Car Seat Headrest – „Making A Door Less Open“ (Rezension)

Bild des Albumcovers „Making A Door Less Open“ von Car Seat Headrest

Car Seat Headrest – „Making A Door Less Open“ (Matador)

6,8

„Hey, we‘re not supposed to be here“, singt Will Toledo in „Can‘t Cool Me Down“, der ersten Single des neuen Albums seines langjährigen Projekts Car Seat Headrest. Hat man sich schon länger mit der Musik des US-Amerikaners befasst, dann resoniert dieser Satz besonders stark. Toledo startete seine Karriere als introvertierter Künstler, der im Teenageralter schrammelige Lo-Fi-Epen auf Bandcamp hochlud. Songs über Pubertät, Einsamkeit, Liebe und Zurückweisung. Sich oft über viele Minuten erstreckende Indie-Rock-Sinfonien der jugendlichen Unbehaglichkeit. Aufgenommen wurden sie in heimischer Isolation, zum Teil auf dem Rücksitz des geparkten Familienautos. Weil es da so schön still war.

Nun ist Will Toledo ein Rockstar. 2015 veröffentlichte Matador Records sein 13. Album (!) „Teens Of Style“ – und mit dem renommierten Label kamen für den damals 22-Jährigen neue Möglichkeiten wie etwa professionelle Aufnahmestudios. Ein Jahr später folgte „Teens Of Denial“, 2018 nahm er sein Lo-Fi-Meisterwerk „Twin Fantasy“ mit Band und Hi-Fi-Sound neu auf. Toledos Stimme, die wie der nervöse kleine Bruder von Julian Casablancas klingt, schallte plötzlich klar aus den Boxen, unverschleiert vom huschigen Klang eines Laptop-Mikros. Und Car Seat Headrest standen als Band auf Festivalbühnen, vor Tausenden von Menschen. „Hey, we‘re not supposed to be here“, indeed.

Sinfonien der Unbehaglichkeit

Bei all der kognitiven Dissonanz zwischen dem Lo-Fi-Weirdo Will Toledo und der Bühnensau Will Toledo war diese Entwicklung sehr faszinierend. „Teens Of Style“, „Teens Of Denial“ und auch die neue „Twin-Fantasy“-Version wirkten wie ein triumphaler Sprung nach vorne. Die früher vom Laptop-Sound eingesperrte Verzweiflung und Nervosität schien endgültig entfesselt und in Songs kanalisiert, die die Macht hatten, die ganze Welt zu umarmen.

Nach diesen Triumphen wirkt sein sein nun erscheinendes 16. Album (!) ein bisschen wie ein Rückschritt. „Making A Door Less Open“ mutet wie eine schwierige Übergangsplatte an. Ein Album, geschaffen von Menschen, die nicht ganz wissen, was sie wollen. Die ein bisschen zu viel Zeit im Studio verbringen und jeder Idee hinterherrennen, die gut erscheint.

Einige von diesen Ideen sind jedoch sehr gut. „Can‘t Cool Me Down“ kommt als siegestrunkener Fäuste-in-die-Luft-Elektropop daher, die ungewohnten MIDI-Klänge ein guter Kontrapunkt zu Toledos Unsicherheit im Musikbusiness. „Making A Door Less Open“ hat keinen Platz für seine üblichen zehn-Minuten-Exkursionen – aber „There Must Be More Than Blood“ kommt alten Epen wie „Beach-Life In-Death“ sehr nahe. Im Verlauf der sieben Minuten taumelt Toledo zwischen dem Pathos eines Destroyer-Songs und der Verletzlichkeit einer LCD-Soundsystem-Ballade. Synthesizer flirren chaotisch, im Einklang mit Gitarren-Feedback. Alles wirkt wie aus einem Guss.

„We‘re not supposed to be here“

Andere Ideen sind weniger gut. „Weightlifters“ und „Life Worth Missing“ kommen im gewohnten „Teens-Of-Denial“-Gewand daher, lassen aber dessen Dringlichkeit vermissen. In „Hollywood“ überlässt Toledo seinem Drummer Andrew Katz das Mikrofon – verständlich, bei dem Song. Eine oberflächliche Kritik an der Oberflächlichkeit des Showbiz, eingepackt in hypermaskuline Gitarrenriffs.

Die Ideen hören auch bei der Veröffentlichungsstrategie nicht auf. Die CD-, Vinyl- und Digital-Versionen von „Making A Door Less Open“ unterscheiden sich signifikant, sowohl in der Tracklist als auch in den Versionen der Songs. „Hymns“ erscheint auf Vinyl in seiner regulären Version, auf CD jedoch als Remix. Andere Stücke kommen auf einem Medium als Band-Version, auf dem anderen als akustischer Folk-Song daher. Toledo zeigt damit die Wandelbarkeit seiner Songs und seine Vielseitigkeit als Songwriter – aber auch eine mangelnde Fähigkeit, sich festzulegen.

Das ist bei einem Künstler, der in zehn Jahren 16 LPs veröffentlichte, nicht verwunderlich. Sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen, schien lange ein wichtiger kreativer Motor für ihn zu sein. „Making A Door Less Open“ zeigt, dass sich das auch nach 16 Alben nicht geändert hat. Toledo ist sich immer noch nicht sicher, ob er an dem richtigen Ort ist, if „he‘s supposed to be here“. Und er kann immer noch tolle Songs schreiben – wenn er sich nicht im Meer der Möglichkeiten verliert.

Veröffentlichung: 1. Mai 2020
Label: Matador

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“</“https://www.byte.fm/freunde/mitglied-werden/“a>

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