Der Funkmeister – Zum 70. Geburtstag von George Clinton

Er brachte „One Nation Under A Groove“ und verkündete den freien Arsch bei freiem Bewusstsein. George Clinton landete das Raumschiff des P-Funk mitten in die discofizierten 70er und ist seitdem unverzichtbarer Teil der schwarzen Musikgeschichte.

Als Dr. Der 1993 für sein klassisches HipHop Album „The Chronic“ stark auf Samples von der „Mothership Connection“, dem 1975er Album von George Clintons Gruppe Parliament zurückgreift, hatten die Grooves und Sounds des P-Funk bereits einige Jahre lang die genetische Grundlage des Hip Hop mitbegründet. Der Funk, genauer der P-Funk gehört neben James Brown zur musikalischen Ursuppe, aus der sich Hip Hop traditionell bedient. George Clinton darf sich als neben Brown meist gesampleter Künstler der Welt sehen. Zum Zeitpunk von Dres „Chronic“ ist Clintons Karriere gerade etwas im Auftrieb. Niemand Geringeres als Prince veröffentlicht sein Album „Hey Man… Smell My Finger“. Doch die eigentliche Hochphase der Karriere Clintons datiert von 1970 bis 1982.

Als der in New Jersey aufgewachsene Clinton 1970 seine Band Funkadelic gründet, ist er schon ein alter Hase im Musikgeschäft. Bereits als Teenager hatte er in den 50er Jahren eine Doo Wop Gruppe gegründet und 1967 haben The Parliaments mit „I Wanna Testify“ sogar einen kleinen Hit. Clinton landet im erweiterten Kreis der Motown Familie und lebt in Detroit. Seine Songs wie „I Bet You“ werden von den Jackson 5 und Diana Ross eingespielt. Als Revilot Records, das Label, auf dem The Parliaments veröffentlichen, pleite geht, verliert Clinton die Rechte am Namen und gründet aus der Backing Band der Vokaltruppe die als schwarze Ruckband konzipierte Formation Funkadelic.

Sly Stone und Jimi Hendrix sind passiert und Clinton will zu neuen Ufern. Während aus der traditionell im Anzug auftretenden Gruppe The Parliaments einfach Parliament werden, kommen Funkadelic hippiehaft daher. In quasi identischer Besetzung bespielt Clinton in den nächsten Jahren mit zwei Bands sowohl den traditionellen schwarzen Soulmarkt wie auch den Markt der weiße Rockhörer. Clinton, der seine Aktivitäten anfangs vom eigenen Friseursalon aus betreibt, schafft aus dem Talent der Musiker wie Gitarrist Eddie Hazel und seiner Vision einer urbanen schwarzen Musik einen Soundtrack der 70er Jahre.

Nachdem die ersten Funkadelic Platten wie das programmatisch betitelte „Free Your Mind And Your Ass Will Follow“ Blues-Einflüsse und Psychedelik-Effekte im Übermaß boten, schält sich ab 1973 mit den kongenialen Mitmusikern wie Bootsy Collins am Bass, Keyboarder Bernie Worrell, Gitarrist Gary Shider und später den Bläsersätzen des Posaunisten Fred Wesley (wie Collins ein ehemaliger James Brown Musiker) der eigentliche P-Funk heraus. Eine polyrhythmische, von Keyboard- und Gesangsharmonien überlagerte Musik, die schwärzer ist, als es das weiße Radio spielen würde und schmutziger, als es das schwarze Radio spielen mag.

Mit der „Mothership Connection“ entwickelt Clinton eine eigene Saga von Außeridischen und anderen Aliens, die ähnlich den fantastischen Geschichten von Sun Ra ein Comic-haftes Sinnbild der verschleppten Diaspora-Identität der Afroamerikaner darstellen. Die Texte von Parliament und Funkadelic sind zu gleichen Teilen abstrakt, obszön, politisch und pure Partyslogans.

Die Live Auftritte in Phantasie-Kostümen und spacigen Bühnenbauten machen Parliament-Funkadelic (kurz: P-Funk) zur endgültigen Legende. Clinton vergrößert permanent den Stamm seiner Musikerfamilie auf über 50 Mitglieder. Er veröffentlicht ab Mitte der 1970er in steter Folge Alben mit beiden Gruppen und Soloplatten einzelner Künstler wie Bootsy Collins und Nebenprojekte. Er engagiert für seine Bühnenshow den Architekten von Kiss und der Rolling Stones und ist 1978 trotz fehlender Radio-Airplays einer der größten schwarzen Acts Amerikas. Nach langen Jahren des Erfolgs läuft das Ganze irgendwann aus dem Ruder.

Gegen Ende der 1970er spalten sich immer mehr Musiker ab und Clintons Imperium zerbricht unter anderem an seinem chaotischen Geschäftsgebaren. In den folgenden Jahren bleibt Clinton aktiv, sowohl als Solo-Künstler wie als Produzent (u.a. der zweiten Red Hot Chili Peppers Platte „Freaky Stiley“ 1985), aber der ganz große Erfolg bleibt aus. Mit einer Ausnahme: „Atomic Dog“ von 1982 wird Clintons vermutlich größter und meist gesampleter Hit. Ab Ende der 1980er ist Clinton als Vaterfigur und Hohepriester willkommener Gast auf diversen Hip Hop Platten von Snoop Dogg über Outkast bis zu RZA. Bis heute tourt Clinton regelmäßig und veröffentlicht Platten (zuletzt „George Clinton & His Gangsters Of Love“ von 2008, u.a. mit Carlos Santana, Sly Stone und den Red Hot Chili Peppers als Gästen), ist inzwischen in die Rock’n Roll Of Fame aufgenommen und Grammy preisgekrönt.

ByteFM wünscht mit einer Ausgabe der School Of Rock (22.07., 11:00 Uhr) alles Gute zum 70. Geburtstag!

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