Hannah Epperson – „Slowdown“ (Rezension)

Cover des Albums „Slowdown“ von Hannah Epperson (Listen Records)

Hannah Epperson – „Slowdown“ (Listen Records)

6,4

Wie kann man eine junge Generation für klassische Musik begeistern? Und ist die klassische Musikwelt, wie wir sie kennen, überhaupt noch zu retten? Einen Weg beschreiten gerade Komponisten wie Nils Frahm und Martin Kohlstedt oder die Violinistin Poppy Ackroyd, indem sie Klassik und Elektronik verbinden. Das Motto: Mit der Zeit gehen, statt in der Vergangenheit und auf den strengen Regeln der klassischen Komposition zu verharren. Neoklassik war vor wenigen Jahren noch ein Indie-Phänomen, erfreut sich aber seit kurzem immer größerer Beliebtheit.

Auch Hannah Epperson ist eine Newcomerin der Neoklassikszene, die mit dem innovativen, avantgardistischen Ansatz ihres ersten Albums „Upsweep“ (2016) Aufsehen erregte und bewies, dass sie viel mehr ist als „nur“ eine Geigenvirtuosin. Die in Kanada aufgewachsene Künstlerin lebt mittlerweile in New York. Dort nahm sie die fünf Songs ihrer gleichnamigen, zuvor erschienenen EP für ihr Debütalbum in zwei Varianten erneut auf. Einmal als reduzierte Neo-Klassik-Versionen und ein weiteres Mal als dynamisch-poppige Nummern. So haben die mit dem Alter Ego „Iris“ gekennzeichneten Stücke einen klassischen Ansatz, die „Amelia“ genannten spiegeln die progressivere Seite der jungen Künstlerin wider. Dazu sind ihre Violine und live gespielte elektronische Effekte zwei Konstanten neben Eppersons leisen, klaren Gesang.

Amelia und Iris

Mit ihrem zweiten Album „Slowdown“ führt Hannah Epperson ihr mit „Upsweep“ begonnenes Konzept fort. Die Tracks „20/20“, „Cats Cradle“, „We Will Host A Party“, „Tell The Kids“ und „40 Numbers” erscheinen jeweils in doppelter Ausführung als „Amelia“- und als „Iris“-Versionen auf dem Longplayer.

Die Amelia-Versionen der Songs sind vielfältig arrangiert. Eppersons Stimme sowie die der Violine werden oft verfremdet und geloopt. Samples, Percussions und Synthies bilden eine wabernde, pulsierende, mal dröhnende Klangfläche, in die sich Gesang und Violine einfügen („We Will Host A Party“) oder dominierend daraus hervortreten („Cats Cradle“). Stimmlich erinnert Epperson an Amelia Meath von Mountain Man und Sylvan Esso oder eine ruhigere und weniger gewitzte Kate Nash, ihre Klangbilder teilweise an James Blake wie im sphärischen „Tell The Kids“.

Die Iris-Versionen derselben Songs sind reduziert und minimalistisch. Gesang und Violine treten dominant auf und bilden meist eine Einheit. Epperson singt klar und leise wispernd, die Violine unterstützt mit einzelnen Klängen, klassischen Akkordbrechungen oder wird gezupft. Es scheint, als würde die Violine die Geschichten der Singer-Songwriterin innerhalb der Soli wortlos weitererzählen, mal wehmütig, mal beschwingt. Manchmal jedoch, besonders in „20/20“, tritt ihr Instrument aber auch in einen Widerstreit mit dem Gesang. Weitere Elemente kommen spärlich zum Einsatz und tauchen höchsten als ein Trommeln, Prasseln oder Klirren im Hintergrund auf.

In beiden Fällen kann man nach einer klassischen Popsong-Struktur und Songs mit Ohrwurmcharakter lange suchen. Die Tracks setzen sich aus mehreren Parts zusammen, die sich in Rhythmik, Melodie und Dynamik oft stark unterscheiden. Wie Gefühle, die lange unterdrückt worden sind, brechen Songs unvermittelt und plötzlich aus, um im nächsten Moment schlagartig wieder ins Ruhige, Getragene zu verfallen.

„Slowdown“ ist allen voran ein Album, das mit seinem neuartigen, musikalischen Konzept auffällt. Zwei Versionen derselben Songs auf ein einziges Album zu packen, ist nicht alltäglich. Während die Songs des Hannah-Epperson-Alter-Ego Amelia voller Leben sind und immer einen gewissen Beat haben, wirken die ihres Iris-Ichs im direkten Vergleich aufgrund des minimalistischen Ansatzes etwas unvollkommen und eintönig, ganz so als würde ein Teil der Besetzung fehlen. Als Hörerin entscheidet man sich wohl intuitiv für ein Alter Ego Hannah Eppersons, das mehr den persönlichen Musikgeschmack trifft und lässt damit die andere Version automatisch in den Schatten rücken.

Veröffentlichung: 16. Februar 2018
Label: Listen Records

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