Afrobeat aus New York City – das neue Album von Antibalas

(Antibalas)Antibalas

Mit freundlicher Untertstützung von NAD.

Kugelsicher heißt auf spanisch „antibalas“. Sicherheit, Verlässlichkeit und vor allem Traditionsbewusstsein – dafür steht die amerikanische Band Antibalas. Das 15 Mann starke Musiker-Kollektiv aus Brooklyn hat nach fünf Jahren Pause eine neue Platte gemacht. In Brooklyns Stadtteil Williamsburg sprachen wir mit Antibalas‘ Trompeter Jordan McLean: „Avantgardistische Improvisationsmusiker, Leute mit klassischer Ausbildung, Rock ’n‘ Roller, Punks, lateinamerikanische Musikanten – alle kommen nach New York! Und dieses breite musikalische Spektrum ist auch in der Band Antibalas vertreten“, sagt Jordan McLean. Bevor sich der Trompeter vor zwölf Jahren der Gruppe Antibalas anschloss, hatte er sich ausschließlich mit klassischer Musik und Jazz befasst. „Rhythmus ist die Grundlage unserer Musik. Wenn man das rhythmische Prinzip versteht, ist es fast egal, wie gut man sein Instrument beherrscht oder aus welcher musikalischen Tradition man kommt. Das wichtigste ist, dass man seine Gitarre oder Trompete wie ein Schlagzeug spielen kann.“

Komplexe Arrangements von Orgel, Keyboard und Gitarre treffen bei Antibalas auf traditionelle westafrikanische Polyrhythmen und mächtige Bläsersätze. Das neue Album heißt wie die Gruppe selbst: „Antibalas“. In den Stücken stehen lange tranceartige Instrumentalpassagen neben dem kehligen Sprechgesang des Sängers Amayo. Oft im Dialog mit einem Frauenchor singt der Nigerianer in der westafrikanischen Sprache Yoruba und auf Pidginenglish, einer Mischung aus vereinfachtem Englisch und Wortbrocken verschiedener westafrikanischer Sprachen. Der Song „Ratcatcher“ handelt zum Beispiel von Missständen und Ungerechtigkeiten, von materieller Gier, Korruption und Kriminalität. Dabei bleibt offen, ob US-amerikanische oder nigerianische Krisen gemeint sind. „Manche unserer Bandmitglieder sind politisch sehr engagiert“, erzählt Jordan McLean, „man muss aber nicht zwingend politischer Visionär sein, um Afrobeat zu machen. Ich bin allerdings überzeugt, dass eine Botschaft, ein Anliegen der Musik zusätzlich Ausdruckskraft verleiht.“

Das Genre Afrobeat geht zurück auf den nigerianischen Musiker und Menschenrechts-Aktivisten Fela Kuti. Zusammen mit dem Schlagzeuger Tony Allen vermischte Fela Kuti in den 70er-Jahren Elemente westafrikanischer Highlife-Musik mit amerikanischem Funk. Die Musik war für Fela Kuti immer auch Vehikel, ethnische Konflikte, Missmanagement und Korruption in den postkolonialen afrikanischen Ländern zu kritisieren. Seit Fela Kutis Tod 1997 befassen sich Antibalas mit dem musikalischen Erbe ihres Vorbilds. „Als ich Felas Musik zum ersten Mal hörte, konnte ich nicht aufhören, dazu zu tanzen. Ich hatte noch nie solche Musik gehört! Als ob James Brown und Duke Ellington gleichzeitig Musik machten“, erinnert sich Jordan McLean. In den späten 70er-Jahren, noch bevor Jordan zur Welt kam, war Fela Kuti mehrfach in New York, um Einflüsse für seine Musik zu sammeln. Mit seinen Konzerten beeinflusste er damals viele New Yorker Bands, allen voran David Byrne und die Talking Heads. Für deren Album “Remain In Light” von 1980 waren Fela Kutis New Yorker Afrobeat-Konzerte wichtige Inspiration. Anders als die Talking Heads, die sich damals der Musik Kutis bedienten, um etwas Neues zu schaffen, klingt der Afrobeat von Antibalas traditionell. Das Interesse am Erhalt der musikalischen Strukturen des Afrobeat, die beinahe pflichtbewusste kollektive Auseinandersetzung mit Felas Musik, hat Antibalas inzwischen zum Vorbild für eine junge Generation New Yorker Bands werden lassen. Auch für solche Gruppen, denen man das Interesse an traditioneller afrikanischer Musik nicht unbedingt anhört.

„Afrobeat ist rhythmische Tanz-Musik, die in Trance versetzt. Genau wie Techno und House. Jeder der nicht weiß, dass die Wurzeln westlicher Clubmusik in Afrika liegen, kennt nur die halbe Wahrheit. Es ist nur logisch, dass sich junge Bands heute mit den musikalischen Strukturen des Afrobeat befassen, wenn sie künstlerisch weiterkommen wollen. Schließlich verdanken wir in der sogenannten westlichen Welt unsere Dance- und Popmusik Mutter Afrika!“

Das Interview mit Jordan McLean von Antibalas hört Ihr am Mittwochnachmittag im ByteFM Magazin, von 15 bis 17 Uhr – mit freundlicher Unterstützung von NAD.

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