Von brennenden Gitarren und explodierenden Drumsets

Foto einer brennenden GitarreGanz gleich, ob Rebellion oder Marketingstrategie: Das Zerstören von Instrumenten gehört seit vielen Jahrzehnten zu den beliebtesten Rock-’n’-Roll-Posen

Am 31. März 1967 – also heute vor 50 Jahren – zündete Jimi Hendrix gegen Ende seines Auftritts im Londoner Astoria zum ersten Mal seine Gitarre an und setzte damit neue Maßstäbe in der öffentlichen Zerstörung von Musikinstrumenten. Das Publikum war damals zum Teil geschockt, zum Teil auch fasziniert – auf jeden Fall staunte es nicht schlecht.

Was die meisten jedoch nicht wussten, war, dass Hendrix’ Performance gar nicht so spontan und impulsiv ablief, wie es auf der Bühne vielleicht den Anschein hatte. Die Idee von der „brennenden Gitarre“ kam nämlich ursprünglich vom Journalisten Keith Altham, und Hendrix’ Manager Chas Chandler hatte vor dem Auftritt noch schnell das nötige Feuerzeugbenzin besorgen lassen. Ziel der tatsächlich geplanten Aktion, bei der sich Hendrix übrigens ernstere Verbrennungen an den Fingern zuzog und später ärztlich behandelt werden musste, war es – ganz profan –, durch einen „Skandal“ den Bekanntheitsgrad des Künstlers ein wenig zu erhöhen. Eine einfache, aber clevere Marketingstrategie.

Und die funktionierte ganz ausgezeichnet: Auch ohne Internet verbreitete sich die Nachricht von der flambierten Gitarre wie ein Lauffeuer in der Musiklandschaft und blieb neben Hendrix’ zweifellos innovativer Musik und seinem frühen Ableben ein bis heute wichtiger Aspekt seiner Mystifizierung. Nicht ohne Grund konnte ebenjene Gitarre im Jahre 2008 für 280 000 Pfund versteigert werden. In der Londoner Presse von 1967 wurde Hendrix nach dem Konzert als „Black Elvis“ oder „Wild Man Of Borneo“ bezeichnet und machte in Sachen „Wildheit“ schnell The Who Konkurrenz, die bis dato als unbestrittene Könige der Zerstörung galten und im Laufe eines Auftritts fast immer ihre Instrumente ramponierten.

Apropos Konkurrenz: Mit The Who gab es einige Monate später dann auch leichte Spannungen beim kalifornischen Monterey Pop Festival. Dort weigerte sich Hendrix, nach The Who aufzutreten. Und The-Who-Gitarrist Pete Townshend lehnte es im Gegenzug kategorisch ab, nach Jimi Hendrix zu spielen. Vermutlich fürchteten beide, nach der krassen Performance der jeweils anderen Band nicht mehr richtig überzeugen zu können. Klingt wahlweise ein bisschen nach verlängerter Pubertät oder nach Kindergarten – letztlich konnte der Streit mithilfe der Festivalleitung und durch Werfen einer Münze beigelegt werden.

Im Herbst des Jahres versuchten The Who dann noch einmal, alles zu toppen und füllten bei einem Auftritt in einer Fernsehshow Schlagzeuger Keith Moons Bass Drum mit Unmengen von Schwarzpulver. Als Folge wurde während des Songs „My Generation“ durch eine heftige Explosion das Studio weitgehend verwüstet. Zum Glück kam es bei der Aktion nur zu leichteren Verletzungen und angesengten Haaren – es hätte auch richtig gefährlich werden können. Trotz solch spektakulärer Ereignisse: Erfunden haben The Who das Konzept der Zerstörung nicht. Schon vorher gab es Künstler wie den Country-Musiker Ira Louvin, Jahrgang 1924, der seine Mandoline bei schlechter Laune auf cholerische Art und Weise zu zerschlagen pflegte.

Seitdem ist viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen. Wahlweise auch die Themse oder den Mississippi. Genauso kamen und gingen Generationen von Bands und MusikerInnen, die ihr Equipment auf der Bühne demolierten. Meist waren es dabei vor allem die „härteren“ Musikrichtungen, in denen das Phänomen auftrat, im Elektro- und DJ-Bereich blieben mutwillige Zerstörungen vergleichsweise selten. Am häufigsten wurden sicherlich Saiteninstrumente „geopfert“ – so zum Beispiel in den 70ern bei Hardrock-Bands wie Kiss oder natürlich Punkern wie The Clash – wie es auf dem Cover des Albums „London Calling“ zu sehen ist.

Viele Gitarren wurden auch in der Grunge-Ära zertrümmert, beispielsweise von Kurt Cobain bei Nirvana. Einen weiteren Höhepunkt erreichte die „Zerstörungswut“ in den Nullerjahren bei …And You Will Know Us By The Trail Of Dead, die zum Auftrittsende oft sämtliche Instrumente inklusive Drumset von der Bühne warfen. Danach ließen sie die Einzelteile und Bruchstücke von der Crew akribisch wieder einsammeln – vermutlich aus Kostengründen. Immer wieder kam es in der Geschichte der Equipment-Zerstörung auch zu unfreiwillig komischen bis peinlichen Momenten: Der Gitarrist einer lokalen Nirvana-Coverband, der für den letzten Song schnell noch eine andere, billigere Gitarre anschloss, um diese dann – welch Überraschung! – auf dem Boden zu zerschlagen, daran dann jedoch kläglich scheiterte, dürfte kein Einzelfall gewesen sein.

Und das führt nun fast unweigerlich zu der Frage: Warum eigentlich diese ganze Zerstörung? Sicherlich können einige Aktionen auch unter dem Aspekt dekonstruktiver Kunst gesehen werden, so zum Beispiel das Festnageln der Tasten eines Klaviers in Sonic Youths „Piano Piece No. 13 (Carpenter’s Piece)“, das als Verneigung vor dem Künstler Nam June Paik gedacht war. Dieser hatte im Rahmen seines Konzepts „Aktionsmusik“ 1959 ebenso Instrumente zerstört. Aber so ein Hintergrund ist vermutlich eher die Ausnahme. Geht es vielleicht eher um Provokation und Rebellion, am Ende gar um die Infragestellung bürgerlicher Wertvorstellungen und materiellen Überflusses in kapitalistischen Verhältnissen?

Auch das scheint eher selten der Fall zu sein. Wahrscheinlicher ist wohl der bereits erwähnte Versuch, durch „männlich“ geprägtes, aggressives Bühnengebaren ein Quäntchen mehr Aufmerksamkeit und mediale Beachtung zu erlangen: „Schaut mal her, ich mach’ was kaputt!“ Oder: „Schaut mal her, ich mach’ sogar noch mehr kaputt als die anderen.“ Genau das dürfte allerdings im Laufe der Zeit immer schwieriger werden, je mehr sich das Ganze zu einem Klischee entwickelt, was ja inzwischen auch der Fall ist. Wird das Instrumentenzerstören folglich bald verschwinden? Oder wird es in nächster Zeit gar ein Revival, ein Retrophänomen auf diesem Gebiet geben? In jedem Fall dürfen wir gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht.

Das könnte Dich auch interessieren:

The Replacements – „Let It Be“ Die Geschichte des „harten“ Punkers, der unter der stacheligen Oberfläche ein heimliches Pop-Genie ist, ist fast so alt wie der Punk selbst. Doch keine Band schrieb ein so ehrliches, empathisches Pop-Meisterwerk wie „Let It Be“. Das dritte Album von The Replacements wird am 2. Ok...
Zum Tod von Daniel Johnston: ein Porträt in fünf Songs Er war einer der größten Antihelden der US-amerikanischen Musikwelt. Am 11. September 2019 ist Daniel Johnston im Alter von nur 58 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Ein Porträt in fünf Songs.
Twin Peaks – „Lookout Low“ (Rezension) Referenz-Pop mit Lounge-Appeal: Auf ihrem vierten Album „Lookout Low“ huldigen Twin Peaks aus Chicago abermals ihren Vorbildern ohne dabei zu Copycats zu verkommen, meint unser Autor Felix ten Thoren.


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.