Blixa Bargeld in fünf Songs: Bis zur Unerträglichkeit und noch viel weiter

Foto von Blixa Bargeld

Blixa Bargeld (Foto: El pitareio, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Mit seiner Band Einstürzende Neubauten schuf Blixa Bargeld einige der verstörendsten Songs, die in der Pop-Musik je fabriziert wurden. Im Interview mit dem Musikmagazin The Quietus gab sich der große Provokateur aber ziemlich bescheiden: „Ich wurde nicht Musiker um irgendetwas zu provozieren oder absichtlich anders zu sein.“ Die nervenzerfetzende Musik seiner Band sei nicht aus der Lust am Anecken, sondern aus purer Notwendigkeit geboren worden: Bargeld und seine Mitstreiter FM Einheit und N.U. Unruh konnten sich im damaligen West-Berlin der frühen 80er-Jahre keine herkömmlichen Instrumente leisten – da bauten sie sich einfach ihre eigenen.

Einstürzende Neubauten blieben nicht immer so brutal wie auf ihrem Debüt. Mit der Zeit wurde die Musik strukturierter, ab und an gesellte sich sogar eine Idee von Pop dazu. Auch außerhalb der Band entwickelte Bargeld sich weiter. Lange Zeit war er Gitarrist von Nick Caves Band The Bad Seeds. Außerdem schrieb der Allround-Künstler Bücher und Theaterstücke, führte Performance-Art auf und wurde Schauspieler. Seine Stimme, am Anfang ein brutaler Schrei, wurde nach und nach sonorer, tiefer – ohne dabei ihre Bedrohlichkeit zu verlieren. Am 12. Januar 2019 wird er 60 Jahre alt – wir haben die einzigartige Karriere des Blixa Bargeld in fünf Songs porträtiert.

Einstürzende Neubauten – „Tanz debil“ (1981)

Alles begann mit einem „Kollaps“. Auf ihrem Debütalbum vertonten Einstürzende Neubauten den puren Wahnsinn einer zerbrochenen Republik. Gitarren, die klingen wie zersplitterndes Glas. Keine Refrains, sondern markerschütternde Schreie. Keine Drums, sondern unmenschliche Maschinenklänge. Während einstige Schockalben à la „Never Mind The Bollocks …“ oder „Straight Outta Compton“ mit der Zeit ihr aufrüttelndes Potential verloren haben, ist „Kollaps“ auch heute noch unantastbar radikal. Jedes Ächzen, jedes Krachen, jedes Knacken, jeder Ton ist feindselig.

Einstürzende Neubauten – „Yü-Gung (Fütter mein Ego)“ (1985)

Die 13 Stücke auf „Kollaps“ waren mehr Statements als Songs. Auf „Halber Mensch“, dem vier Jahre später veröffentlichten dritten Album, war das anders: Auf „Yü-Gung (Fütter mein Ego)“ etwa experimentierten Einstürzende Neubauten mit Sampling und Maschinen-Beats, während Mark Chung mit seinem E-Bass die Musik erdete. Bargelds Gesang klingt im Wechsel wie ein bedrohliches Knurren und ein wütendes Bellen. Ein seltsamer Song, irgendwo zwischen EDM, NDW und Darkwave, zu dem man dank Chungs pumpender Ein-Ton-Bassline fast tanzen kann.

Nick Cave & The Bad Seeds – „The Carny“ (1986)

Als Nick Cave zum ersten Mal den Gesang von Blixa Bargeld hörte, beschrieb er ihn als „einen Klang, den man eher von gewürgten Katzen oder sterbenden Kindern erwarten würde“. Im Duett mit Cave bewies Bargeld, dass er auch schnurren kann: In „The Carny“, zu finden auf „Your Funeral My Trial“, sang er überraschend wahrmherzige Backgroundvocals, die sich sanft an Caves dramatisches Organ schmiegen. Im Kontrast steht die Musik der Bad Seeds, die hier überraschend neubautig klingt: Bargelds Gitarre drückt wie ein Schlag in den Magen, der Rest der Band baut einen albtraumhaften Karneval aus Xylophonen und Zirkusorgeln.

Gudrun Gut & Blixa Bargeld – „Die Sonne“ (1996)

Bevor sie in Bands wie Mania D oder Malaria! zu einer deutschen New-Wave-Ikone wurde, war Gudrun Gut Mitglied in der allerersten Inkarnation von Einstürzende Neubauten. Gut verließ die Band kurz vor „Kollaps“. 15 Jahre später wurde sie mit ihrem alten Mitstreiter auf der Single „Die Sonne“ wiedervereint. Begleitet von einem pulsierenden Wave-Beat liefern Gut und Bargeld sich ein sonores Duell, wer noch tiefer, noch sinnlicher flüstern kann. Dreieinhalb Minuten ASMR, zwölf Jahre bevor das überhaupt ein Begriff war.

Einstürzende Neubauten – „Die Wellen“ (2007)

Mit der Zeit lernten Einstürzende Neubauten, wie man auch ohne Industrial-Noise Intensität beschwören kann. Ein bestes Beispiel: „Die Wellen“, zu finden auf dem 2007er Album „Alles wieder offen“. Bargeld entfaltet hier einen Stream-of-Conciousness von biblischen Ausmaßen: „Obwohl selbst farblos, erscheinst du blau / Wenn in deiner Oberfläche ruhig sich der Himmel spiegelt / Ein Idealparkour zum wandeln für den Sohn des Zimmermanns / Das wandelbarste Element.“ Am Anfang flüstert er noch seine Worte, zum Ende wird er zum apokalyptischen Priester. Während in seinem Text die Wellen brechen, überschlagen sich Violinen, dazu spielen Schlagzeug und Bass einen sich bis in die Unerträglichkeit steigernden Höllenmarsch. Könnte man fast schon Post-Rock nennen. Überwältigender klangen sie nie.

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