Can-Bassist Holger Czukay ist tot

Can-Bassist Holger Czukay ist totCan-Mitbegründer und Bass-Avantgardist Holger Czukay wurde am 5. September 2017 tot in seinem zum Wohnhaus umgebauten Studio aufgefunden.

Er wurde von Karlheinz Stockhausen ausgebildet, war ein bedeutender Pionier der frühen Sampling-Technologie und spielte in einer der einflussreichsten Bands der Popgeschichte: Holger Czukay. Gestern wurde der Musiker tot in seiner Wohnung aufgefunden – dem ehemaligen Studio seiner Band Can in Weilerswist bei Köln.

Czukay wurde am 24. März 1938 in Danzig geboren. In einem Interview mit ByteFM Gründer Ruben Jonas Schnell offenbarte er einst seine frühe Vorliebe für Radio-Experimente: „Das war schon von meiner Kindheit an. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich als Kind, direkt nach dem Krieg, in eine Radiowerkstatt ging. Da war ich […] gern gesehen. Da gab es die Volksempfänger und die deutschen Kleinempfänger – und ich hatte mir sofort zwei Dinger abgeschleppt …“

Von 1963 – 1966 studierte er an der Musikhochschule Köln unter Stockhausen Komposition, dessen Erfahrung im Bereich elektronischer Avantgarde-Musik den jungen Czukay maßgeblich prägte. Eine andere musikalische Offenbarung war „I Am The Walrus“ – die psychedelischen Bandmaschinen-Experimente der Beatles demonstrierten ihm die kreativen Möglichkeiten der Rock-Musik. Zusammen mit seinem Studienfreund Irmin Schmidt gründete er 1968 die Band Can, deren Line-up mit dem mit 19 Jahren deutlich jüngeren Gitarristen Michael Karoli und dem vom Free-Jazz desillusionierten Schlagzeuger Jaki Liebezeit komplettiert wurde.

Czukay spielte bei Can E-Bass – ein Instrument, das für ihn eher zweite Wahl war: „In meinem speziellen Fall war das so, dass ich als Schüler Amateur-Jazz-Gitarre gespielt habe – nennen wir es mal so – und als der [Michael] Karoli kam, da habe ich mich gefragt: Ja was kannst du denn bloß spielen und meine Überlegung war, du spielst Bass, weil ich aus der Tanz-Mucker-Zeit wusste: Die Bass-Leute können immer falsch spielen, da hört sowieso keiner drauf. Da fühlte ich mich sicher.“ Obwohl das Instrument für ihn eigentlich nur eine Notlösung war, fand Czukay einen innovativen Zugang. Zusammen mit dem unnachahmlich maschinenartigen Schlagzeugspiel von Liebezeit hatte Can eine der faszinierendsten Rhythmusgruppen der Rock-Musik, die gleichzeitig Grooven, Hypnotisieren und Anpeitschen konnte. Songs wie das achtzehneinhalb Minuten lange „Halleluhwah“ haben auch nach 46 Jahren nichts von ihrer Wirkung verloren.

Neben seinem Bassspiel war er es auch, der das Sampling in die Band brachte: „Diese Sampling-Geschichte: Wir sind mit Sicherheit einer der ersten Leute gewesen, die damit angefangen haben. Aufgrund einer gewissen Notwendigkeit haben wir das Sample schon damals, 1968, eingesetzt. Zunächst einmal bei unserem allerersten Auftritt überhaupt, als wir […] uns noch gar nicht richtig kannten. Da haben wir Aufnahmen von den Straßenunruhen in Paris samplemäßig eingespielt, weil wir merkten, dass das unseren Musikvorstellungen […] durchaus entgegenkam.“

Czukay verließ Can im Jahr 1977 und widmete sich dann der Ambient-Musik und seinen Sampling-Experimenten. Er arbeitete bis zu seinem Tod mit vielen einflussreichen Künstlern zusammen, unter anderem Japan-Frontmann David Sylvian, Produzenten-Halbgott Brian Eno, dem Trip-Hop-Projekt U.N.K.L.E., den Eurythmics und den NDW-Veteranen Trio.

Can-Kollege Irmin Schmidt beschrieb seinen Freund Holger Czukay im Interview mit folgenden Worten: „Das ist eigentlich Holgers herausragende Qualität: Der brennt meistens, der steht immer unter Feuer. Das kann ungeheuer beflügelnd sein, wenn er ganz in der Gemeinschaft mit seinem Feuer aufgeht, dann kann er unwahrscheinlich ansteckend und begeisterungsfähig sein. Aber wie Feuer eben auch ist: Es gerät leicht außer Kontrolle und dann überlodert das alles andere. Und das kann Holger auch passieren – und ist ihm auch öfter mal passiert.“

Holger Czukay starb am 5. September 2017 in dem Studio, in dem er mit seiner Band die Musikwelt veränderte. Er wurde 79 Jahre alt.



Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.