Die Musik der Sonne – Sun Ra für EinsteigerInnen

Die Musik der Sonne – Sun Ra für EinsteigerInnen

„Die Avantgarde sieht immer so ernst aus. Das will doch keiner sehen!“ – Sun Ra

Als Sun Ra am 30. Mai 1993 an einer Lungenentzündung starb, hinterließ er der Welt einen bodenlos erscheinenden Nachlass: Über 100 Alben und 1.000 Songs wurden von dem großen Afrofuturisten aufgenommen. Inmitten dieser gigantischen Diskografie lauern einige der größten Momente des Jazz: Zusammen mit seiner konstant mutierenden Band The Arkestra lotete Ra den kompletten Rahmen des Genres aus, von frühem Bebop über Hard-Bop und Jazz-Fusion bis zu abstraktem, von allen Konventionen losgelöstem Free-Jazz. Sun Ra persönlich präferierte jedoch seine eigene Wortschöpfung: „Wenn ihr es unbedingt so nennen wollt, dann buchstabiert es P-H-R-E. ‚Ph‘ ist ein definierter Artikel und ‚Re‘ ist der (ägyptische) Name der Sonne. Unsere Musik ist phre – die Musik der Sonne.“

Die riesige Diskografie des am 22. Mai 1914 als Herman Poole Blount geborenen Musikers macht das Dasein als Sun-Ra-Fan eigentlich zu einer Lebensaufgabe – und den Neueinstieg nicht gerade einfach. Anlässlich seines 25. Todestag wollen wir genau das erleichtern: Hier kommen fünf Einstiegsmöglichkeiten in die wundervolle und angsteinflößende Welt des Sun Ra.

„Bassism“ (1961)

Ra war der festen Überzeugung, Mitte der 1930er-Jahre von Aliens entführt geworden zu sein. Auf dem Saturn prophezeiten sie ihm, dass er durch seinen Jazz Frieden predigen solle. Diese Science-Fiction-Esoterik ist ein wichtiges Element seiner Musik – wem Ras Space-Anwandelungen zum Einstieg jedoch zu abgefahren sind, dem sei „The Futuristic Sounds Of Sun Ra“ empfohlen. Auf ihrem ersten und einzigen Album für das Savoy Label spielen Ra und sein Arkestra eine vergleichsweise konventionelle Abart des in den frühen 60er-Jahren populären Hard-Bops – der aber an genau den richtigen Stellen beginnt, in ungewohnte Stratosphären abzudriften. So wird Ronnie Boykins Bassline im Eröffnungsstück „Bassism“ von Marshall Allens außerirdischer Querflöte umgarnt, während die dichten Conga- und Schlagzeugrhythmen von Leah Ananda und Willie Jones subtil den perkussiven Wahnsinn der späteren Arkestra-Platten andeuten.

„We Travel The Spaceways“ (1965)

„We Travel The Spaceways“, zuerst veröffentlicht auf dem 1965er Album „When Sun Comes Out“, demonstriert alles, was die Space-Jazz-Epen von Sun Ra ausmacht: Sowohl die gesungenen Mantras des Arkestras als auch John Gilmores in Sekundenbruchteilen zwischen Atonalität und Tonalität wechselndes Saxofonspiel sind hier vertreten. Was diesen Song etwas verdaulicher macht als epochale Ra-Klassiker wie „The Magic City“ oder „The Sun Myth“: Er ist nur drei Minuten und 21 Sekunden lang. Wer sich hier wohl fühlt, der kann sich auch an diese Mammut-Werke wagen.

„Space Is The Place“ (1973)

„Die Avantgarde sieht immer so ernst aus“, sagte Ra 1986 im Interview mit dem „Musicians Magazine“. „Sie sehen nicht so aus, als hätten sie Spaß. Das will doch keiner sehen!“ Hört man „Space Is The Place“, die möglicherweise bekannteste Komposition von Sun Ra, dann hört man, wie viel Spaß Avantgarde machen kann. Die in diesem Fall 16 Personen starke Arche Ra läuft hier zu hypnotischer Hochform auf und nimmt ihre Hörerschaft mit auf eine über zwanzig Minuten lange Reise Richtung Saturn. Ein Blick in die Albumcredits offenbart, wie dieser vielschichtige Irrsinn funktionieren kann: „So wie jeder Marine Schütze ist, ist auch jedes Mitglied des Arkestra Perkussionist.“ Eine polyrhythmische Out-Of-Body-Experience, die ihresgleichen sucht.

„Twin Stars Of Thence“ (1978)

Wo „Space Is The Place“ sein hypnotisches Potential demonstriert, zeigt das 1978 erschienene Album „Lanquidity“ eine andere Seite: Funk. Die fürs Arkestra unübliche doppelte E-Gitarren-Besetzung eröffnete Ra einen tighten Jazz-Fusion-Sound, vergleichbar mit Miles Davis‘ 70er-Platten wie „Bitches Brew“ oder „On The Corner“. In „Twin Stars Of Thence“ kanalisiert Ra mit seinem E-Piano den Jazz-Funk eines jungen Herbie Hancock, begleitet von einem fast schon an HipHop erinnernden Groove. Das Ergebnis lässt sich nur als Zukunftsmusik beschreiben.

„Love In Outer Space“ (1990)

1990 bekam Sun Ra einen unerwarteten Karriere-Boost: Seine lautstarken Fans Sonic Youth brachten seine Musik an ein neues, jüngeres Publikum. Zeitweise eröffneten die Noise-Rock-Pioniere sogar seine Konzerte. Im selben Jahr veröffentlichte Ra mit „Purple Night“ eines seiner letzten Alben – auf dem er und sein Arkestra noch einmal zur Bestform auflaufen. Besonders seine fast dreißig Jahre alte Kompositionen „Love In Outer Space“ erstrahlt hier in neuem Glanz: Das Arkestra geht es etwas ruhiger an und lässt dafür viel Raum für die Feinheiten von Ras Piano-Spiel. Die Taschentrompete von Don Cherry, dem Musiker, der Ende der 50er zusammen mit Ornette Coleman den Free Jazz erfand, ergänzt den Standard mit ungewöhnlich feinen Klängen. Drei Jahre später starb Sun Ra, Cherry folgte ihm 1995. Somit ist dieser Song ein großartiger Einstieg in die Welt gleich zweier Pioniere: Free-Jazz und Phre-Jazz, Seite an Seite in der Arche Ra.

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