DJ Shadow – „Our Pathetic Age“ (Rezension)

Cover des Albums „Our Pathetic Age“ von DJ Shadow

DJ Shadow – „Our Pathetic Age“ (Mass Appeal)

7,8

Mit einem Biest von einem Album meldet sich Joshua Paul Davis aka DJ Shadow zurück. Ganze 23 Tracks zählt „Our Pathetic Age“, das sechste Studioalbum des Beatschmieds aus Kalifornien. Und wie der Name vermuten lässt, bietet es alles andere als Feel-Good-Vibes. Den Zeitgeist wolle er einfangen, sagt Davis, das Gefühl einer Gesellschaft in einer Welt, die aus den Fugen geraten zu sein scheint.

In zwei Kapiteln – eines rein instrumental und eines mit Gastrapper-Beteiligung – hat er diese dystopische Mammut-Kollektion unterteilt. Bedrohlich beginnt bereits der Opener „Nature Always Wins“, mit knurrenden Drone-Tönen, ähnlich gespenstisch wie die Glitches von „Intersectionality“, die in dieser Form auch in einem Horror-Streifen von John Carpenter erklingen könnten. DJ Shadows Beats bauen sich langsam auf, sind häufig reduziert, manchmal etwas rumpelig, und werden fast immer von flirrend-wabernden Synthies umspielt. Die 90er-Nostalgie eines Breakbeat-plärrenden Ghettoblasters ist dabei in jeder Sekunde des Albums spürbar. Dennoch vermag DJ Shadow auch 23 Jahre nach seinem HipHop-Standardwerk „Endtroducing…“ neue Impulse für die heutige Beatkultur zu setzen. Zum unbestreitbaren Highlight mausert sich in diesem Zusammenhang der vorab veröffentlichte Track „Rosie“, ein Art Up-tempo-Gospel, dessen Samples von Davis zunächst fein säuberlich seziert, anschließend auf verschiedenste Weisen untereinander und mit neuen Elementen kombiniert, und schlussendlich zu einem sphärischen Höhepunkt zusammengefügt werden. Eine Zurschaustellung von Meisterschaft.

Zwischen Partyhit und Datenschutz-Tipps

In der zweiten Hälfte des Albums findet sich dann die halbe Rap-Elite des 90er-Jahrgangs zum Klassentreffen ein. Unter anderem geben sich Nas und Pharoahe Monch die Ehre, die mit dem politisch aufgeladenen „Drone Warfare“ an vergangene Kooperationen anschließen und untermalt von einem treibend-kreischenden Breakbeat gegen die Überwachungsgesellschaft schießen. Das vorab veröffentlichte „Rocket Fuel“ mit De La Soul vermag die Stimmung anschließend wieder etwas zu heben. Tatsächlich handelt es sich bei dem Track um einen echten Partyhit. Der kommt zwar ein Jahrzehnt zu spät, weiß aber mit seiner funky Bläsersektion und herrlich unbekümmerten „Can You Rock It Like Rocket Fuel?!“-Ausrufen doch zu unterhalten.

Ebenfalls besser gelaunt präsentiert sich die Zusammenarbeit mit Run The Jewels auf „Kings & Queens“, während die Wu-Tang-Mitglieder Ghostface Killah und Raekwon über dem wild wütenden Instrumental von „Rain On Snow“ ihren Frust hinausspitten dürfen. Der Storyteller „JoJo’s Words“ setzt sich auf beeindruckende Weise mit dem Thema Suizid auseinander, „Urgent Important Please Read“ verteilt dagegen ganz pragmatische Datenschutzratschläge. Und für einen kurzen Moment wird es dann doch noch etwas peinlich: „C.O.N.F.O.R.M.“ trägt mit seinem Illuminati-Mystery-Arpeggio und den melodramatischen Chor-Patches jedenfalls sehr dick auf. Grundsätzlich lässt sich jedoch sagen, dass fast alle Beteiligten das vorgegebene Thema auf halbwegs elegante Weise meistern und die zu befürchtende Plattitüden-Schlacht weitgehend ausbleibt.

„Our Pathetic Age“ ist im besten Sinne des Wortes Oldschool und richtet sich damit verstärkt an die HipHop-Generation 30+, aber auch versierte NeueinsteigerInnen, Beatmaker und Rap-NostalgikerInnen dürften sich hier wiederfinden. Und wer nach 23 Tracks und anderthalb Stunden Laufzeit immer noch nicht genug hat, dem seien die drei Bonustracks (u. a. mit Pusha T) ans Herz gelegt.

Veröffentlichung: 15. November 2019
Label: Mass Appeal

Bild mit Text: „Ja ich will Radiokultur unterstützen“ / „Freunde von ByteFM“

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