And The Golden Choir – „Breaking With Habits“ (Rezension & Session)

Cover des Albums „Breaking With Habits“ von And The Golden Choir (Caroline International)

And The Golden Choir – „Breaking With Habits“ (Caroline International)

7,3

Tobias Siebert ist ein Mann, der alles kann – oder zumindest alles einmal ausprobiert ohne Angst vor Misserfolg. Bisher kannte man den Berliner Musiker unter anderem als Sänger und Gitarrist der Post-Punk-Band Klez.e („Desintegration“), Mitbegründer eines Musiklabels sowie Produzent von Bands wie Me And My Drummer, Kettcar, Marcus Wiebusch oder Hundreds. Und als wäre das noch nicht genug, startete das Multitalent 2015 sein Soloprojekt And The Golden Choir mit dem Debüt „Another Half Life“.

Den Nachfolger, das zweite Soloalbum „Breaking With Habits“ hat Siebert wie schon „Another Half Life“ in seinem eigenen Studio in Berlin-Kreuzberg aufgenommen, das mit Unmengen an Instrumenten gefüllt ist. Dadurch, dass dem 41-Jährigen ein eigenes Studio zur Verfügung steht, das er als „Spielwiese“ bezeichnet, konnte And The Golden Choir sich ohne Druck von außen von seinem Instrumentensammelsurium inspirieren lassen. Für „Breaking With Habits“ hat Siebert sich sogar neue Instrumente wie Klarinette, Cello und Drehleier einfach mal so, im Handumdrehen, selbst beigebracht.

Das Album wartet ebenso wie sein Vorgänger mit orchestralen Klang und Pop-Elementen auf, ist aber noch vielschichtiger als „Another Half Life“. Siebert greift nun auf elektronische Hilfsmittel zurück, die er bei der Produktion seines Debüts sowohl in Aufnahme als auch in der Postproduktion strikt gemieden hat. „Breaking With Habits“ stellt insofern eine Weiterentwicklung dar. „Ich wollte die Ideen der ersten Platte öffnen, um zu sehen, wohin es noch gehen kann“, äußerte sich Siebert zu seiner neuen Platte.

Ecken, Kanten und Kontraste

„Breaking With Habits“ beginnt mit „The Jewelry“, das sich wie ein Crescendo über mehrere Minuten aufbaut: Es beginnt mit einer wabernden Klangfläche, dann kommen ein Summen und Trommeln dazu und Sieberts zerbrechlich wirkende, aber klare Stimme setzt ein, bevor das Decrescendo das Stück wieder zur Ausgangssituation zurückführt. Mit „The Queen Of Snow“ verhält es sich ähnlich. Der Einsatz von Elektronik lässt die eingespielten Instrumente so dicht wirken, als würde statt des Solokünstlers ein ganzes Orchester oder zumindest eine mehrköpfige Band im Studio sitzen. Meist gibt es eine hintergründige Soundkulisse aus Drums und Samples, über die Siebert seine Gesangsmelodie setzt. Besonders experimentell klingt „The Distressed Jeans“, in dem Siebert seine Stimme zu Alltagsgeräuschen wie dem Zuschlagen einer schweren Kellertür stellenweise stark verfremdet.

Wichtiges Instrument ist für Siebert nach wie vor das Piano, das etwa in „My Lies“ eine dominierende Rolle einnimmt und mit einer hallenden, elektronischen Klangfläche kontrastiert wird. Andere Songs wie das sehr melancholische „Joker“ oder das getragene „The Garden“ sind ruhig und reduziert. Das vorab veröffentlichte „How To Conquer A Land“ sticht aus dem Album hervor. Mit kräftiger Stimme, begleitet von einer Drehleier und einem Dröhnen im Hintergrund, singt Siebert: „Captain, captain, you want a new land, you’re illusioned.“ Dennoch klingt der Song für And The Golden Choir außergewöhnlich positiv.

Vielschichtiger als sein Vorgänger ist „Breaking With Habits“. Es wirkt darum nicht ausschließlich wie eine Popmusik-Platte, sondern kunstvoll und avantgardistisch. Tobias Siebert macht Pop mit Ecken, Kanten und Kontrasten: Auf ruhige, langsame Songs folgen Stücke, die sich dramatisch zu einem orchestralen Werk entfalten. Wie der Titel des Albums schon sagt, geht es And The Golden Choir darum, mit seinem neuen Album mit der Gewohnheit zu brechen. Dies impliziert auch, mutig zu sein, was ihm mit seiner neuen Platte gelungen ist.

Rezension: Anne Schneider

ByteFM Session

Am 2. Februar 2018 ist „Breaking With Habits“ bei Caroline International erschienen, am selben Tag war Tobias Siebert im ByteFM Magazin zu Gast und hat auch einen Song live gespielt – mit Gesang, Gitarre und Backing-Platte. Das ganze, sehr lohnenswerte Interview mit Musik können Mitglieder im Verein „Freunde von ByteFM“ im ByteFM Sendungsarchiv nachhören.

Hier seht Ihr die ByteFM Session, die And The Golden Choir gespielt hat.

Das könnte Dich auch interessieren:

  • Foto der and Pabst
    20 internationale Festivalbühnen an nur einem Tag bespielen? Kein Problem für die fuzzige Berliner Band Pabst, die in dieser Folge Ruhestörung zu Gast ist....
  • Sängerin und Musikerin Andreya Casablanca, deren Punk-Wave-Disco-Tune „Talk About It“ heute unser Track des Tages ist.
    Mit dem Punk-Wave-Disco-Track „Talk About It“ fegt Andreya Casablanca, eine Hälfte der Band Gurr, solo über den Dancefloor. Unser Track des Tages!...
  • Cover des Albums Love von Get Well Soon
    Nichts anderes als die Liebe treibt die satten, gefühlvollen Songs auf dem neuen Get-Well-Soon-Album „Love“ an. Schöne Arrangements zwischen überbordendem Baroque und schwingendem Indie-Pop. Klavier-Glissandi, imposante Streicher und verzaubernder Background-Gesang werden von Konstantin Groppers wohltönendem Bariton verbunden....


Diskussionen

2 Kommentare
  1. posted by
    demelwaltergerhard@gmail.com
    Feb 17, 2018 Reply

    Sehr sehr sehr schöne und wundervolle Unterhaltung durch Euer Radio
    GEZ.
    Walter Gerhard Demel Künstler Google +Artist! !!!!!!

  2. posted by
    Marion
    Feb 22, 2018 Reply

    Ein sehr schönes Album, in der Tat!
    Hören wir bei uns im Kunstbuchverlag des Öfteren .
    https://www.kerberverlag.com/

Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.