Drake – „Views“ (Rezension)

Cover des Albums Views von DrakeDrake – „Views“ (Universal)

8,2

Man kann Drake lieben, man kann ihn hassen, er kann einem vollkommen egal sein. Eines jedoch kann man nicht abstreiten: Die Popmusik der letzten fünf Jahre prägte er maßgeblich mit. Mit seinem melancholischen Räucherstäbchen-HipHop setzte der Kanadier der Hypermaskulinität der vorigen Rap-Generationen ein neues Männerbild entgegen, das mit Traditionen und Klischees des Genres bricht. Neben Kanye West war es Drake, der ehemalige Kinderschauspieler aus Toronto, der dieses neue Bild im Mainstream etabliert hat.

„Views“ ist Drakes viertes Album, wenn man die Mixtapes nicht mitzählt, die er in beängstigender Geschwindigkeit auf den Markt wirft. Im einzigen Interview, das er zur Veröffentlichung bei seinem exklusiven Streaming-Partner führte, sagte er lakonisch, „Views“ klinge so, wie er sich gerade fühle. Wenn das wahr ist, möchte man nicht in Drakes Haut stecken. Überall wittert er Betrug und Verrat. Als Konsequenz seiner alten Maxime „No New Friends“ zieht er sich schon gleich zu Beginn auf einen noch engeren Kreis zurück: die Familie. An der Spitze ist es einsam.

Über Prince schrieb der amerikanische Autor Touré einmal, er sei deshalb eine Ikone, weil eine Ikone die Themen einer Generation bereits ausspricht, bevor die Generation diese als ihre Themen erkennt. „I made a career out of reminiscing“, singt Drake und beschreibt damit auch die Vergangenheitsobsession der aktuellen Generation von Mittzwanzigern bis Mittdreißigern. Sie vermissen ihre Jugend, obwohl sie sie dank Medienjob, Großstadtwohnung und Turnschuhsammlung so weit wie möglich ins Erwachsenendasein verlängert haben. Drake wird so zu ihrem Sprachrohr, obwohl er ein Leben lebt, das sie sich alle nur in ihren Träumen vorstellen.

Drake hat ein paar gute lyrische Tricks drauf: Er wird so konkret wie möglich, wenn er Geschichten erzählt, nennt Namen und Orte, achtet auf die Details, die seine Erzählung plastisch und bildreich machen. Andererseits bleibt er in seinen Ausführungen so vage wie nötig, um als Person kein offenes Buch zu werden. Wie kaum ein anderer Rapper integriert er Melodie und Gesang in seine Performance, wechselt spielerisch zwischen innovativen Flows für die Rap-Fans und Melodien für Millionen. Der verhallte, sphärisch-minimalistische Sound seines Haus- und Hofproduzenten Noah „40“ Shebib passt perfekt dazu.

Das Problem an „Views“, wenn es überhaupt eines gibt, ist der Umstand, dass der Drake-Sound inzwischen zur Marke geworden ist — und damit auch berechenbar. Die ersten sieben Songs klingen fast wie eine durchgängige Suite, erst im zweiten Drittel des Albums ändert sich die Tonalität: Die Rhythmen werden komplexer, die Songs leichtfüßiger. Allen voran natürlich das vorab ausgekoppelte „One Dance“, das auf einem anderen von Drakes Tricks basiert: Sich funktionierende Elemente großer Songs aus fremden Territorien und vergangenen Epochen einzuverleiben. Hier verbindet er den zeitgenössischen Afropop, mit dem sein Feature-Gast Wizkid gerade Westafrika erobert, mit einem heruntergepitchten UK-Funky-Beat der Crazy Cousinz von 2008.

„One Dance“ bleibt nicht der einzige Hit in der zweiten „Views“-Hälfte: „Controlla“ heißt ein anderer großartiger Tune, „Too Good“ mit Rihanna ein weiterer. Jamaikanische Musik bleibt ein wichtiger Einfluss für Drake, und mit Samples und Drops von Beenie Man und Popcaan würdigt er auch die Inspiration durch diese Kultur. Nicht zuletzt arbeitet er mit „Childs Play“ einen lokalen Hit der Bounce-Kultur aus New Orleans um – ein Thema, das ihn schon 2012 beschäftigte, als er den Bounce-Klassiker „Back That Azz Up“ von Juvenile als R&B-Version interpretierte.

„Views“ ist ein gutes Album, das man bei anderen Künstlern schon als großen Wurf bezeichnen würde. Im direkten, werkimmanenten Vergleich wird es das Spiel nicht so sehr verändern, wie es die Vorgänger „Take Care“ oder „Nothing Was The Same“ getan haben. Es zementiert die Stellung von Drake nicht an der Spitze eines Genres, sondern als ein eigenes Genre. Auch wenn es einsam in Drake-Land zu sein scheint – solange er solch hervorragende Kunst aus dieser Einsamkeit destilliert, leidet er für uns alle.

Label: Universal

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