Kaffeetrinken mit Muse (Interview bei Champagne Supernova)

Foto von Muse

Muse (Foto: Jeff Forney)

Es war das Bizarre Festival 2000, irgendwann am frühen Nachmittag, als ich Muse zum ersten Mal gesehen habe. Die Band selbst war noch blutjung, Matt Bellamy hatte damals lila gefärbte Haare. Heute sind Muse eine Stadion-Band; kein Wunder, dass beim Reeperbahn Festival 2018 viele Leute die drei im Docks sehen wollten. Muse, vor knapp 1.500 Leuten als Headliner am Freitagabend? Das ist echt mal eine Ansage.

Am nächsten Morgen habe ich die Gelegenheit, Bassist Christopher Wolstenholme zum Interview in seinem Hotel zu treffen. Guten Kaffee gibt’s dort, den ich tassenweise in mich reinschütte. Ein freundlicher Typ ist Chris Wostenholme, gut gelaunt – und ausgeschlafen: „Gestern Abend hatte ich, glaube ich, zum ersten Mal seit drei Monaten acht Stunden Schlaf. Weißt du, Kinder und so …“ Als ich ihm von meinen ersten Muse-Erfahrungen von vor 18 Jahren, mit lila Haaren und so, erzähle, kommt er direkt ins Schwärmen. Das erste Album „Showbiz“ war schon eine Weile draußen, meint er – und weiter: „Wir begannen auf Festivals zu spielen, es war aufregend. Wir wussten nicht wirklich, was passieren würde, aber wir spürten, dass etwas passiert. Plötzlich spielten wir auf all diesen Festivals, die wir als Kinder auf MTV gesehen haben. Also für uns war das damals ziemlich mega. Aber es war auch anstrengend, denn wir waren jung. So 20, 21 Jahre alt, drei Kinder aus Teignmouth. Diese verschlafene Stadt in der Nähe von Devon. Aber plötzlich um die Welt reisen, durch Europa fahren, all diese Festivals. Es war eine sehr, sehr aufregende Zeit.“

Wir führen ein schönes Gespräch, unterhalten uns über die Anfänge von Muse, natürlich über die neue Platte „Simulation Theory“, die etwas farbenfroher und positiver als die Alben zuvor sein soll. Auch über das Konzert einen Tag zuvor reden wir: „Wir lieben es, in kleinen Läden zu spielen, das ist etwas, was wir vermissen … nun, ich vermisse es definitiv. Weißt du, ich liebe es, in diesen kleinen Räumen zu spielen, und ich liebe es, in den Arenen zu spielen, in Stadien zu spielen – aber es gibt da definitiv etwas, das verloren geht. Je mehr Menschen da sind, desto größer wird der Raum. Die Intimität verschwindet. Und das spürt man, sobald man wieder in einen kleineren Raum geht. Man spürt es fast im Soundcheck: Du gehst rein, und selbst wenn der Raum leer ist, ist es, als ob du den Schweiß aus der Nacht zuvor riechen kannst.“

Kleine Clubs vs. Stadionkonzerte

Als meine Zeit rum ist, treffe ich Schlagzeuger Dominic Howard – den ich mit dem Zitat von Chris konfrontiere: Vermissen Muse es, in recht kleinen Clubs zu spielen? Er sagt: „Nö.“ Es folgt ein schallendes Lachen, er relativiert: „Es ist schon schön in kleinen Läden zu spielen. Aber es ist etwas komplett anderes. Bevorzuge ich die größeren Dinger? Vermutlich. Weil es etwas überwältigender sein kann; wenn es mehr ist, wenn es Zehntausende sind, die mitsingen. Bei Stadionkonzerten geht es eben nicht nur um die Band und die Musik, es geht um das gemeinsame Treffen und das Drumherum.“ Doch in einem Punkt decken sich die Erfahrungen von Dom Howard und Chris Wostenholme: „Wenn du schon lange in großen Hallen spielst und dann wieder in kleinen – das ist aufregend. Und umgekehrt.“

Logisch. Vor zehntausenden, mitsingenden Menschen zu stehen, das muss etwas in einem auslösen. Dom taut nach und nach auf, auch er erinnert sich gut und gern an das Jahr 2000: „Wir fingen gerade an, bekannt zu werden, Leute fingen an, uns ständig Fragen zu stellen. In diesen sehr frühen Tagen, in der Zeit zwischen dem ersten und zweiten Album, fanden wir es ziemlich schwierig. Wir entwickelten uns damals von einer sehr introvertierten Band auf der Bühne, also ziemlich schüchtern und so, zu einer etwas kontaktfreudigeren, kunstvolleren Band. Alles wurde etwas aufwändiger.“

Die Redezeit mit dem Schlagzeuger ist auch schnell vorbei – so nett die beiden sind, so lang sind auch ihre Antworten auf meine Fragen. Sänger und Gitarrist Matt Bellamy sehe ich nur kurz aus der Ferne, im Gespräch mit anderen JournalistInnen; er trägt einen ziemlich hässlichen Pullover und verzieht sich recht zügig. Da ich mittlerweile auch ziemlich viel Kaffee intus habe, tue ich es dem Rockstar gleich. Etwas wackelig-müde, aber dafür zufrieden und mit viel Interview-Material.

Das Interview wurde geführt für Testspiel.de; das neue Muse-Album „Simulation Theory“ erscheint am 9. November 2018. Hören könnt Ihr das Interview am 5. November 2018 in der Sendung Champagne Supernova bei ByteFM um 22 Uhr. Und in der Wiederholung am Mittwoch, 7. November um 13 Uhr.

Matthes Köppinghoff mit Chris Wostenholme und Dominic Howard von Muse

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