Holly Herndon – „Proto“ (Rezension)

Cover des Albums „Proto“ von Holly Herndon

Holly Herndon– „Proto“ (4AD)

6,0

Pop-Musik ist für Holly Herndon ein trojanisches Pferd. Das sagte die US-amerikanische Musikerin, Produzentin und Wissenschaftlerin jedenfalls kürzlich in einem Interview. Ein Mittel zum Zweck, mit dem sie tiefschürfende Theorien und komplizierte Experimente in eine von außen betrachtet leichter verdaulichen Form verstecken kann.

Nun ist die Musik von Herndon tatsächlich schon immer alles andere als leicht verdaulich gewesen. Würde man einen Standard-Pop-Song durch ein altes 56k-Modem jagen, er klänge wie die Musik, die sie auf ihrem 2012er Debüt „Movement“ und dem Nachfolger „Platform“ erklingen ließ. Blubbernd, zischend, knisternd. Elektronisch, digital, unmenschlich. Wobei letzteres Attribut täuscht: „Der Laptop ist das intimste Instrument“, sagte Herndon einst über „Movement“, auf dem sie menschliche Geräusche an ihrem Computer zu seltsamen Electronica-Collagen zusammenflickte. Auf „Platform“ ließ sie ihre eigene Online-Präsenz überwachen, samplete Fetzen aus privaten Skype-Gesprächen und die omnipräsenten „Pings“ und andere Geräusche aus sozialen Netzwerken.

Auf „Proto“ treibt Herndon das Spiel mit der Maschine und dem Menschen in neue Höhen. Ihr drittes Album ist ihr bisher gemeinschaftlichstes Album geworden: Herndon versammelte ein Chor-Ensemble, anderswo hört man Beiträge der Künstlerin Martine Syms oder der Footwork-Visionärin Jlin. Doch ihr wichtigster Partner trägt den Namen Spawn – eine künstliche Intelligenz, die Herndon gemeinsam mit ihrem Partner Mat Dryhurst und dem Programmierer Jules LaPlace schuf. In Interviews antropomorphisiert sie Spawn zu ihrem „Baby“, ein lernfähiges Wesen, das ihm vorgespielte Musik aufsaugt und eigene Impulse zurückgeben kann.

Wie eine Klausur, für die man nicht gelernt hat

Wie das funktioniert, hört man auf dem Song „Evening Shades“: Ein menschlicher Chor singt eine Hymne, Spawn antwortet mit einem verzerrten, digitalen Echo. Mensch und Maschine im wortwörtlichen Dialog. Das ist aufregend und beklemmend zugleich. Verstörender wird es in „Godmother“: Herndon und Jlin schufen erst einen gemeinsamen Track und ließen ihn dann von Spawn nachsingen. Das Ergebnis klingt wie Musique Concrete auf Amphetamin, stotternder, abstrakter Daten-Lärm. Ohne Kontext ist das ziemlich unhörbar, erst das Hintergrundwissen macht es zu einem faszinierenden Albtraum.

Es gibt ein paar Momente auf „Proto“, die auch ohne das Kontextwissen überwältigen. Die aus menschlichen Chören und digitalem Noise zusammengesetzten Klangwellen in „Eternal“ sind pures Endorphin. „Alienation“ klingt wie ein Chiptune-Remix eines Björk-Songs, der einen immer und immer wieder mit reizüberflutenden Explosionen zuballert – bis man sich nicht mehr wehren kann und sich ganz dieser Musik ergibt.

Doch diese Momente sind selten. „Proto“ ist ein Album, das seinen HörerInnen viel Vorwissen und Engagement abverlangt. Ohne dieses sind ihre Songs undurchdringbar. Kalte, komplexe Klangwolken, in denen man sich an nichts festklammern kann. Zu oft fühlt man sich bei Hören wie in einer Klausur, für die man sich nicht vorbereitet hat. Verwirrt, überfordert und ein bisschen dumm. Ein Album, von dem man viel lernen kann, bei dem der Spaß aber auf der Strecke bleibt.

Veröffentlichung: 10. Mai 2019
Label: 4AD

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