Das Istanbul Jazz Festival 2019 – ein Reisebericht

Open-Air-Szene vom Istanbul Jazz Festival

Das 26. Istanbul Jazz Festival fand vom 29. Juni bis 18. Juli 2019 statt (Foto: Selcuk Polat)

Istanbul Anfang Juli. Zehn Tage nachdem der Kandidat der oppositionellen CHP-Partei, Imamoglu, auch die Wiederholung der Bürgermeisterwahl gewonnen hat: Die Istanbul Stiftung für Kultur und Kunst lud ByteFM und 30 weitere internationale Delegierte ein, vier Tage lang das 26. Istanbul Jazz Festival zu besuchen, ein Spin-off des noch größeren Istanbul Music Festival.

Gemischte Gefühle begleiteten mich auf dem Weg in die Türkei. Will man ein Festival besuchen in einem Land, das auf dem besten Wege in die Autokratie ist? Macht man sich zum nützlichen Idioten, wenn man ein kulturelles Ereignis empfiehlt, an einem Ort, wo manche Kulturen unterdrückt werden? Muss man mit persönlichen Konsequenzen rechnen, wenn man unbequeme Fragen stellt oder aufmüpfige Meinungen vertritt?

Meine Bedenken haben sich bald verflüchtigt. Der Träger der Veranstaltung ist die IKSV, die für ihre Leistungen bereits von der UNESCO ausgezeichnet wurde. Ihr Kapital kommt von der alten Unternehmerfamilie Eczacıbaşı (u. a. Pharmazeutik). Eine Stiftung mit internationaler Unterstützung, aber auch Cumhuriyet, eine der letzten oppositionellen Zeitungen der Türkei, ist unter den Sponsoren. Allerdings auch Socar, der aserbaidschanische Staatskonzern – laut Transparency International der untransparenteste unter 44 geprüften Öl- und Gasförderern. Sein Logo ziert auch Trikots der UEFA.

Kritische Stimmen wurden etwa durch die lokale Band The Ringo Jets auf die Bühne gebracht und auch an der Hotelbar wurde Klartext gesprochen. Eine regierungsnahe Agenda vertrat jedenfalls niemand. Ich habe nicht das Gefühl, durch meinen Reisebericht ein mitunter autokratisches System zu bewerben. Stattdessen beleuchte ich kulturelle Strömungen inklusive Sub- und Gegenkultur.

Unser Autor Georg Kühn auf einem Hoteldach

Georg Kühn auf dem Dach des Marmara Pera Hotels

Tag 1: Ein Showcase und viele Jazz-Konzerte im Park

Vitrin, das viertägige Showcase für zeitgenössische türkische Musik, ist eine Informations- und Werbemaßnahme des IKSV für 32 JournalistInnen, AutorInnen, BookerInnen und VeranstalterInnen aus der ganzen Welt. Das Istanbul International Jazz Festival selbst lief vom 29. Juni bis zum 18. Juli und war tatsächlich international, während unser Festivalfenster bewusst mit türkischen Acts bestückt wurde. Verständlich, denn warum sollte Istanbul für Ryuichi Sakamoto, Carlos Santana oder John Scofield (und viele andere internationale Stars) werben, die alle auch schon hier aufgetreten sind? Die Shows des Festivals sind auf Clubs, Kinos, Diskotheken und Konzerthallen in der ganzen Stadt verteilt. Auftakt für insgesamt über 70 Konzerte war Jazz In The Parks: Open-air und ohne Eintritt trat ein halbes Dutzend Bands auf.

Deniz Okan, Vitrin Showcase

Deniz Okan

Der erste Abend des Showcase fand auf drei Bühnen im europäischen Beyoğlu statt – einem lebendigen Stadtteil voller toller Gitarrengeschäfte und Musikclubs. Hier wohnten die geladenen Gäste und hier liegt auch der berühmte Taksim-Platz. Eine Band dieses Abends ist besonders erwähnenswert: No Land spielten im Salon IKSV eine betörende Mischung aus Trompetenjazz, Balkanklängen und türkischem Folk, für die sie auch einen der zwei Socar-Preise über 2500 Euro erhielten.

Konzert der Gruppe No Land

No Land

Tag 2: Tradition und die junge Stimme der Großstadt

Tags drauf endete eine ausgezeichnete Stadtführung für uns Delegierte mit einem Konzert in einer historischen Zisterne. Der Klarinettist Ramazan Sesler – sein Vater Selim hatte in Fatih Akins „Crossing The Bridge“ eine tragende Rolle – und seine Band spielen virtuos traditionelle türkische Musik mit Sinti- und Roma-Einflüssen. So, wie sie auf Hochzeiten und in Pinten gespielt wird, mit den klassischen türkischen Instrumenten: der Oud, einer Kurzhalslaute, dem Kanun, einer Kastenzither und der Darbouka-Bechertrommel. Im Gespräch beschrieb Sesler mir seinen Umgang mit der Tradition und dem Erbe seines Vaters. Sein Debütalbum heißt denn auch übersetzt „Vom Vater zum Sohn“.

Abends verlagerte sich das Geschehen in den asiatischen und gleichzeitig säkularsten Stadtteil Kadıköy, wo acht Locations insgesamt 21 Acts präsentierten. Ein Fest des Verpassens, doch dank des unermüdlichen Betreuungsteams gelang es mir, immerhin acht Konzerte zu besuchen. Unter anderem von den erwähnten The Ringo Jets, die auf Englisch singen, zum Beispiel ihre Gezi-Park-Hymne „Spring Of War“. Die Band zeigt einige Parallelen zu The White Stripes: Lärm ohne Bass und mit Drummerin. Ganz anders das ruhige Instrumentalkonzert des Folkgitarristen Tsu! in einem alten Kino. Solo spielte er filigrane akustische Patterns, die mit alten Super-8-Filmen von Aylin Güngör zusammen eine sehr sentimentale Stimmung zauberten. Tsu! alias James Hakan Dedeoğlu erklärte uns später noch den Stadtteil Kadıköy.

Außerdem traf ich Tan Tuncag vom Electronica-Projekt Cava Grande. Er sprach mit mir über sein Live-Konzept mit Visuals seiner Frau Miray und die Zusammenarbeit mit Posaunist Hazal Doleneken und Schlagzeuger Yagiz Nevzat Ipek. Und natürlich habe ich mir den Underground-Star Gaye Su Akyol angeschaut, Stimme einer urbanen Generation, die von Veränderung träumt und hier den Soundtrack bekommt. Eine kraftvolle Collage aus türkischer Tradition – die Künstlerin trat im Bauchtanzkostüm auf –, Pop und Psychedelic-Rock. Das Publikum war derart begeistert und textsicher, dass es selbst Sprachfremden die Tränen in die Augen trieb. Dass Akyols Band auch ganz anders kann, bewies diese in einem eigenen Set. Unter dem Namen Lalalar spielte sie am späten Abend in der gleichen Halle, der Moda Stage, düsteren und treibenden Electro-Rock mit DJ und zwei Gitarristen.

Sängerin Gaye Su Akyol

Gaye Su Akyol

Tag 3: Ein Blick hinter die Kulissen und Jazz mit Quietscheschweinchen

Am dritten Tag präsentierten sich türkische Musikagenten; einige davon als Ansprechpartner für die Bands im Showcase. In einer anschließenden Gesprächsrunde mit europäischen Festivalbookern wurde das ganze Dilemma der türkischen Musikszene offenbar. Ein simpler Grund etwa, warum eine europäische Formation im Zweifel bevorzugt wird, ist, dass Visa für eine einzige Band gerne vierstellige Summen kosten. Natürlich hemmt auch die Sprachbarriere die Booker. Nicht zuletzt leidet auch die Musikindustrie unter der schwachen türkischen Lira und dem sehr konservativen Kulturbegriff der Regierung Erdoğan.

Abends dann die Aydın Esen Group in der Uniq Hall: ein Altmeister des Tastenjazz mit zwei virtuosen Kollegen und einer Gastsängerin. Ein echtes und etwas anstrengendes Jazzkonzert mit wahnsinnig vielen Tönen, aber auch einem puppenlustigen Solo des Perkussionisten Tommy Campbell mit Quietscheschweinchen.

Tommy Campbell mit Quietscheschweinchen

Quietscheschweinchensolo von Tommy Campbell

Erwähnt werden soll noch Jazzgitarrist Tolgahan Çoğulu. Dessen „Adjustable Microtonal Guitar“ sieht aus wie eine Gitarre, deren Griffbrett man zusätzlich mit Heftklammern beschossen hat. Mit seinem Partner Sinan Ayyıldız war er zweiter Preisträger. Trotz der eigenwilligen Präparation und des mikrotonalen Ansatzes hat seine Musik fast klassisch maurisch-spanische Anmutung. Çoğulu spielt aber auch Bach und seine Auseinandersetzung mit Tuning ist fast wissenschaftliche Forschung.

Die Musiker Tolgahan Çoğulu und Sinan Ayyıldız

Tolgahan Çoğulu und Sinan Ayyıldız

Die vielseitigen und sehr unterschiedlichen Konzerte – insgesamt über 30 –, die uns Delegierten gezeigt wurden, waren selten lupenreiner Jazz. Was die Freude am Geschehen sicher nicht gemindert hat. Alles, was nicht reiner Mainstream war, hat hier stattgefunden: traditionelle Musik, Folk, Akustisches, Electronica, Fusion, Balkan-Musik und sogar Rock ’n’ Roll. Dass die ProtagonistInnen fast allesamt aus der Türkei kamen, war Teil des Plans. Was die MusikerInnen jedoch stärker einte als der regionale Fokus der Präsentation: Alle waren jung, polyglott und weltoffen.

Die Musik, die Orte und besonders die persönlichen Begegnungen haben mich sehr beeindruckt und einmal mehr wurde offensichtlich, dass Reisen bildet und Barrieren abbaut. Sicherlich war das auch eines der Ziele der Veranstalter. Für mich selbst war die Situation noch einmal spezieller, da ich einen Tag eher abreisen musste, um nicht mehr am Bühnenrand, sondern am Sterbebett meines Vaters zu stehen. Wie intensiv mich die Organisation in diesem schwierigen Moment unterstützt hat (administrativ und emotional), war sehr berührend und prägend für das – für mich vor allem menschlich – schöne Istanbul Jazz Festival.

Besonderer Dank gebührt auch Darius Thies von WDR Cosmo für die extrem kollegiale und nette Zusammenarbeit!

Politisch und gesellschaftlich, das haben mir auch die alten Hasen und regelmäßigen TürkeibesucherInnen bestätigt, ist Istanbul derzeit beseelt von einer Aufbruchsstimmung, die die bleierne Zeit der letzten Jahre förmlich wegfegt.

Autor Georg Kuehn mit Darius Thies, Deniz Okan, Zeynep Yilmaz und Ali Murat Akozan

Autor Georg Kühn mit Darius Thies (WDR Cosmo), Deniz Okan, Zeynep Yilmaz und Ali Murat Akozan(IKSV)

All das könnt Ihr nachhören im ByteFM Container am 29. Oktober um 14 Uhr mit Ruben Jonas Schnell und mir, Georg Kühn.

Bild mit Text: Förderverein „Freunde von ByteFM“

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