Das Label Captured Tracks – weit mehr als ein Hype

Foto von der Band DIIV, zu Hause beim Label Captured TracksDie Band DIIV, zu Hause beim Label Captured Tracks

Das in Brooklyn beheimatete Label Captured Tracks hat unter Indie-Musik-Lieberhaberinnen und -Liebhabern spätestens seit dem Song „Doused“ der Band DIIV einen festen Platz in den Herzen und auch auf den Tanzflächen der Welt. DIIVs Sänger Zachary Cole Smith avancierte zu einer Art It-Boy und füllte bald Klatschspalten. Am 5. Februar erscheint das lang erwartete zweites Album der Band: „Is The Is Are“. Grund zu feiern sicherlich, aber auch Grund, sich das Label hinter der Band einmal etwas genauer anzuschauen.

2008 wurde Captured Tracks von Mike Sniper im Keller eines Plattenladens in Brooklyn gegründet. Sniper hatte schon allerlei Erfahrungen bei Labels und in Plattenläden sammeln können und ist bis heute Musikfan durch und durch. Der Anfang war bescheiden, veröffentlichte das Label zunächst nur Kassetten, Singles und Maxis. Ende 2009 kam das erste Album: The Beets – „Spit On The Face Of People Who Don’t Want To Be Cool“.

Ab 2010 ging dann alles sehr schnell: Die neuen Bands Wild Nothing, Beach Fossils und The Soft Moon veröffentlichten alle ihre Debütalben. Zwar war deren Musik ziemlich verschieden: Wild Nothings Indie-Pop mit deutlichen Twee-Anleihen hatte auf den ersten Blick nicht viel mit den kalten Soundscapes von The Soft Moon gemeinsam, aber eines verband sie alle: eine besondere Affinität zu der alternativen Musik der 80er-Jahre. Bei all diesen Platten dachte man sofort an Menschen mit dunkeln Klamotten und toupiertem Haar. Und damit traf das Label wohl einen Nerv. Alle drei Debütalben wurden – für die Verhältnisse eines kleinen Kellerlabels – ein internationaler Riesenerfolg. Das Besondere: Weil kein Geld da war, haben die Bands unter Mithilfe von Sniper alles komplett selbst aufgenommen und die Cover selbst gestaltet. Aus dieser Not ergab sich eine Tugend: Die Platten dieser Zeit wirkten alle besonders authentisch und unglaublich charmant.

2011 kamen Craft Spells, Blouse, Soft Metals – und DIIV – zum Label. Danach gab es kaum noch Signings. Die Künstler sollten erst einmal mit dem nun vorhandenen Geld aufgebaut werden. 2012 erschienen dann beinahe zeitgleich „Oshin“ von DIIV (inklusive des berühmten „Doused“) und das Debüt der Band Holograms. Holograms brachten weitere Neuerungen: Post-Punk als Musikrichtung. Man höre sich nur das unglaublich druckvolle „ABC City“ an. Und: Holograms sind Schweden und damit eine der ersten Nicht-US-Bands auf Captured Tracks. Der einsetzende Hype um Künstler und Label dürfte der Mischung aus hoher Qualität der Veröffentlichungen und 80er-Flair geschuldet sein. Das passte gerade so gut in die Welt von Hipstern und Co.

Aber Sniper ruhte sich nicht auf den Erfolgen aus, sondern entschied sich, alte, teils sehr rare Platten aus den 80er-Jahren wieder zu veröffentlichen. Zu Beginn waren das einzelne Wiederveröffentlichungen wie die ersten beiden Alben der New Order nicht unähnlichen Band The Wake: Cold Wave meets Synthie-Pop. The Monochrome Set, Cleaners From Venus und The Servants folgten. Allesamt waren das zuweilen schwierig zu findende oder vergessene Perlen von 80er-Jahre-Musik. Selbst die obskure Bremer (!) Band Saâda Bonaire mit ihrer seltsamen Mischung aus orientalischen Klängen und Wave gab es nun wieder.

Sniper scheint ziemlich rastlos zu sein, denn auch dabei beließ er es nicht. Die „Shoegaze Archives“ seines Labels brachten – wie der Name schon sagt – vergessene Shoegaze-Platten neu heraus. Unbekanntere Bands wie die grandiosen Half String und die My-Bloody-Valentine-Epigonen Medicine gehörten dazu. Nebenbei gründete Sniper das Sublabel Body Double für Wiederveröffentlichungen. Und noch einen Coup konnte er landen: Er fädelte eine Kooperation zwischen Captured Tracks und dem Label Flying Nun ein. Das war vor allem in den 80er-Jahren das Zuhause für fast alle bedeutenden Indie-Pop-Bands aus Neuseeland: The Bats, The Clean, The Chills und The Verlaines. In Europa sind diese Künstler leider etwas untergegangen. Sie prägten aber das, was später den Stempel „Kiwipop“ bekommen sollte: eine Art rumpelig-naiven Ansatz von alternativer Gitarrenmusik. Nach und nach sollen die Platten alle wiedererscheinen.

Es liegt wohl an der Musikbegeisterung Mike Snipers, dass die Veröffentlichungen bis heute eigentlich immer überdurchschnittlich gut sind. Seien es Neuentdeckungen, Wiederentdeckungen oder Neuentdeckungen alter verkannter Platten: Captured Tracks hat ein musikalisches Niveau, das einem auch bei Nichtgefallen einer Band zumindest großen Respekt abringt.

Die jüngste Generation an Signings führt der Kanadier Mac DeMarco an, der abseits seines Slackerpops als Gesamtkunstwerk auftritt. Schrille Performances gehören genauso zu seiner Musik wie sein spezieller Style. Immer wieder Neues im Captured-Tracks-Universum. Aber nun freuen wir uns erst einmal auf das neue DIIV-Album.

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