Bon Iver – „i,i“ (Rezension)

Cover des Albums „i,i“ von Bon Iver

Bon Iver – „i,i“ (Jagjaguwar)

7,3

Überraschend, denn drei Wochen früher als angekündigt, hat Justin Vernon alias Bon Iver am 8. August 2019 sein viertes Album mit dem rätselhaften Titel „i,i“ veröffentlicht. Nicht im Ganzen, sondern kaskadenartig über den Tag verteilt. Diese Fragmentierung ist kein Zufall. Denn die zwölf Songs spiegeln einander wie kleine Kristalle. Aber auch das Album selbst ist Fragment. Denn es beschließt den mit seinem Debütalbum „For Emma, Forever Ago“ (2008) begonnenen Zyklus. Dieses war ein Winteralbum. Der selbstbetitelte Zweitling von 2011 symbolisierte den Frühling. „22, A Million“ (2016) stand für einen unruhigen Sommer.

Zwischen Fragmentierung und Neuordnung

Nun also Herbst. Die Jahreszeit, in der die Natur noch ein letztes Mal an ihre ganze Farbenpracht erinnert. Wo die Sonne alles in ein verzaubertes Licht zu hüllen scheint. Und sich wie ein zarter Goldschleier über die sich langsam färbenden Blätter legt. In gewisser Weise spiegelt die collagenartige Anordnung der Tracks diese gleichzeitige Fragmentierung und Neuordnung der Natur wider. Wie gewohnt treffen hier zarte an- und abschwellende Soundflächen, eine Kopfstimme, die sich Ton für Ton in höchste Höhen schwingt und schlichte Poesie aufeinander. So heißt es beispielsweise auf dem elektronisch-experimentellen Opener „iMi“: „I like you / And that ain’t nothing new“. Oder auf „RABi“: „Well, it’s all just scared of dying.” Auch akustische Instrumente wie Gitarre, Trompete und Klavier werden in vertrauter Weise mit elektronischen Elementen vermischt. Um dieses Klangspektrum zu erschaffen, hat Vernon für dieses Album wieder zahlreiche FreundInnen und langjährige WegbegleiterInnen um sich geschart. Dazu gehören etwa Jenn Wasner von Wye Oak, James Blake, Aaron und Bryce Dessner von The National, Moses Sumney oder der R&B-Newcomer Velvet Negroni.

Wie das Licht im Herbst

Was allerdings diesmal deutlich hervorsticht, ist eine fast schon sakrale Grundstimmung. Diese wird dadurch erzeugt, dass hier die gewohnten Elemente teilweise unvermittelt nebeneinander stehengelassen werden. Vom experimentellen Opener über die eingängige Soul-Klavier-Ballade „U (Man Like)“, das verhaltene Gitarren-Bläser-Zusammenspiel in „Marion“ bis zum elektronischen Ambient in „Sh‘Diah“ scheinen die Klangwelten einander grundlegend zu widersprechen. Und halten sich so zusammen. Denn wie das Licht im Herbst, braucht auch die andächtige Atmosphäre, die Vernon transportieren will, Raum, um sich auszubreiten. So scheint er ganz bewusst Kontraste nebeneinander stehen zu lassen. Schafft klangliche Zwischen- und Leerräume. Auf diese Weise ist man herausgefordert, immer wieder von Neuem hinzuhören.

Vernon hat „i,i“ im Vorfeld als seine bisher vollständigste und erwachsenste Platte bezeichnet. Auf paradoxe Weise scheint er dies gerade durch die Aufsplitterung seines eigenen Klanguniversums zu erreichen. Denn vielleicht muss man erst zu einem zersplitterten Spiegel werden, um sich als vollständiges Ganzes zu erkennen.

Veröffentlichung: 8. August 2019
Label: Jagjaguwar

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