Chromatics – "Kill For Love"

Chromatics - Kill For LoveVÖ: 25.05.2012
Web: Chromatics auf Facebook
Label: Italians Do It Better

Kaum etwas ist noch zu hören von dem Post-Punk der Anfänge der Chromatics, beinahe ebenso wenig von der leichten, eingängigen und leider auch ein wenig seichten Italo-Disco-Tanzmusik der vergangenen Alben. Nein, „Kill For Love“ ist anders, klanglich kaum zu fassen. Ein musikalisches Epos könnte man es nennen, Vertonung der Ängste und Sehnsüchte, einen Soundtrack des Lebens – einen ganz besonders gelungenen.

„Kill For Love“ beginnt und nimmt den Hörer sofort gefangen, während man dem Song „Into The Black“ lauscht und sich von den Gitarren in die Szenerie eines einsamen Western-Films versetzen lässt, bis die wunderbare Stimme von Ruth Radelet gleichzeitig melancholisch und doch irgendwie gleichgültig zu einem „My, My, Hey, Hey“ ansetzt. Und dann wird es einem bewusst: Das ist Neil Young! “Rock and roll is here to stay. It’s better to burn out than to fade away. Rock and roll can never die.” Noch nie klangen diese Worte so schön, traurig und doch voller Hoffnung. So seltsam es scheinen mag, das eigene Album mit einem Cover zu beginnen, und dann auch noch mit einem, das eher Sinnbild des Endes ist, so treffend charakterisiert der Song auch das Folgende. „There’s more to the picture than meets the eye.” “Kill For Love” ist tatsächlich wesentlich mehr als die Summe seiner einzelnen Songs. Als wären diese nicht schon gut genug, erlangt das Album seinen wahren Wert erst in seiner Gesamtheit. Was Chromatics da geschaffen haben, ist ein wunderbares Epos, eine überraschende und fesselnde Mischung aus tanzbarem Dream-Pop und beinahe verstörenden Instrumental-Phasen. In diesem unglaublich dichten und doch leichten Klangteppich führt Radelets Stimme uns durch die Nacht. „Kill For Love“ zeugt ganz eindeutig von den Einflüssen, die Film-Vertonungen auf die Band hatten. Das Album untermalt, erschafft Szenerien, lädt dazu ein zu imaginieren, legt sich dabei aber nie fest.

Wie ein Gewitter schlagen Chromatics mit „Kill For Love“ auf uns nieder, sie laden uns ein, Teil zu haben, locken mit poppigen Klängen, mit Sirenen-artigen Gesängen, die betören und einlullen. Die ersten Songs „Kill For Love“, „Back From The Grave“ und „The Page“ sind noch eingängig: einladende Beats, poppige Synthies, ein bisschen „Uh-Uh“ und catchy Refrains – und schon stehen wir auf der Tanzfläche, wippen, schließen die Augen und lassen los. Bis „Lady“ den Anfang vom Ende (oder das Ende des Anfangs) einleitet, die Beats werden elektronischer, der Gesang düsterer und reduzierter, auch der Text schränkt sich immer mehr ein, Radelets Stimme hallt und klingt, als entferne sie sich immer weiter von uns, während sie immer wieder beängstigend monoton die (scheinbar) gleichen Lyrics wiederholt: „Give us all something to do. We really need something to do“. Repetition ist ein wichtiger Teil von „Kill For Love“, auch instrumentell, häufig wiederholen sich Beats und ganze Klang-Passagen, immer aber werden sie leicht abgeändert, nie kann man sich beruhigt dem überlassen, was man gerade hört, was vor allem daran liegt, dass beinahe alle Instrumente analog eingespielt wurden, jeder Ton wird immer wieder gleich und doch anders neu erzeugt. Mit „These Streets Will Never Look The Same“ ist es dann gänzlich vorbei mit den „simplen“ Hits. Takt-Schlagen, das klingt wie ein zu lauter Wecker, penetriert den Hörer, eine Männer-Stimme erklingt, technisch verzerrt, sie hat etwas Roboter-artiges, ein Cyborg singt uns von seinen Ängsten, vielleicht auch nur sein Echo. Und dann ein siebenminütiges Instrumental, gleichförmig, viel Drum- und Rythm-Machine, zuerst leise und unmerklich, dann immer lauter werdend. Ein Fiepsen.

Der Beginn des unglaublich guten „zweiten“ Teils des Albums. Radelets gleichmütiger und verlorener Gesang bleibt, wird aber wie die Rythmen langsamer, weniger eingängig, immer wieder unterbrochen von langen Instrumental-Einlagen: Songs bestehend aus Streichern und Glocken-Synths, manchmal so lang, dass man glaubt, sie würden niemals enden. Die Nacht ist kürzer geworden, die Straßen leerer, in den Clubs zuckende Körper im Stroboskop-Licht und dazu die Musik. Songs mit post-apokalyptischer Atmosphäre, die klingen wie monotone Selbstgespräche des letzten Überlebenden, sie sind nicht für die Zuhörer gemacht, sondern um ihrer selbst willen. Was den Hörenden dazu einlädt, sich ebenfalls selbst zu vergessen. In „Running From The Sun“ wieder der menschliche Roboter, der uns beinahe einschläfert, und uns verleitet, die Augen zu schließen und für uns tanzt. Man gibt sich der Musik hin, die unglaublich abwechslungsreich ist, und dennoch eine verwobene Textur bildet. Hintergrundmusik, der man nicht bewusst zuhören muss, um sie aufzunehmen. „Birds Of Paradise“ beginnt mit wunderschönen elektronischen Piano-Klängen, und wieder Radelets Stimme, unterlegt mit dem Knistern von Vinyl-Platten, das nicht aufgesetzt klingt, sondern irgendwie einfach dazugehört. Ein Liebeslied, untermalt von einem bedrohlichen Geister-Piano. „I kissed the tide but you held the moon and carried the stars. Like life was a memory and death just a possibility” – so einfach, so klar, beinahe unberührt als gäbe es gar nichts anderes zu sagen.

Und darin liegt vielleicht die Besonderheit von “Kill For Love”, musikalisch unglaublich anspruchsvoll zu sein, spielendes Überschreiten von Genregrenzen, instrumentelle Vielseitigkeit, dazu die tiefgründigsten Texte, vorgetragen in einer Art, die gleichmütig ist, aber nie gleichgültig. So, als müsse das einfach getan werden, wenn es sein muss, das Album es verlangt, auch 90 Minuten lang. Die letzten Songs muten wieder einfacher, leichter an, mehr Gesang, Fingerschnippen, tanzbare Synthesizer, eingängigere Drums, wir sind wieder beruhigt, lehnen uns geistig zurück – und tun es den Chromatics gleich und feiern die Schönheit der Musik. „Time is stretching on and it keeps on repeating as the beat goes on.” Die Nacht geht weiter, der Beat auch, alles wiederholt sich – und das ist gut so. „There’s A Light Out On The Horizon“ lässt eine Sequenz aus „Drive“ aufleben, eine Anrufbeantworter-Nachricht. „I hope you’re okay out there, wherever you are.“ Ja wir sind okay, bis “The River” einsetzt. “I’m still here waiting for you”, schmerzt uns Radelets Echo, die Mitte des Songs, Störgeräusche, geloopte Synths, noch ein letztes Mal die unmenschliche Stimme, Rauschen, ein Disco-Beat, erleichtert beginnen die Körper wieder zu tanzen.

Man verbleibt ein wenig hilflos, aufgeschreckt aus der Trance, stolpert los. Was tun mit dieser Reise, die so emotional war, schön und auch ein bisschen erschreckend, verstörend? Vielleicht einfach wieder losgehen, sich von der Musik gefangen nehmen lassen. Das schafft „Kill For Love“ nämlich ganz hervorragend – nicht nur in der Nacht, sondern auch am Tag, beim Autofahren, im Zug, bei der Arbeit, überall da, wo ein bisschen Raum ist, sich selbst zu verlieren.

Das ByteFM Album der Woche.

Jeden Tag von Montag bis Freitag spielen wir im ByteFM Magazin zwischen 10 und 12 Uhr einen Song aus unserem Album der Woche. Ebenso im ByteFM Magazin am Nachmittag von Montag bis Samstag zwischen 15 und 17 Uhr und im ByteFM Magazin am Abend, montags bis freitags ab 19 Uhr. Die ausführliche Hörprobe folgt am Freitag ab 13 Uhr in Neuland, der Sendung mit den neuen Platten.

Unter allen Freunden von ByteFM verlosen wir einige Exemplare des Albums. Wer gewinnen möchte, schreibt eine E-Mail mit dem Betreff „Chromatics“ und seiner/ihrer vollständigen Postanschrift an radio@byte.fm.

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