Der König des Delta Blues – Zum 100. Geburtstag von Robert Johnson


Es gibt von Robert Johnson nur 29 Stücke, die als Aufnahmen bekannt sind und nur zwei verifizierte Fotos. Und doch ist der Mann aus den Süden der USA eine der größten Blues Legenden überhaupt. Das hat viel mit der eigenwilligen Qualität seiner Musik zu tun, noch mehr aber mit der Idee, die vom „ursprünglichen“ Blues existiert und die immer wieder weiter ausgebaut wird, seit in den 60er Jahren Musiker aus der Folk-Szene Amerikas und dann englische Musiker der Beat-Bands die Sounds der Blues-Originale für sich entdeckten.

Robert Johnson hat viele absolute Fürsprecher. Die bekanntesten dürften Eric Clapton, Keith Richards, Fleetwood Mac Gründer Peter Green und Bob Dylan sein.
Als „King Of The Delta Blues“ wurde Johnson posthum zum Idol und die Veröffentlichung seiner „Complete Recordings“ in den 1990ern erreichte eine Million verkaufte Exemplare und Grammy Status.
Nicht schlecht für eine Doppel-CD mit Aufnahmen von 1936. Nicht schlecht für einen Musiker, der zu Lebzeiten keinen nennenswerten Erfolg hatte.
Robert Johnson ist ein Musiker, der an einer entscheidenden Schnittstelle der Musikgeschichte steht und dessen Werk und Leben idealen Nährboden für Mythen und Verklärung bietet. Und fast nebenbei war Johnson natürlich ein äußert begabter Musiker.

Als Johnson in den 1960ern per Wiederveröffentlichung zum König der Ur-Blueser erkoren wurde, fehlten interessanterweise mit „Dust My Broom“ und „Sweet Home Chicago“ zwei seiner größten Erfolge, die allerdings erst in Versionen, die nach Johnsons Tod erschienen, zu Hits wurden.
In den 30er Jahren war Johnson einer von diversen Musikern aus Mississippi, die versuchten, mit ihrer Musik zu Ruhm, Geld und Glück zu kommen. Johnson war gelehriger Gitarrenschüler und verstand es die Stile und Besonderheiten seiner erfolgreichen Zeitgenossen zu kopieren, was im Wesentlichen das war, was ein Musiker seinerzeit zu tun hatte: Die aktuellen Hits spielen und ein Repertoire mit den beliebtesten Musiksorten und Stilen bereit halten, um damit sein Publikum bei Laune zu halten. Neben den Bezügen zu populären Vorbildern wie Charley Patton und Son House oder auch zur Blues-Piano Legende Leroy Carr, pflegte Johnson aber auch eine Vorliebe für den obskuren Skip James, einen Blues-Pionier, der zu Lebzeiten so wenig erfolgreich war, dass einige seiner Plattenaufnahmen bis heute verschollen sind, weil sich nicht mal mehr eine einzige Schellack Platte von ihnen noch auftreiben lässt.

Johnson stand chronologisch zwischen den Blues Generationen: In der Zeit des Ersten Weltkriegs war das entstanden, was unter dem Namen Blues von den Plattenfirmen als ausschließlich für die schwarze Bevölkerung gedachtes Genre vermarktet wurde. Künstlerinnen wie Ma Rainey und unter anderem auch eine erstaunlich große Anzahl weißer Musiker hatten seinerzeit einen Stil propagiert, der neben diversen anderen wie Ragtime oder Work Songs im Repertoire der Live Entertainer zum Standard Programm wurde.
Als Johnson seinem Unterhalter-Handwerk nachging, war die Mississippi-Delta Version des Blues, die von Son House und Charley Patton und anderen verkörpert wird, bereits ein alter Hut. Und so finden sich neben solchen „urigen“ Blues Nummer unter den 29 erhaltenen Stücken Johnsons auch solche die vom damals aktuelleren Swing Jive beeinflusst sind und Aufnahmen, auf denen Johnson sein Talent benutze, um auf der Gitarre die Bassläufe und Figuren der Boogie Pianisten zu imitieren. Damit schuf er eine Blues-Variante, die später als Vorlage für all das galt, was von den 50er Jahren an als Blues und später Bluesrock gespielt wurde.

Mit der Blues Generation der 50er und 60er Jahre um Künstler wie Muddy Waters, die vornehmlich in Chicago zu „recording artists“ wurden, gründete sich dann der Mythos vom Delta Blues als Quelle des Blues überhaupt. Die Idee, dass der Blues als reine, unverfälschte, irgendwie naturalistische Kunst aus den Sümpfen der Südstaaten in die Städte des Nordens gekommen ist, um dort die Magie des Ursprünglichen zu verbreiten, war eine tolle Sache, um Künstlern ein Image zu geben und die Phantasie von Musikfans in der ganzen Welt zu befeuern.
Die Wirklichkeit ist natürlich nicht so eindeutig. Bereits in den 10er und 20er des 20. Jahrhunderts reisten Musiker durch das ganze Land und Stile und Moden befuhren den Mississippi in beide Richtungen und tauschten sich aus. Zur Hochzeit der Baumwoll-Industrie und vor der Wirtschaftskrise von 1929 waren im Süden teilweise florierende Handels- und Produktionsorte entstanden, an denen der schwarzen Arbeiterschaft ein professionelles Unterhaltungsgewerbe geboten wurde, das nicht nur aus Bordellen bestand, sondern auch aus den „Juke Joints“ mit Auftrittsmöglichkeiten für ambitionierte Musiker.

Der Berufsmusiker Johnson stellt in diesem Kontext eigentlich keine außergewöhnliche Erscheinung da. Es sind vermutlich einige Faktoren, die ihn zum „König“ machten: Seine Aufnahmen entstanden mit für damalige Zeit überdurchschnittlicher Aufnahmetechnik. Johnsons Stimme hatte nicht die Wucht seiner erfolgreicheren Zeitgenossen. Zum Musikeralltag des Blueskünstlers in der 30ern gehörte es, laut genug singen zu können, um unverstärkt gegen den Kneipenlärm der Juke Joints anzukommen, wo das Publikum trank, spielte, redete und stritt, während die Musiker stundenlang ihre Songs spielten. Bei den Aufnahmen von Johnson kommt dies bei einigen Nummern zu tragen, auf denen er seine ohnehin eigenwillige Stimme senkt und dank der ausreichend hohen Qualität des Equipments einige der frühesten Aufnahmen entstanden, die an Ästhetik vorwegnehmen, was später Technologie und künstlerischer Ausdruck in puncto Intimität hervorbringen sollten.

Als Texter / Songschreiber zeigte sich Johnson ebenfalls eigenwillig. Während die große Mehrheit der Blues Künstler vor allem auf die ersten Zeilen eines Songs achteten, die der jeweiligen Nummer ihren Namen gaben und den Rest der Songs oft aus improvisierten bzw. individuell gesammelten, beliebig wiederholten Reimpaaren ergänzten, gab sich Johnson bei einigen Tracks die Mühe, diese quasi ganz auszuarbeiten. Musikalisch war damals im Blues ohnehin Usus, eine austauschbare Reihe von Standardarrangements zu verwenden, unterschiedliche Grundfiguren, die dann jeweils dem Anlass entsprechend mit den verschiedenen Texten kombiniert wurden.

Zu guter letzt traf dann noch die textliche Ebene einiger Johnson Stücke so mit seiner Biografie zusammen, dass der Weg zum Mythos nicht weit war.
Als Johnson 1938 im Alter von 27 Jahren starb (was ihm zum frühen Mitglied des sogenannten „Klub 27“ macht, dem unter anderem auch die ebenfalls in diesem Alter verstorbenen Idole Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain angehören), wurde er offenbar Opfer eines eifersüchtigen Ehemanns, der ihn mit gestrecktem Schnaps vergiftete. In den von wissbegierigen Johnson-Forschern zuhauf posthum eingeholten Erinnerungen mehr oder weniger glaubwürdiger Zeitgenossen und Wegbegleiter des Blues-Königs wird oft davon erzählt, dass er vor seinem Tode aus allen vieren kriechend mit Schaum vor dem Mund gesehen worden sei.
Das passt zu seinem Song „Hellhound On My Trail“ und zur Legende, Johnson habe seine Seele dem Teufel verkauft, um besser Gitarre spielen zu können. Diesen faustischen Pakt hat er entsprechend an der ebenfalls besungenen „Cross Road“ besiegelt und davon erzählt angeblich auch der Johnson Blues „Me & The Devil“.

Der teuflisch gute Robert Johnson wäre am 08.05. 2011 100 Jahre alt geworden.
Am 07.05. erinnert die School Of Rock um 17:00 Uhr an den Mann aus Mississippi und spielt seine Musik, ein paar Zeitgenossen und Robert Johnson Cover u.a. von Elmore James, Junior Parker, Cream, den Rolling Stones und Cat Power.

Das könnte Dich auch interessieren:

Fela Kuti & Africa ’70 feat. Ginger Baker – „Let’s Start“ Mit Ginger Baker starb am 6. Oktober 2019 einer der einflussreichsten Rock-Drummer. Musikalisch zeigte er sich immer offen; Jazz, Post-Punk und Stoner-Rock sind auch Teil seiner Biografie. 1970 war Bakers Spezialgebiet Afrobeat.
Twin Peaks – „Lookout Low“ (Rezension) Referenz-Pop mit Lounge-Appeal: Auf ihrem vierten Album „Lookout Low“ huldigen Twin Peaks aus Chicago abermals ihren Vorbildern ohne dabei zu Copycats zu verkommen, meint unser Autor Felix ten Thoren.
Fink kündigt neues Album an und veröffentlicht Titeltrack Den Plattentellern hat Fink schon lange den Rücken zugekehrt, um sich dem Schreiben souliger Folk-Songs zu widmen. „Bloom Innocent“, das neue Album seines Projekts Fink, erscheint im Oktober.


Deine Meinung

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.