst im Juli eine Platte entdeckt, die schon im Mai erschienen ist. Und dann steht da die Frage im Raum: Was hat man zwei Monate lang ohne diese Platte gemacht?
Dabei ist es ja völlig logisch, dass eine Platte namens „Mainacht“ im Mai und eben nicht im Juli erscheint. Insgesamt vier Tracks sind auf der neuen EP von Acid Pauli enthalten. Acid Pauli heißt bürgerlich Martin Gretschmann und er spielt in einer Liga mit DJ Koze oder Superpitcher – also in der Liga von Wahnsinnigen, denen wirklich fast alles zuzutrauen ist. Und eben auch in einer Liga, in der ganz genaues Hinhören unbedingt erforderlich ist. Denn auch auf der „Mainacht“-EP gibt es diese feinen Nuancen, die noch besser zu hören sind, wenn man diese 27 Minuten ganz laut hört und vielleicht am besten nicht über einen Handylautsprecher.

Mainachtszeit

Schon der Opener „Ahmed“ lebt von ganz kleinen Verschiebungen, vom Entrückten, von diesem typischen Acid-Pauli-Klicken und man wünscht sich sofort wieder in die Bar 25 am Berliner Spreeufer zurück. Vielleicht an einem Donnerstagnachmittag oder einem Montagmittag, beides mit einem kalten Bier in der Hand, auf der Spree fahren Boote vorbei und Acid Pauli legt im Kabuff eben sein Stück „Ahmed“ auf (was übrigens mit einem gestöhnten „Ahmed“ endet).

Die Bar 25 ist leider Geschichte, aber dieser ganz eigene, an diesem einzigartigen Ort kreierte Sound lebt weiter – unter anderem durch das von Acid Pauli zusammen mit Nico Stojan betriebene Label Ouïe. „Legends Of Saturn“ hat eine Bassline, die Superpitcher nicht besser hätte einspielen können. Auch hier wieder die grandiose Acid-Pauli-Entrücktheit, die nur er so beherrscht. Das Titelstück „Mainacht“ ist deutlich straighter und passt gut zu einer verschwitzten, dunklen, orientalisch angehauchten Techno-Tanznacht, aber mit Slap-Bass und Gitarre.

Das wohl auffälligste Stück ist das letzte auf der EP: „Abranis“. Es ist ein Acid-Pauli-Stück, wie es typischer nicht sein könnte: rhythmisch, etwas daneben, schön nach vorne, sehr humorvoll und sehr detailverliebt, offen, fröhlich und auch ein bisschen majestätisch. „Abranis“ würde gut zu einem Sonnenuntergang (oder besser Sonnenaufgang? Egal, passt beides) beim Burning Man passen, wo Acid Pauli 2015 einen – zum Glück noch bei YouTube sichtbaren – legendären Auftritt hatte. Seine Fröhlichkeit, sein Humor und auch das Wassergluckern in „Abranis“ würden der kargen Burning-Man-Wüste sicherlich auch noch gut tun.

Was alle Stücke gemeinsam haben: ein Wabern und Flirren, eine Entrücktheit, die ansonsten vielleicht nur noch DJ Koze beherrscht. Jahreszeit hin oder her – ab jetzt sollte einfach das ganze Jahr lang Mainachtszeit sein.

Veröffentlichung. 15. Mai 2020
Label: Ouïe Circle

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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