Gut angestellt – das Greenville Festival 2012

Der Knall von zwei Konfettikanonen eröffnet für mich das Greenville Festival, das am vergangenen Wochenende in der brandenburgischen Provinz nordwestlich von Berlin seine Premiere feierte. Seit Jahren schon warte ich darauf, die Flaming Lips live zu erleben und werde nicht enttäuscht – mit dem bunten Papierschnipselregen eröffnen sie ihren Psychedelic-Rock-Kindergeburtstag zeitgleich mit dem ersten Beat von „Race For the Prize“, dem Opener ihres Meilensteins „The Soft Bulletin“. Riesige Luftballons fliegen über dem Publikum, links und rechts der Bühne stehen je ein halbes Dutzend Tänzerinnen in matrosenhaften Schuluniformen, und Wayne Coyne rauscht mit seiner berühmten aufblasbaren Kugel über unsere Köpfen hinweg, während die Freude darüber im Gesicht jedes Zuschauers erkennbar ist. Spätestens bei der Zugabe „Do You Realize??“ kann man die Glückseligkeit vor der Bühne mit dem Messer schneiden.

Wir vertreiben uns danach erst mal die Zeit mit dem Balkan-Punk von Gogol Bordello, bevor es auf zu Deichkind geht. Deren komplett durchchoreografierte Bühnenshow erinnert mehr an ein okkultes Theaterstück als an ein herkömmliches Konzert – das war vor fünf Jahren mit den Mülltüten noch etwas anarchischer als mit den an Daft Punk erinnerden LED-Helmen heutzutage. Dennoch eine super Show. Danach hat in der Halle DJ „Evil“ Jared Hasselhoff (von der Bloodhound Gang) eine mehrstündige Verspätung, wird aber seinem Ruf gerecht und belohnt die wartenden Festivalbesucher mit einer Runde Jägermeister.

Das war der Freitag und die Zwischenbilanz ist positiv. In erster Linie fällt auf, dass das Festival relativ leer wirkt – ich habe zwar etwas von 10.000 Leuten gelesen, hätte aber höchstens halb so viel geschätzt – der Zeltplatz ist halb leer und dadurch gibt es kein Angestehe und Gedrängel, die Atmosphäre ist entspannt und nett. Da die zwei Hauptbühnen im Wechsel bespielt werden, kommt man somit immer entspannt nach vorn (sofern man das möchte) und muss keine Umbaupausen über sich ergehen lassen. Das Publikum hier ist genauso wie das Line-up bunt gemischt – von Berliner Hipstern über Turbojugend-Anhänger und Swag-Hörige bis hin zu Leuten im mittleren Alter aus den umliegenden Dörfern, die wissen wollen, was hier vor sich geht. Blöd nur, dass man zum Bier bezahlen sein Geld vorher in sogenannte Tokens à einen Euro umtauschen muss; ich habe mich arg an die Überflüssigkeit von Itchy-und-Scratchy-Geld erinnert gefühlt, aber hey – geschenkt.

Der Samstag beginnt mit Stoner Rock der Opas von Red Fang und dem angenehm hymnischen Orchester-Rock von Kellermensch, bevor der Sänger der Kilians trotz angeschlagener Stimme das Publikum mit seinen Mannen und ihrem Indie-Rock Marke Strokes durch seine grundsympathische Art zu begeistern weiß. Ein Udo-Jürgens-Cover („Ich war noch niemals in New York“) tut da sein Übriges. Weitere Erkenntnis des Wochenendes: Marcus Wiebusch wird langsam grau, macht sich aber selbst darüber lustig, dass er trotzdem noch Chucks trägt.

Das nächste Highlight sind The Roots – absolut tight spielen sich ?uestlove, Black Thought, Captain Kirk Douglas und die anderen durch ein 90-Minuten-Set mit Tributen an den dieses Jahr verstorbenen Adam Yauch, an Led Zeppelin sowie Guns N‘ Roses und werfen auch mal Skat-Gesang- und Bebop-Einlagen dazwischen. Die Kinnlade hängt danach auf dem Boden. Viel Zeit, das auf sich wirken zu lassen, hat man aber nicht, denn wenig später fragt H. P. Baxxter: „Are you ready for some hard techno?“ Hell, yes!

Verkatert von Scooter startet der Sonntag mäßig. Der frühe Nachmittag ist verregnet und die Hauptbühne wird von sehr dubiosen deutschen Hardrock/Metal-Bands bevölkert, die eigentlich bis an ihr Lebensende auf Provinzschützenfeste verdammt gehören, damit man ihnen leicht aus dem Weg gehen kann. Zum Glück kommen danach Turbonegro und zeigen den Laffos, wie es richtig geht. Vor allem sind sie schön laut!

Bevor wir dann bei Dizzee Rascals 2-Step-Beats aus dem Hüpfen nicht mehr rauskommen, lassen wir uns von den Newcomern 2:54 begeistern, die sich nach der Stelle des Schlagzeugsolos ihres Lieblingssongs der Melvins benannt haben – wie cool ist das denn bitte? Klingt ein bisschen so, als ob The xx statt R ’n‘ B mehr Shoegaze gehört hätten.

Zum Abschluss betritt eine merkwürdigerweise immer noch lebende Legende die Bühne: Iggy Pop zusammen mit den bösen, dreckigen Senioren der motherfuckin‘ Stooges. Iggy fühlt sich zwischendurch ein bisschen einsam, lädt zum Bühnensturm und will am Ende trotz merkbarer Erschöpfung nicht gehen, sondern haut lieber noch gefühlte sechs Zugaben raus (er lässt sich halt gern bitten), bevor dann nach „Louie Louie“ Schluss ist.

Greenville, für das erste Mal hast du dich ziemlich gut angestellt.

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