Blood Orange – „Freetown Sound“ (Rezension)

Cover des Albums Freetown Sound von Blood OrangeBlood Orange – „Freetown Sound“ (Domino)

8,2

Dass Dev Hynes aka Blood Orange noch ein großes Album machen würde, daran bestand spätestens seit „Cupid Deluxe“ kein Zweifel mehr. Drei Jahre brauchte er dafür, doch „Freetown Sound“ ist das definitive Statement eines der interessantesten und relevantesten Pop-Künstler unserer Zeit geworden. In derselben Weise, wie „To Pimp A Butterfly“ von Kendrick Lamar im letzten Jahr den HipHop-Mainstream mit einem albumgewordenen Black-Power-Statement umkrempelte (vorbereitet durch D’Angelo wohlgemerkt, und flankiert von Kamasi Washington), nutzt Dev Hynes seinen großen Aufmerksamkeitsmoment, um eine mutige Aussage zum Themenkomplex Gender/Hautfarbe/Identität zu tätigen.

Wenn man sich „Freetown Sound“ zunächst rein musikalisch nähert, erkennt man die bekannten Zutaten des Blood-Orange-Sounds: Der Dance- und Synth-Pop der 1980er-Jahre, New Wave und Smooth Jazz, Disco und Funk. Fusion Pop hat das ein Kollege genannt und damit nichts und doch alles gesagt. Ähnlich wie Prince entzieht sich Blood Orange jeglicher Kategorisierung. „Freetown Sound“ enthält Elemente, die ein altmodischer Musikjournalist der sogenannten „Weltmusik“ zuschreiben würde, weil sie nicht aus den USA oder Westeuropa stammen. Fast alle Beats hat Hynes selbst programmiert, im Intro samplet er Charles Mingus und später De La Soul. Trotz der hiphoptypischen Collagentechnik wirken die Songs geradlinig und kohärent, die Sounds geschmackvoll kuratiert.

Mit einer rein musikalischen Betrachtung macht man es sich jedoch zu einfach. In einer Zeit, in der ständig Schreckensmeldungen von Übergriffen auf LGBTQ-Menschen zu lesen sind, ist „Freetown Sound“ ein wichtiges Votum für Freiheit und Selbstbestimmung, gegen Heteronormativität und Diskriminierung. Hynes ist ein Brite, geboren und aufgewachsen in Südlondon als Sohn eines Mannes aus Sierra Leone und einer Frau aus Guyana, doch seine große Muse ist das multikulturelle, intellektuelle New York, in das er als Erwachsener zog, vor allem das East Village. In einem Moment beschäftigt er sich mit Themen wie (schwarzer) Queerness und zitiert aus der Ballroom-Dokumentation „Paris Is Burning“, im nächsten Moment geht es um die Spätfolgen der Kolonisation Westafrikas. Sein Gehirn sei wie ein Browser, in dem zu jeder denkbaren Zeit 50 Tabs gleichzeitig offen seien, gab Hynes einem Kollegen im Gespräch zu Protokoll.

Der Protagonist ist ein (schwarzer, queerer) Mann, doch der „Freetown Sound“ wird auch von vielen Frauen mitdefiniert: Die Stimmen der Dichterin Ashlee Haze und Sängerinnen wie Carly Rae Jepsen, Empress Of, Debbie Harry oder Nelly Furtado tauchen im Verlauf des Albums auf, ohne dass sie explizit als „Features“ genannt werden. Das ergibt Sinn: Sie sind keine zur Schau gestellten, prominenten Gäste, die nach Marketing-Kriterien ausgesucht wurden, sondern echte künstlerische Kollaborateurinnen.

Hynes hat in mehreren Interviews gesagt, „Freetown Sound“ sei wie ein Mixtape produziert, das man für Freunde macht. Dass die Hauptstadt des Heimatlandes seines Vaters ausgerechnet diesen Namen trägt, ist ein schöner Zufall, der das Grundgefühl dieses wunderbaren Albums so perfekt auf den Punkt bringt, wie ich es auch in fünf weiteren Absätzen nicht könnte.

Label: Domino

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