Hal Blaine ist tot: Eine Studio-Legende in fünf Songs

Foto von The Wrecking Crew

The Wrecking Crew mit Hal Blaine am Schlagzeug

Legt man einen Hit-Song aus den 60er-Jahren auf, der nicht von The Beatles oder aus dem Hause Motown stammt, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man gerade eine Aufnahme von The Wrecking Crew hört. Das aus zahlreichen Profi-MusikerInnen bestehende Kollektiv aus Los Angeles war die vielbeschäftigste Session-Band des Jahrzehnts. Sie waren die Wall of Sound von Phil Spector. Sie waren das musikalische Rückgrat von Superstars wie Frank Sinatra oder Sonny & Cher. Sie waren die Band, die Brian Wilsons seltsame Psychedelia-Visionen in chartstaugliche Pop-Wunder verwandelte.

Eine der musikalischen Schlüsselfiguren von The Wrecking Crew war Hal Blaine. Der US-amerikanische Schlagzeuger wurde in den 50er-Jahren mit Jazz und Big-Band sozialisiert, entdeckte zum Ende des Jahrzehnts aber den Rock‘n‘Roll für sich. Anfang der 60er-Jahre engagierte Phil Spector ihn für seine damals noch namenlose Haus-Band, die im Verlauf der Dekade zur meistgefragtesten Studio-Band der USA wurde – und der Blaine bis in die 70er-Jahre treu blieb. 1990 erinnerte er sich in seinen Memoiren an die turbulente Zeit zurück, als seine alten Jazz-Kollegen ihm und seiner Band vorwarfen, mit ihrem Rock‘n‘Roll-Sound die Musik-Industrie zu zerstören. Der Name The Wrecking Crew, englisch für „Abriss-Truppe“, war geboren.

Blaine war in den 60er-Jahren so gefragt, dass er sogar einen eigenen Stempel mit der Aufschrift „Hal Blaine strikes again“ entwarf – der die Wände von so ziemlich jedem Studio oder Konzert-Club der US-amerikanischen West-Küste zierte. Er selber schätzte die Zahl der Singles, auf denen er zu hören ist, auf über 6.000. Seine musikalische Handschrift in Worte zu fassen, ist schwierig: Er war ein wahres Studio-Chameleon, das sowohl zart und leise als auch mächtig und donnernd klingen konnte.

Hal Blaine ist am 11. März 2019 im Alter von 90 Jahren gestorben. Wir haben diesen außerordentlichen Musiker in fünf Songs porträtiert.

Elvis Presley – „Can‘t Help Falling In Love“ (1961)

Blaine wurde am 5. Februar 1929 als Harold Simon Belsky geboren. Das Schlagzeugspielen lernte er als Teenager. Einer seiner ersten Jobs war in Count Basies Big Band. Im Vergleich zu seinen elitäreren Jazz-Mitstreitern war Blaine auch für Rock‘n‘Roll-Sessions zu haben, was ihn zum Beginn der 60er-Jahre zahlreiche Gigs einbrachte. Einer der ersten war direkt für den King Of Rock‘n‘Roll persönlich: 1961 spielte er den sanften Puls von „Can‘t Help Falling In Love With You“, Elvis Presleys Mutter aller Schmalz-Balladen. Viel zu tun hatte er auf diesem Song nicht, sein mit Besen gespielter Walzer-Beat klingt dennoch so warm wie ein Kaminfeuer. Ein paar subtile Akzente arbeitete er trotzdem ein: Wenn Presley im Refrain „falling“ singt, stolpert seine Hi-Hat kaum merklich – und das wortwörtliche „fallen“ verwandelt sich in Musik.

The Ronettes – „Be My Baby“ (1963)

In „Can‘t Help Falling In Love“ spielte Blaine noch wie auf Zehenspitzen. Zwei Jahre später klang das ganz anders: Die verhallten Schlagzeugschläge, die 1963 „Be My Baby“ von The Ronettes eröffnen, klingen so mächtig wie ein Gewitterdonnern. Produzent Phil Spector experimentierte zur Zeit mit seiner reizüberflutenden Wall-of-Sound-Technik – und fand in Blaine einen perfekten Architekten, der mit seinen überlebensgroßen Fills ein kräftiges Fundament ausbreiten konnte. „Be My Baby“ ist nicht nur ein perfekter Pop-Song, sondern auch Blaines einflussreichste musikalische Leistung: Sein Dum-Dumdum-Tschak-Beat inspiriert bis heute die Grundlage für unendlich viele Songs, von The Jesus And Mary Chain über Taylor Swift bis zu International Music.

The Beach Boys – „Good Vibrations“ (1966)

Als die musikalischen Visionen von Brian Wilson immer abstrakter und komplexer wurden und seine Gruppe von harmlosen Surf-Pop-Jungs zum Psych-Pop-Kollektiv mutierte, griffen The Beach Boys immer öfter auf die handwerklichen Skills von The Wrecking Crew zurück. Blaine und seine MitstreiterInnen war nicht nur für die vertrackten Barock-Pop-Instrumentals von „Pet Sounds“, sondern auch für Wilsons psychedelisches Opus magnum „Good Vibrations“ verantwortlich. The Wrecking Crew war wahrscheinlich die einzige Gruppe, die diese verschachtelte Pop-Sinfonie leichtfüßig klingen lassen konnte. Blaine wechselt mit spielerischer Leichtigkeit zwischen dem eng gestrickten Shuffle des Refrains und den weiträumigen Synkopen der Zwischenparts. Wilson nannte ihn später den besten Drummer der Welt. Hört man, wie entspannt er mit diesem Wahnsinn mithalten konnte, glaubt man es ihm gerne.

Nancy Sinatra – „These Boots Are Made For Walkin’“ (1966)

„These Boots Are Made For Walking“ ist eine Urgewalt von einem Song. Und dabei auch noch sehr perfide: Die nach unten tänzelnde Bass-Line und das swingende Schlagzeug klingen zuerst so leichtfüßig und kokett, dass man gar nicht merkt, dass man diesem Lied nicht ausweichen kann. Die Rhythmusgruppe nimmt einen sanft an die Hand und lässt einen nicht mehr los, bis am Ende nach Sinatras „Are you ready boots?“ kein Halten mehr ist. Blaines zwischen dezentem Shuffle und treibenden Beats wechselndes Schlagzeugspiel ist für diesen unterschwelligen Sog essentiell. Zuckerbrot und Peitsche gleichzeitig.

Simon & Garfunkel – „The Boxer“ (1969)

Bei der Musik von Simon & Garfunkel denkt man nicht unbedingt an mächtiges Schlagzeugspiel. Das Duo schrieb und sang intime Folk-Balladen, mit zart gezupften Akustikgitarren und verschlungenen Gesangsharmonien. Trotzdem erklingen in wortlosen Refrain von „The Boxer“ plötzlich fast schon brutale Tom-Schläge, mit der Kraft eines Kanonendonnerns. Blaine hämmerte vor einem offenen Aufzugschacht auf seine Drums ein, der Hall klingt so gigantisch, weil er durch durch das ganze Gebäude zog. Das war, was Hal Blaine zu solch einem effektiven Studio-Künstler machte: Er konnte sanft wie sommerliche Regentropfen klingen – und ehrfürchtig wie ein Gewitter. Je nachdem, was der Song gerade braucht.

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